Erdbeben

Und plötzlich kehrt die Angst zurück

Vor der Küste Sumatras bebt die Erde. Erinnerungen an den Tsunami von 2004 erwachen

- Auf dem riesigen Bildschirm mit der Landkarte blinken hektisch rote Dreiecke. Es werden immer mehr. Plötzlich bilden sich blaue Kreise, breiten sich aus wie Wellen. Es ist 14 Uhr 38 Ortszeit in Indonesien. Gellend durchschneidet ein Alarm die Stille der surrenden Computer im Tsunami-Warnzentrum in Indonesiens Hauptstadt. "Attention, attention, earthquake detected!" schnarrt die Computerstimme aus den Lautsprechern, "Achtung, Achtung, Erdbeben entdeckt!"

Schon hat der Computer die Einzelheiten errechnet. Epizentrum: 370 Kilometer vor der Hauptstadt Sinabang der Insel Simeuluë vor der Westküste von Sumatra, Magnitude: 8,5, Tiefe: 22 Meter unter dem Meeresboden.

Eine einzigartige Warnzentrale

Diesmal ist alles glimpflich abgelaufen: "Ein Tsunami wurde nicht erzeugt", sagt Horst Letz der Berliner Morgenpost. "Das Erdbeben wurde lokalisiert, die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten wurde rechtzeitig gewarnt." Der deutsche Seismologe arbeitet als Berater an Indonesiens Tsunami-Frühwarnsystem in Jakarta mit. Von hier aus gehen die Alarmmeldungen raus und werden in alle Winkel des Landes gesendet, wenn wieder eine Todeswelle droht, wie am zweiten Weihnachtstag 2004. Damals hatte ein Beben der Stärke 9,1 nördlich von Sumatra einen mörderischen Tsunami um den Indischen Ozean ausgelöst, der fast eine Viertelmillion Menschen in den Tod riss. Kurz darauf war mit deutscher Spendenhilfe in der indonesischen Hauptstadt eine Tsunami-Warnzentrale entstanden. Mit ihren modernsten Messgeräten und Computersystemen ist sie weltweit einmalig. Das GeoForschungszentrum GFZ aus Potsdam hat die Programme entwickelt.

Panik sei - diesmal - nicht angebracht, so Letz. Bei 450 Kilometern Entfernung von der Hauptküste Sumatras kann die Zerstörung selbst bei einer Magnitude von 8,5 nicht so groß sein. "Gefühlt haben wir das Beben schon, vor allem in Hochhäusern." Auf Sumatra, in Teilen Javas und auch in der Hauptstadt Jakarta habe es schon gewackelt. Aber: "Alles ist gut gelaufen, die Bevölkerung wurde rechtzeitig gewarnt." Doch der Pazifische Feuerring, auf dem sich der indonesische Archipel befindet, bleibt in Aufruhr. Das Inselreich liegt zwischen dem Pazifischen und dem Indischen Ozean: gleich zwei hochgefährliche Gebiete beieinander. Seit Oktober 2011 gehen die Warnungen routinemäßig an alle Anrainerstaaten des Indischen Ozeans heraus, bis an die arabische und afrikanische Küste. Ungewöhnlicherweise hat es diesmal genau auf der Indischen Platte gebebt, "da, wo eigentlich nichts brechen dürfte", so der Seismologe, da müsse man später mal genauer hinschauen, "und das gleich zweimal: ein kleiner Rekord". Im Fall einer Todeswelle "hätten wir 40 bis 45 Minuten Zeit gehabt, die betroffenen Menschen in Indonesien zu warnen", sagt Horst Letz. In nur fünf Minuten muss alles berechnet sein, wenn ein Erdbebenalarm ausgelöst wird. Die "goldene Zeit", in der ein Drama wie das von 2004 verhindert werden kann, sind zwanzig Minuten. So lange braucht eine Todeswelle in der Regel, bis sie vom tiefen Ozean aus das Ufer erreicht.

Das Datenmaterial wird mit Tausenden vom Computer vorausberechneten Szenarien verglichen. Damit sollen Risiken innerhalb von Minuten vorliegen. "Sobald ein Erdbeben eine Magnitude von über 8,0 oder eine Tiefe von über 70 Meter hat, gehen von hier aus die Warnungen raus", sagt Letz. Lokale Behörden in den betroffenen Dörfern werden umgehend informiert. Wenn alles nach Plan geht, soll die Warnung dann über Lautsprecher und Sirenen, sogar über die Minarette der Moscheen verbreitet werden, damit die Menschen rechtzeitig um ihr Leben rennen können. "Die Parole ist: aus dem Wasser, nicht angeln, nicht tauchen, weg vom Wasserrand, zieht euch auf höher gelegenes Terrain zurück", sagt der Experte.

Welle ist 80 Zentimeter hoch

Zehn Wissenschaftler sind im GeoForschungszentrum in Potsdam rund um die Uhr im Einsatz. Am 26. Dezember 2004 hatte es noch 30 Minuten gedauert, bis die Indonesier das fatale Beben im Ozean lokalisieren konnten. "Das schaffen wir heute mit diesem System in zwei bis fünf Minuten", sagt Letz. Über ganz Indonesien sind heute 150 seismische Stationen verteilt, dazu acht Bojen, die rund 200 Kilometer vor der Küste liegen.

Am Abend meldete die indonesische Erdbebenwarte: "Unsere Bojen haben Mini-Tsunamis registriert", es habe mindestens drei Flutwellen gegeben. Die höchste sei auf der Insel Sumatra registriert worden. "Sie war 80 Zentimeter hoch." Und nicht bedrohlich.