Brüssel

Eine Stadt steht still

Nachdem ein Mitarbeiter der Brüsseler Verkehrsbetriebe totgeschlagen wurde, streiken die Gewerkschaften. Und das Land diskutiert über Gewalt

- Den dritten Tag in Folge herrschte am Dienstag in Brüssels U-Bahnstationen gespenstische Stille. Auch Busse und Straßenbahnen fahren nicht. Am ersten Tag nach den Osterfeiertagen schieben sich dafür noch mehr Autos als üblich durch die Zufahrtsstraßen. Wer ein Taxi bekommen will, muss starke Nerven haben. Möglicherweise wird sich daran auch am Mittwoch nichts ändern, denn die Gewerkschaften setzen auf Konfrontationskurs mit der Regierung.

Seit Samstagnachmittag steht der öffentliche Nahverkehr in der belgischen Hauptstadt still. Der Grund heißt Iliaz Tahiraj. Seit fast 30 Jahren arbeitete der gebürtige Albaner für die Stib, die Brüsseler Verkehrsbetriebe. Als "Supervisor" war er am frühen Samstagmorgen zu einer Kreuzung nahe dem Nordbahnhof gerufen worden. Der 56-Jährige sollte einen Unfall aufnehmen, ein Bus war mit einem Auto zusammengestoßen. Routinearbeit für Tahiraj, der bereits seine Papiere für den Vorruhestand unterzeichnet hatte. Der Fahrer des Unfallswagens war belgischen Medienberichten zufolge angetrunken, nach einer langen Diskonacht auf dem Weg nach Hause. Leicht verletzt rief er einen Bekannten per Handy hinzu, der, ebenfalls angetrunken, einen Streit mit dem Stib-Mitarbeiter begann und ihm plötzlich einen Faustschlag ins Gesicht versetzte. Tahiraj, Vater von zwei Kindern, erlag wenige Stunden später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Laut Autopsie wurde er nur von einem Schlag getroffen. Der aber muss brutal gewesen sein. Ein hinzu gerufener Kollege berichtete laut der Agentur Belga, Tahiraj sei so schlimm zugerichtet gewesen, dass er ihn nicht wiedererkannt habe.

Gewalt in Brüssels Bussen und Bahnen ist beinahe tägliche Routine. Schon in der Vergangenheit streikten die Angestellten, weil ein Kollege während der Arbeit angegriffen worden war. Vier Brüsseler Bezirksbürgermeister legten bereits Ende des Jahres ihre jüngste Statistik vor und forderten mehr Sicherheit von der Regierung: Mit 3.155 Delikten hatte die Zahl aller Straftaten im Nahverkehrssystem im Jahr 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent zugenommen. Zum Vergleich: 2011 zählten die Berliner Verkehrsbetriebe 4.091 Delikte - aber Berlin hat drei Mal so viele Einwohner wie Brüssel.

Gefährlicher als Frankfurt

Wieder einmal beginnt die Suche nach den Gründen. Der 28-jährige Täter ist Medienberichten zufolge ein Belgier flämischer Herkunft. Er war zunächst vom Tatort geflohen, stellte sich aber am Nachmittag der Polizei. Er ließ durch seinen Anwalt mitteilen, er habe Tahiraj keinesfalls töten wollen und sei schockiert über die Folgen seines Angriffs. Derzeit deutet nichts auf eine fremdenfeindliche motivierte Tat hin. Tatsache ist, dass Brüssel - wie andere europäische Hauptstädte auch - mit hoher Kriminalität zu kämpfen hat. Der Zeitung "La Dernière Heure" zufolge wurden 2010 in Brüssel rund 33.000 Delikte auf 100.000 Einwohner begangen; in Frankfurt am Main, laut Statistik die "gefährlichste Stadt Deutschlands" waren es gerade einmal die Hälfte. Brüssel ist eine charmante, liebenswerte Stadt - aber abends in den schmutzigen und oftmals von aggressiv wirkenden jungen Männern bevölkerten U-Bahnstationen auf eine Metro zu warten, birgt Risiken. Den Grund für die starke Aggression sehen Beobachter auch in der hohen Arbeitslosigkeit, die besonders junge Männer aus Einwandererfamilien trifft. "Die soziale Kluft wird immer größer", wie die französischsprachige Zeitung "Le Soir" schreibt.

Die belgische Regierung weiß um das Problem. Bei einem Treffen mit dem Stib-Management und Gewerkschaftsvertretern hatte Innenministerin Joëlle Milquet am Montagabend entsprechend angekündigt, in den kommenden Monaten 400 zusätzliche Polizisten einzusetzen - ein Schritt, den die Stib als "beeindruckend" und damit positiv bewertete. Zudem sollen 50 weitere Sicherheitskräfte bei der Stib anfangen. Aber die Gewerkschaften ziehen nicht mit. Sie wollten am Dienstag genau die Vorschläge der Innenministerin prüfen. Angestellte der Verkehrsbetriebe kündigten zudem an, sie wollten nur wieder die Arbeit aufnehmen, wenn das zusätzliche Sicherheitspersonal umgehend eingesetzt wird - und nicht erst im Juni, wie von Milquet geplant.

Streik stößt auch auf Unverständnis

Das Verhalten der Arbeitervertreter erbost mittlerweile die Fahrgäste. Von "Erpressung" sprechen Stib-Nutzer auf der Internetseite von "Le Soir". Die Gewerkschaften würden den Tod eines Kollegen missbrauchen, um ganz andere Forderungen durchzusetzen. Andere drücken ihre Solidarität aus, "aber man soll nicht weiter die Leute bestrafen, die mit all dem nichts zu tun haben", so ein anderer Kommentar. "Glauben die Stib-Mitarbeiter allen Ernstes, dass sich die Gesellschaft ohne den Streik nicht die richtigen Fragen gestellt hätte?", fragt der Kommentator von "L'Avenir".

Freunde und Familie trauern um Iliaz Tahiraj, dessen beide Kinder ebenfalls für die Stib arbeiten. "Er war ein außergewöhnlicher Kollege", sagt Abdelahq Bouazza. Er war mit Hunderten Mitarbeitern am Montagmorgen zu einem Trauermarsch zum Tatort gekommen. "Ein Bruder hat uns verlassen", sagt er.