Waffenschieber

25 Jahre Haft für den Händler des Todes

Ein Gericht in New York verurteilt den russischen Waffenschieber Viktor Bout - der beteuert bis zum Schluss pathetisch seine Unschuld

- Viktor Bout hat Talent zum theatralischen Auftritt. "Der stolze Krieger ergibt sich nicht", zitierte der Russe ein heimatliches Lied aus dem russisch-japanischen Krieg, als er von einem New Yorker Bundesbezirksgericht am Donnerstag wegen Waffenhandels und Verschwörung mit dem Ziel der Tötung amerikanischer Staatsbürger zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war. Zuvor hatte Bout, der 2008 in Thailand bei einem Scheingeschäft mit vermeintlichen kolumbianischen Farc-Rebellen verhaftet worden war, erneut seine Unschuld behauptet. "Gott kennt die Wahrheit", wandte er sich direkt an die beiden amerikanischen Undercover-Agenten im Zuschauerraum, die ihm gemeinsam mit der thailändischen Polizei die Falle in Bangkok gestellt hatten. "Möge Gott Ihnen vergeben. Ihm werden Sie antworten müssen, nicht mir."

Eine Geschichte für Hollywood

Der 45-jährige Bout, der von dem Gericht bereits im November schuldig gesprochen worden war und nun das Strafmaß verkündet bekam, ist eine der schillerndsten Figuren des internationalen Waffenhandels. Hollywood hat einer ihm nachempfundenen und von Nicolas Cage gespielten Figur 2005 den sehr eindrücklichen Film "Händler des Todes" (Original: "Lord of War") gewidmet. Bout, der Schwiegersohn eines hochrangigen KGB-Funktionärs, soll in großem Maßstab Waffen und Munition aus Beständen der einstigen sowjetischen Armee und aus neuerer bulgarischer Produktion in den Nahen Osten und in afrikanische Staaten verschoben haben. Er gründete nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen eine eigene Fluglinie, Air Cess, und handelte mit der Rebellenorganisation Unita in Angola ebenso wie mit der Hisbollah in Syrien. Seine Waffen wurden entgegen internationalen Embargos und Sanktionen in den Bürgerkriegen im Kongo, in Sierra Leone und Ruanda eingesetzt.

Bout, der lange in den Arabischen Emiraten lebte und von dort aus operierte, war Geschäftspartner des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi und des Liberianers Charles Taylor. In einem Untersuchungsbericht der Vereinten Nationen heißt es unter Berufung auf südafrikanische Erkenntnisse, der 1967 im heute tadschikischen Duschanbe geborene Bout habe "mindestens fünf Pässe, darunter zwei russische und ein ukrainischer".

In Afghanistan hat Bout nach seiner eigenen Darstellung die Kämpfer der mit den USA verbündeten Nordallianz bewaffnet. Die USA glauben hingegen, Bout habe ebenso die Taliban unterstützt und mit seinen Flugzeugen Goldvorräte der Terrororganisation al-Qaida außer Landes gebracht.

In dem Verfahren in New York ging es nicht um diese lange Liste schwerwiegender Vorwürfe, sondern ausschließlich um das vermeintliche Geschäft mit den kolumbianischen Farc-Terroristen im Jahr 2008. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der international gesuchte Bout angeblich schon aus allen aktiven Geschäften zurückgezogen.

Er lebte mit Frau und Tochter in einer Villa in Russland, als ihn die US-Agenten unter der Legende, sie wollten für die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) Waffen, darunter Flugzeugabwehrraketen, kaufen, nach Bangkok lockten. Die falschen Agenten sollen ausdrücklich darauf hingewiesen haben, dass sie damit auch US-Streitkräfte angreifen wollten. Bout wurde von der thailändischen Polizei verhaftet.

Russland protestierte gegen die Festnahme und eine Auslieferung Bouts in die USA. Ein Strafgericht in Bangkok entschied im August 2009 gegen die Auslieferung. Der Urteil wurde von einer höheren Instanz kassiert und Bout im November 2010 nach New York überstellt. Ein Jahr später folgten der Schuldspruch und jetzt das Urteil. Erneut gab es Proteste aus Moskau. Allerdings meldete sich das Außenministerium nur mit einem Statement zu Wort. Das gilt international als eher gemäßigte Form des Widerspruchs und nicht als offene Konfrontation.

Verzicht auf "lebenslänglich"

Dass Bundesrichterin Shira A. Scheindlin auf ein mögliches "Lebenslänglich" verzichtete und sich stattdessen für das unterste Strafmaß entschied, ist aus Sicht von Bouts Ehefrau ein Teilsieg für den Angeklagten. Scheindlin argumentierte, wäre der Angeklagte nicht in das Scheingeschäft gelockt worden, "gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass Bout jemals die Verbrechen, die ihm vorgeworfen werden, begangen hätte".

Die Richterin verfügte zusätzlich zu den 25 Jahren Haft eine Bewährungszeit von fünf Jahren und eine Strafzahlung in Höhe von 15 Millionen Dollar. Das war genau der Betrag, um den es in dem Scheingeschäft mit den angeblichen Farc-Unterhändlern ging.

"Willkommen im Internet-Zeitalter und in einer Zeit", schreibt Bout auf seiner eigenen Homepage, "in der jede Geschichte ohne Tatsachen oder Beweise zur Wahrheit werden kann, wenn sie nur oft genug verbreitet wird durch diejenigen, die von ihr profitieren."

Der "Händler des Todes" handelt nicht mehr mit Waffen, sondern mit der Legende von seiner Unschuld - und die mag ihm niemand mehr abnehmen.