Mordfall Lena

Zugriff nach einer Woche Horror

Im Mordfall Lena aus Emden hat die Polizei einen neuen Verdächtigen festgenommen - sie stützt sich auf einen DNA-Test

- Und am Ende gibt es wieder eine neue Spur: Die Polizei hat am Samstag einen 18-Jährigen vorläufig festgenommen. Das teilten die Staatsanwaltschaft Aurich und die Polizeiinspektion Leer/Emden mit. Ein DNA-Test habe einen Verdacht gegen den 18-Jährigen ergeben. Der vorläufig letzte Akt nach sieben Tagen voller falscher Verdächtigungen und absurder Wendungen.

Der Bürgermeister sprach schon sehr bald nach dem Fund der toten Elfjährigen davon, dass dieses Verbrechen ein Trauma für die ganze Stadt sei. Die meisten hielten das für hohle Worte, etwas, was ein Bürgermeister sagen muss, um eben auch etwas hinzuzufügen zu dem Reigen aus Verlautbarungen. Doch wie sehr der Tod des Mädchens die Stadt wirklich erschütterte, sah man spätestens am Montag. Da trafen sich mehr als 1500 Menschen auf diesem zugigen Bahnhofsplatz in stillem Gedenken. Damals war die Stimmung noch von Trauer und Fassungslosigkeit geprägt, die Menschen hielten Kerzen in den Händen, die sie nach und nach am Tatort abstellten: an diesem Parkhaus in der Innenstadt eben, neben dem Kino in Sichtweite des Polizeikommissariats, das ein Klotz von unsagbarerer Hässlichkeit ist. Hinter diesen Mauern ging die Sonderkommission ihrer Arbeit nach.

Über Facebook hatten einige Emder zu der Gedenkveranstaltung aufgerufen. In der örtlichen Presse berichtete man wohlwollend über diese Geste der Anteilnahme, man ließ auch den Pfarrer zu Wort kommen, der spekulierte, wie sehr diese Art von Mitgefühl Lenas Familie helfen werde. Damals betrachteten Ermittler und Öffentlichkeit die Emder Facebook-Gemeinde noch wohlwollend als ein Forum, auf dem man seinen Gefühlen freien Lauf lassen konnte, meist Bestürzung und Trauer, ein harmloses Auffangbecken eben. Doch dann schlug die Stimmung völlig um.

Nun weiß man nicht, wo dies geschah in der Stadt. Beim Bäcker, im Supermarkt, in der Kneipe - oder im Netz, doch sicher ist, dass bereits vor der Festnahme des 17-Jährigen, vor Haftbefehl und Untersuchungshaft, bei vielen die Trauer, die Anteilnahme dem Gefühl wich, etwas tun zu müssen, das über das Ablegen von Blumen und dem Anzünden von Lichtern hinausging. Es gab Menschen in Emden, die klüger sein wollten als die Polizei, und vor allem als die Presse.

"Hängt ihn auf!"

Kamerateams zogen durch die Stadt, Reporter standen vor Häusern herum, sprachen besonders gern Jugendliche an, die sich auf der einen Seite geschmeichelt fühlten, auf der anderen Seite aber eben auch nichts zu sagen hatten. Der zuständige Staatsanwalt Bernard Südbeck mahnte zur Verantwortung, die auch die Medien trügen - er hatte recht.

Es gab Journalisten, die Jugendlichen 20 Euro in die Hand drückten, damit sie vor der Kamera ein bisschen traurig guckten und sagten, wie schlimm das mit der kleinen Lena doch ist. Und später wurden auch 50 Euro bezahlt, damit Jugendliche ihren Facebook-Zugang bereitstellten, um auf das Profil des 17-Jährigen zugreifen zu können.

Doch nicht deswegen schlug in Emden irgendwann die Stunde der Wichtigtuer und Denunzianten. Die waren schon vorher da, verbreiteten Gerüchte über den später Festgenommenen, dessen Familie, auch über andere, darunter auch die Familie des Opfers. In der Presse war darüber nichts zu lesen, auch die gern zu solchen Anlässen gescholtenen Boulevardmedien hielten sich zurück. Sie wurden ihrer Verantwortung weitgehend gerecht. So wurde der 17-Jährige in den Medien nicht als Täter vorverurteilt, es wurde auch nicht in Zeitungen dazu aufgerufen, ihn zu steinigen, aufzuhängen, ihn zu foltern - und kein Journalist forderte, das Polizeikommissariat zu stürmen, um den Jugendlichen "da rauszuholen".

Allerdings konnte man diese und ähnliche Aussagen bei der Emder Bevölkerung nach der Festnahme hören. Und weil ein soziales Netzwerk wie Facebook wohl nur ein Spiegel der Gesellschaft ist, las man so etwas auch hier. Deshalb traf sich der Mob vor der Wohnung des Verdächtigen, deshalb traf er sich vor dem Kommissariat, und deshalb belagerten auch rund 50 Menschen in der Nacht zu Mittwoch bis vier Uhr morgens das Polizeigebäude. Den Medien dafür den Schwarzen Peter zuzuschieben, wie Staatsanwalt Südbeck es in einer Pressekonferenz tat, zeugt von Realitätsverlust. Oder ist es ein Manöver, um von Fehlern der Ermittlungsbehörden abzulenken?

Viel Kritik mussten die Ermittler einstecken, nachdem sie den 17-Jährigen am Freitag wieder freigelassen hatten. Zuallererst die des Kriminologen Professor Christian Pfeiffer, der die Emder Polizei bereits am Donnerstag für die Aufstände des Mobs verantwortlich machte, als der 17-Jährige gerade erst als Untersuchungshäftling in die Jugendstrafanstalt Vechta eingeliefert worden war: "Es war ein Fehler, den Tatverdächtigen sensationsheischend mit Handschellen abzuführen und so zu tun, als habe man den Täter", sagte er, und, dass er auch unauffällig durch einen Hinterausgang hätte gebracht werden können. Nachdem sich herausstellte, dass der 17-Jährige unschuldig ist, forderte Pfeiffer gar, dass sich die Behörden für ihren Fehler entschuldigen müssen, auch die Medien hätten durch eine übertrieben emotionale Berichterstattung dazu beigetragen, dass der Jugendliche "zur Zielscheibe der Aggressionen geworden ist", sagte er.

Auch die Politik meldete sich zu Wort. CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl etwa sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger": "Polizei und Staatsanwaltschaft haben ein Interesse an einem raschen Fahndungserfolg. Deshalb sind sie manchmal etwas voreilig und riskieren zu häufig einen zu schnellen Gang an die Öffentlichkeit."

Doch eigentlich geht diese Kritik fehl. Denn sie stammt von Menschen, die den Fall gar nicht beurteilen können, weil sie zu weit weg sind, weder die Stimmung in der Stadt einschätzen können noch Einblick in die Ermittlungen haben. Es gab keinen Hinterausgang, aus dem die Behörden den 17-Jährigen hätten abführen können, zumal die Nachbarn der Familie auf die Festnahme aufmerksam wurden, die nicht still und leise, sondern mit Geschrei und Tränen vonstattenging. Die Meldung über eine Festnahme war ein paar Minuten danach schon in der Welt. Den Behörden blieb deshalb auch gar nichts anderes übrig, als an die Öffentlichkeit zu gehen, mitzuteilen, dass sie einen Verdächtigen haben, alles andere hätte die Stimmung wohl nur noch mehr aufgeheizt. Anders als in vergleichbaren Fällen war es auch nicht mehr möglich, die Presse um Stillschweigen zu bitten.

Im Fall des getöteten Mirco aus Grefrath etwa hatte sie das getan. Auch hier gab es vor der Festnahme des eigentlichen Täters mindestens zwei Tatverdächtige, die von der Polizei befragt worden waren. Manche Presseleute wussten davon, hielten sich aber mit der Berichterstattung auf Bitte der Ermittler zurück. In Emden war ein solches Arrangement nicht möglich. Die Netzgemeinde wusste von der Festnahme. Wie die Emdener reagiert hätten, wenn Polizei und Presse sie verschwiegen hätte, mag man sich nicht ausmalen.

Die Fehler der Behörden

Allerdings gibt es einen anderen Kritikpunkt, der bisher noch nicht angesprochen wurde, nämlich, ob die Festnahme des Jungen eigentlich wirklich geboten war. Der Leiter der Sonderkommission, Werner Brandt, berichtete am Morgen nach Ausstellung des Haftbefehls davon, dass eine Frau der Polizei berichtet habe, der 17-Jährige verhalte sich seltsam seit dem Mord. So erst sei man auf ihn aufmerksam geworden. In den Verhören habe sich der Junge dann in Widersprüche verwickelt, sein Alibi sei nicht schlüssig gewesen sein. Und es soll andere Indizien gegeben haben, die seine Täterschaft wahrscheinlich gemacht hatte.

Welche Indizien das waren, wollte der Ermittler damals aus taktischen Gründen nicht sagen. Ob man diese Indizien aber nicht hätte überprüfen können, ohne den 17-Jährigen festzunehmen, bleibt aufzuklären. Ebenso, wie es sein konnte, dass eine Richterin dem Antrag des Staatsanwaltes auf Untersuchungshaft stattgibt, obwohl die Hinweise auf die Täterschaft wohl doch eher dürftig waren. "Wir haben uns da nicht mit Ruhm bekleckert", gibt auch ein an den Ermittlungen Beteiligter unter der Hand zu.

Zumindest ist bei der Suche nach dem wirklichen Täter "wertvolle Zeit verloren gegangen, weil man damit beschäftigt war, Indizien gegen meinen Mandanten zu suchen", sagt der Pflichtverteidiger des 17-Jährigen, Ralf Giese. Und auch wenn Staatsanwalt Südbeck vor der Festnahme vom Samstag abwiegelte - "Wenn Sie fragen: Gehen die Ermittlungen jetzt von vorne los? Nein, das gehen sie nicht. Wir stecken mitten in den Ermittlungen und wir werden mit Hochdruck weiterarbeiten" - man muss dem Verteidiger des 17-Jährigen zustimmen.

Eine Ermittlungsgruppe kann nicht alle Hinweise, alle Spuren, alle Richtungen eines Falles gleichwertig behandeln. Die Kunst liegt ja gerade darin, Schwerpunkte zu setzen, Vielversprechendes zu verfolgen, und weniger Erfolg versprechende Ansätze hintenanzustellen. Dass der 17-Jährige zum Hauptverdächtigen gemacht wurde, war ein Fehler, der Zeit und Ressourcen gekostet hat. Und was das Schlimmste ist: Dieser Fehler hat äußerst fatale Auswirkungen auf das Leben eines jungen Mannes und dessen Familie.

Am Samstag feierte der Junge seinen 18. Geburtstag, gemeinsam mit seinem Vater, in Sicherheit, irgendwo "außerhalb von Emden", wie sein Anwalt mitteilte. Der Junge ist in polizeilicher und psychologischer Betreuung. 23 Stunden lang war er allein den Verhören der Polizei ausgesetzt, erst zum Haftprüfungstermin wurde sein Anwalt hinzugezogen. "Der Junge ist an seine Grenzen gekommen, ich glaube nicht, dass er in Emden noch mal glücklich werden und unbehelligt durch die Gegend laufen kann", sagt sein Anwalt. Eine Angehörige meldete sich in der "Emder Zeitung" zu Wort: "Wir wünschen uns so sehr, dass er hier wieder normal leben kann." Doch "jetzt weiß jeder, wo er wohnt. Überall wurde das Haus gezeigt, in dem er lebt. Er selbst hat Angst, nach Emden zurückzukommen." Viele in seiner Familie, die ja auch unter der Vorverurteilung gelitten hat, müssten psychologisch betreut werden. "Wie ein Horror-Film" komme ihnen das alles vor. Wie man sich angesichts dieser Situation nach der Freilassung des Jungen vor die Presse stellen und sagen kann: "Wir haben zu jeder Zeit richtig gehandelt", bleibt das Geheimnis des Oberstaatsanwaltes Bernard Südbeck. Nun gibt es mit dem festgenommenen 18-Jährigen einen neuen Verdächtigen. Nicht mehr, nicht weniger.

Am Freitag fand die Beisetzung der Elfjährigen statt. Die Familie hatte um eine stille Trauerfeier ohne Öffentlichkeit gebeten, und die Öffentlichkeit hielt sich daran. Die Predigt des Pastors wurde in Absprache mit der Familie mit Lautsprechern übertragen, falls doch noch Schaulustige den Weg zu dem abgesperrten Friedhof finden. Das Mädchen liegt nun in einem weißen Sarg. Lena sei ein ganz besonderes Kind gewesen, bei allen beliebt, von allen verehrt, eine ganze Stadt, eine ganze Region trauere mit der Familie, sagte der Pfarrer. Und er sagte noch etwas: "Die Stadt hat sich verändert."