Polizei

Nach Lenas Tod regieren Gerüchte und Hass

Auch nach der Verhaftung eines Tatverdächtigen halten sich die Ermittler in Emden bedeckt

- Sie alle erzählen. Auch von seiner unbeteiligten Familie weiß jeder was. Sehr viel Böses wird im Moment über den 17-Jährigen und seine Familie erzählt, was vielleicht in der Natur der Sache liegt, schließlich soll er Lena, das Mädchen, das manche hier schon als "Engel von Emden" bezeichnen, getötet haben. Und aus all dem Klatsch erwächst langsam, aber sicher ein Klima des Hasses, das kaum zu entschuldigen ist.

Wie weit das geht, trug in der Pressekonferenz im Emdener Polizeirevier der Leiter des zentralen Kriminaldienstes, Martin Lammers, vor. So hat ein 18-Jähriger nach der Festnahme des Tatverdächtigen auf Facebook dazu aufgerufen, das Emder Polizeirevier zu stürmen, was einen Mob aus beinahe 100 Menschen mobilisierte, die "Todesstrafe für Kinderschänder" skandierten, die davon sprachen, den Verdächtigen steinigen zu wollen, die ihn, dessen Schuld noch nicht einmal erwiesen ist, wie die Behörden sagen, derart entmenschlichten, dass man vor Scham im Boden versinken wollte. Bis vier Uhr am Morgen ging dieses unwürdige Spektakel auf dem Bahnhofsvorplatz unweit der Stelle, an der das Mädchen getötet wurde. Gesicherte Erkenntnisse gibt es dabei immer noch wenig, zumal die Behörden sich sehr mit Informationen zur Tat und zum Verdächtigen zurückhalten. "Er steht im Verdacht, die Elfjährige in Verdeckungsabsicht getötet zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung", sagte der leitende Staatsanwalt Bernard Südbeck. Eine Frau hatte die Ermittler auf den nun in Untersuchungshaft sitzenden Jugendlichen hingewiesen, sagte der Leiter der unverändert 40 Mann starken Sonderkommission "Parkhaus", Werner Brandt.

Ungewöhnlich hätte sich der Tatverdächtige verhalten, die Ermittler hätten ihn dann am Dienstagabend in der Wohnung seines Vaters festgenommen. In ersten Vernehmungen hätte er die Fragen der Beamten beantwortet, sich in Widersprüche verwickelt, die Tat jedoch nicht zugegeben. Am Abend schließlich beantragte die Staatsanwaltschaft bei der zuständigen Richterin Haftbefehl.

Es gibt "Indizien", die gegen den Berufsschüler sprechen, aber keine klaren Beweise, sagte Brandt. So stellte sich etwa das Alibi, das der 17-Jährige für die Tatzeit angegeben hatte, als falsch heraus, doch es gebe auch andere Hinweise auf ihn als Täter. Tatort-Spuren, die "möglicherweise" auch DNA enthielten, würden derzeit noch beim Landeskriminalamt in Hannover untersucht. Ein Ergebnis werde erst in einigen Tagen vorliegen.

Der Berufsschüler sitzt nun in einer Jugendjustizanstalt. Die Polizei ermittelt weiter "in alle Richtungen" und mit gleichem Aufwand, sagte Brandt. Inzwischen seien mehr als 150 Hinweise von Bürgern eingegangen, und man hoffe auf weitere, zumal seit gestern eine weitere Sequenz der Überwachungskameras online gestellt sei. Martin Lammers sagte, dass in sozialen Netzwerken auch Unschuldige der Tat bezichtigt wurden. Dies habe die Arbeit der Mordkommission erschwert. Der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer aus Hannover macht dagegen die Emder Polizei für die Aufstände verantwortlich: "Es war ein Fehler, den Tatverdächtigen sensationsheischend mit Handschellen abzuführen und so zu tun, als habe man den Täter." Der Verdächtige hätte unauffällig durch einen Hinterausgang gebracht werden können. Der elfjährige Begleiter von Lena werde zurzeit psychotherapeutisch behandelt, sagte Brandt. Der Junge stehe unter Schock und werde von der Polizei zunächst nicht weiter befragt, er müsse zur Ruhe kommen. Die Gesundheit des Jungen stehe für die Polizei im Vordergrund, er sei aber befragt worden.

Lenas Beisetzung soll auf Wunsch der Familie im engsten Kreis stattfinden. Nur einem Kamerateam und einem Fotografen soll die Möglichkeit der Teilnahme eingeräumt werden. Der Leiter des Polizeikommissariats Arno Peper sagte, die Familienangehörigen befänden sich in Betreuung von speziell geschulten Beamten an einem besonderen Ort.