Ermittlungen

Der Verdächtige schweigt

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Torsten Thissen

Drei Tage nach dem Mord an der elfjährigen Lena hat die Polizei einen 17-Jährigen in Emden festgenommen - Gericht erlässt Haftbefehl

- Tatsächlich leidet Emden unter dem Tod von Lena, die nur elf Jahre alt wurde, weil ein Mann sie am vergangenen Sonnabend vergewaltigt und getötet hat. Das ist spürbar, wenn man durch die Straßen geht, und es verwundert nicht, dass die Stadt selbst eine Belohnung von 10.000 Euro für Hinweise ausgesetzt hat, die zur Aufklärung des Verbrechens führen. Oberbürgermeister Bernd Bornemann hat recht, wenn er Lenas Tod als "traumatisch" für ganz Emden bezeichnet.

Lena starb nicht in irgendeinem dunklen Wald oder in einem Mörderhaus am Rande der Stadt, sie starb mitten in ihrem Zentrum. Das Kino ist direkt nebenan, die lokale Zeitung hat hier ihre Redaktionsräume. Der Bahnhof ist um die Ecke, mit ein paar Schritten kommt man in die Fußgängerzone - und das Polizeirevier ist in Sichtweite.

Dort saß der Verdächtige, den die Polizei am Dienstagabend festnehmen konnte, über mehrere Stunden und wurde verhört. "Er hat noch nichts gesagt", sagte eine Polizeisprecherin noch am Mittwochnachmittag. Am Abend wurde bekanntgegeben, dass es sich um einen 17 Jahre alten Jugendlichen handelt. Dann wurde er einer Haftrichterin vorgeführt. Am Abend zuvor war er in einem Mehrfamilienhaus 500 Meter vom Tatort entfernt festgenommen worden, ein Wohnungsblock im Emder Stadtteil Port Arthur, vor dem sich nun immer mehr Menschen versammeln, Schaulustige, Reporter, Fernsehteams. Ohne einen Haftbefehl dürfte der Verdächtige höchstens 24 Stunden lang festgehalten werden und müsste danach wieder freikommen. Nach unbestätigten Angaben soll ein 15-jähriger Schüler der Polizei den entscheidenden Tipp zur Festnahme gegeben haben. Er soll ihn auf dem Video am Gang erkannt haben, zur Polizei gegangen sein und seinen Verdacht geäußert haben. Laut "Bild"-Zeitung handelt es sich bei dem Verdächtigen um einen Schüler, der die 9. Klasse einer Hauptschule in Emden besucht. Polizeisprecherin Sabine Kahmann sagte, die Mordkommission werde mit Hochdruck sämtliche Indizien und beweisrelevanten Informationen zusammentragen, die notwendig sind, um den Tatverdacht zu konkretisieren.

Viel sagt die Polizei zu dem Fall, zum mutmaßlichen Täter nicht. "Wir werden heute keine Informationen mehr herausgeben, egal wie das ausgeht", hieß es zunächst. Doch am Abend wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen. Am Dienstagabend hatte die Polizei mit der Veröffentlichung zweier Sequenzen noch einmal den Druck auf den Täter erhöht. Einmal sah man von Weitem eine dunkel gekleidete Gestalt eilig auf eine Tür zugehen, ein andermal sah man offenbar dieselbe Gestalt stark gepixelt, aber näher: ein Mann, schlank, er trägt einen Kapuzenpulli, Jeans und Turnschuhe. Ein Jedermann.

Viele DNA-Spuren am Tatort

Allerdings ist davon auszugehen, dass es mehr Indizien gibt, die den Verdächtigen mit der Tat in Zusammenhang bringen. Erfahrungsgemäß dauert es, bis die ständige Konfrontation mit Indizien einen Verdächtigen dazu bringt, die Tat zu gestehen. Wenn er denn der Täter ist, wird er irgendwann keine Erklärungen, keine Ausflüchte, keine Schlupflöcher mehr finden. Es soll viele DNA-Spuren am Tatort gegeben haben, mit denen das LKA Niedersachsen in Hannover am Mittwochnachmittag noch beschäftigt war. Auch überprüft die Polizei Parallelen im Fall einer im November angegriffenen Joggerin, die auf den Wallanlagen der Stadt unterwegs war.

Auch andere ungelöste Fälle aus der Region würden noch einmal auf Parallelen untersucht, sagte ein Ermittler. Immer noch gehen Hinweise aus der Bevölkerung ein, von Menschen, die Lena auf ihrem letzten Weg gesehen haben wollen. Sie war mit dem Fahrrad unterwegs, wollte mit einem gleichaltrigen Jungen zum Entenfüttern fahren. Die Kinder kannten sich, seit sie zwei Jahre alt waren, und spielten regelmäßig miteinander. Später am Abend verloren sie sich vor dem Kino offenbar aus den Augen, zumindest fuhr der Junge allein nach Hause und erzählte alles seiner Mutter. Gemeinsam mit Lenas Mutter und ihrem Stiefvater beteiligte er sich auch an der Suche nach seiner Freundin. Ob auch er, wie die Mutter, dabei war, als ein Wachmann des Parkhauses schließlich das tote Kind in einem Treppenaufgang fand, ist unklar. Der Junge wird seit Samstag auf jeden Fall vom Krisendienst betreut und steht immer noch unter Schock. Ebenso Lenas Familie - Mutter, Stiefvater und die beiden Brüder -, die an einem geschützten Ort untergebracht sind.

Manfred Bruns hat inzwischen ein Spendenkonto für die Familie eingerichtet. Der ehemalige Polizist sagte, viele hätten ihn angesprochen, wie sie der Familie denn helfen könnten.

Kontonummer: 8007079000, Bankleitzahl: 28020050 bei der Oldenburgischen Landesbank, Stichwort "Für Lena".