Prozess

Mit 100 km/h über die Kreuzung

Vor zwei Wochen war es plötzlich sehr still an einer sonst sehr belebten Straße im Hamburger Stadtteil Eppendorf. Um 16.45 Uhr standen an der Kreuzung am Eppendorfer Baum, wo sechs Straßen aufeinandertreffen, viele Menschen, schweigend. Ein Augenblick des Gedenkens und der Erinnerung.

Denn vor genau einem Jahr starben bei einem Unfall an der Kreuzung Eppendorfer Baum und Lehmweg vier Menschen: Der Sozialforscher Günter Amendt und der Theater- und Fernsehschauspieler Dietmar Mues und seine Frau starben noch an der Unfallstelle, die Bildhauerin Angela Kurrer - sie war die Stiefmutter des Schauspielers und Berliner "Tatort"-Kommissars Dominic Raacke - erlag ihren Verletzungen wenig später im Krankenhaus.

Hätte er überhaupt fahren dürfen?

Ein Auto war in eine Fußgängergruppe gerast, hieß es zunächst, doch schon bald darauf stellte sich heraus, dass die Geschichte hinter dieser Tragödie weniger einfach ist als zunächst angenommen. Nun, zwei Wochen nach dem Jahrestag des Unglücks, wird dem Unfallfahrer Caesar S. vor dem Hamburger Landgericht der Prozess gemacht. Vor diesem muss er sich von heute an für den Tod der vier Menschen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 39-Jährigen fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs vor.

Den Ermittlungen zufolge fuhr der Angeklagte mit mindestens 100 Stundenkilometern bei Rot über eine Ampel und rammte auf der Gegenfahrbahn einen Wagen. Daraufhin überschlug er sich mit seinem Auto mehrfach und wurde in eine Menschengruppe geschleudert.

Das Gericht wird wohl vor allem die juristische Schuldfähigkeit des Angeklagten beschäftigen. Nach dem Unglück wurde nach und nach bekannt, dass er unter epileptischen Anfällen leidet. Und dass er schon mehrfach in Unfälle verwickelt war. 2004 verursachte er einen Unfall auf der Bundesstraße 49. Er selbst wurde schwer, zwei weitere Beteiligte leicht verletzt. Richtig geklärt ist nicht, ob Caesar S. schon damals einen Krampfanfall erlitt. 2005 der nächste Unfall, diesmal bei Elmshorn. Ein Krampfanfall wurde als Ursache ausgemacht. In einem Attest bestätigt ihm eine Ärztin, dass der Anfall nicht durch eine Grunderkrankung ausgelöst wurde. Das Verfahren wurde eingestellt. 2008 kam Caesar S. mit seinem Wagen auf der A 7 von der Fahrbahn ab. Später vor Gericht machte sein Anwalt einen technischen Defekt für den Unfall verantwortlich. Epilepsie, gegen die der Mann bereits Medikamente bekam, soll keine Rolle gespielt haben. Die Richter in Kiel zogen den Führerschein ein. Dagegen wurde Beschwerde eingelegt. Das Landgericht Kiel verfügte, dass Caesar S. seine Fahrerlaubnis zurückbekommen sollte.

Ermittlern gegenüber hatte der Angeklagte nun angegeben, die Gefahr eines Unfalls sei nicht vorhersehbar gewesen.

Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Zwar war er im Moment des furchtbaren Crashs wegen eines epileptischen Anfalls wohl schuldunfähig. Doch Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers betont: "Er kannte das Risiko seiner Krankheit, setzte sich trotzdem ans Steuer." Zudem fuhr der 39-Jährige unter Drogeneinfluss. In seinem Blut fanden Mediziner den Wirkstoff THC, der in Haschisch und Marihuana enthalten ist. Das Caesar S. zum Unfallzeitpunkt unter dem Einfluss von THC stand, wird aber laut Möller in dem Verfahren keine Rolle spielen: "Das Fahrverhalten des Angeklagten ist nicht mit der eher antriebsmindernden Wirkung von Cannabis in Einklang zu bringen."

Für den Prozess sind insgesamt zehn Verhandlungstage angesetzt worden. Vier Sachverständige und 28 Zeugen sind geladen. Wegen der schweren Folgen der Tat wird nicht - wie sonst bei dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung üblich - vor dem Amts-, sondern vor dem Landgericht verhandelt. Dem Angeklagten drohen bei einer Verurteilung bis zu fünf Jahre Haft.

Caesar S. ist seit dem Unfall, der sich am ersten schönen Frühlingstag des Jahres 2011 ereignete, ein gebrochener Mann, wie er selbst sagt. Er habe seine Freunde verloren, gehe selten aus dem Haus. "Es vergeht kein Tag, keine Stunde, an der ich nicht an das furchtbare Ereignis denke", sagte er. Sein Wunsch: eine Zeitmaschine, um das Geschehene ungeschehen zu machen. "Ich weiß aber, dass es nie wieder so sein wird wie früher", sagte er. Damit meinte er nicht nur sein Leben, sondern auch das der Hinterbliebenen der Unfallopfer. Gemeldet hat er sich bisher nicht bei ihnen. "Ich finde einfach nicht die richtigen Worte", entschuldigte Caesar S. dies und sagte weiter: "Ich habe aber das Bedürfnis, es zu tun."

Die Kinder des Paares treten nun vor Gericht als Nebenkläger auf. Woody Mues, einer der Söhne von Dietmar Mues, sagte, die Tragödie hat die Geschwister noch enger zusammengeschweißt. "Zum Prozess werden wir gemeinsam erscheinen." Dabei geht es ihnen um Gerechtigkeit, nicht mehr.