Fernsehen

Oh, mein Gottschalk

Man fragt sich, wie lange er dieses absurde Theater noch mitspielt - die öffentliche Demontage seiner Person. Sich über ihn lustig zu machen, über seine Auftritte in der Show "Gottschalk live", ist seit dieser Woche eine Art letzter Markenkern der ganzen Veranstaltung.

Witze darüber, dass er Anke Engelke, die Queen of Comedy, mit Annette anredete oder Moderationskarten vertauschte. Spätestens jetzt muss auch Thomas Gottschalk selbst erkannt haben: Dies ist nicht sein Format. Die Quote: desaströs. Die Erfolgsaussicht: mehr als ungewiss. Das Skript für die Sendung wurde gerade umgeschrieben. Die ARD überließ es Gottschalk, das Publikum über diese Operation am offenen Herzen zu informieren. Der Moderator verkauft die Wiederbelebungsmaßnahmen so trotzig wie ein Patient, der eine Krebsdiagnose mit Champagner herunterspült. Es entbehrte nicht der Ironie, dass Thomas Gottschalk in dieser Show eine gute Figur machte. Selbstironisch bis zum Geht-nicht-mehr. Er hat jetzt zwei Monate Zeit gehabt, um sich mit seiner neuen Rolle zu arrangieren, vom Hoffnungsträger der ARD zum exakten Gegenteil. Sein Rückhalt in der ARD schwindet in dem Maße, wie die Quote bröckelt. Im März rutschte sie zum ersten Mal unter die Marke von einer Million Zuschauern - eine Blamage für die ARD-Intendanten. Inzwischen sollen sie der Produktionsfirma Grundy Light Entertainment ("DSDS") ein Ultimatum gestellt haben: Wenn es ihr nicht gelingt, den Marktanteil von derzeit 4,6 Prozent bis zum 23. April auf zehn Prozent zu steigern, kippen sie "Gottschalk live". Schließlich finanziert sich die Sendung nicht mit Gebühren, sondern mit Werbeeinnahmen. Und die sinken stetig. Wegen anhaltender Quotenschwäche hat die ARD die Preise für die Werbespots schon um 30 Prozent gesenkt.

Das Studio gleicht einer Baustelle. "Wegen Umbau geöffnet", steht auf einem Schild. Das klingt nach dramatischen Einschnitten, doch noch nimmt sich der Effekt bescheiden aus. Da sind zum Beispiel die Lacher: Neuerdings sitzen sie im Wohnzimmer. Hundert Zuschauer hat die Redaktion auf Konferenzstühle platziert, eine stumme Staffage, 14- bis 49-jährige Statisten. Aber Thomas Gottschalk ist Entertainer. Er läuft erst in ausverkauften Hallen zur Hochform auf, beim Hin und Her mit Zuschauern und Gästen. Jetzt fremdelt er in einer Wohnzimmer-Attrappe mit Aluminiumschreibtisch und Freiheitsstatue. Hier tut er das, was er schon als Moderator von "Wetten, dass..?" zu einer eigenen Kunstform erhoben hatte: mit extrem vielen Worten nichts sagen, er selber sein. Um so das Format doch noch zu retten. Viel Zeit bleibt ihm dazu nicht.