Eheverständnis

Kulturkampf im Kindergarten

Dass sie sich einmal von ihrem Mann trennen würde, hätte Bernadette Knecht nie gedacht. Noch weniger aber hätte die Erzieherin sich vorstellen können, dass das Ende ihrer Ehe einen Kulturkampf auslösen würde. Doch genau der tobt seit Monaten in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Königswinter. Und hat nun einen aufsehenerregenden Höhepunkt erreicht.

Knecht ist Leiterin des katholischen Kindergartens im Ortsteil Rauschendorf. Weil die 47-Jährige zu ihrem neuen Lebenspartner gezogen war, hatte die Kirche ihr gekündigt. Das aber wollte die Elternschaft nicht hinnehmen. Und nun hat die Stadt der Kirche gekündigt: Sie wird die Trägerschaft des Kindergartens aufgeben müssen, beschloss der örtliche Jugendhilfeausschuss. Eine wohl einmalige Reaktion auf kirchliche Moralvorstellungen.

Bernadette Knecht hat lange nach ihnen gelebt. Bis zum vergangenen Jahr. Da musste die Erzieherin einsehen, dass ihre Ehe nicht mehr zu retten war. Nicht einmal eine Paartherapie hatte geholfen. Knecht suchte sich eine neue Wohnung. Später dann zog sie wieder aus - zu ihrem neuen Lebenspartner. Das war der Moment, in dem der Kampf begann.

Knecht bat um ein Gespräch mit ihrem Arbeitgeber, dem katholischen Kirchengemeindeverband Königswinter-Am Oelberg. Dort befand man, dass Knechts Zusammenwohnen mit ihrem neuen Partner die verheiratete, aber getrennt lebende Frau als Kindergartenleiterin untragbar mache. Treue bis zum Tod gehöre nun einmal zum kirchlichen Eheverständnis. Diesem moralischen Anspruch seien die Mitarbeiter besonders verpflichtet. Knecht sollte ihre Stelle aufgeben. Stattdessen bot man ihr an, in einen anderen Kindergarten in einer Nachbargemeinde zu wechseln. Damit, hoffte die Kirche, wäre die pikante Angelegenheit schnell geregelt. Doch sie hatte nicht mit der weniger dogmatischen Elternschaft des Kindergartens gerechnet. Die wollte die beliebte Leiterin auf keinen Fall ziehen lassen.

"Fern der Lebenswirklichkeit"

"Der Kindergarten ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gemeinschaft", sagt Elternsprecher Peer Jung. "Frau Knecht hat ihn zu dem gemacht, was er heute ist." Seit neun Jahren leitet die Pädagogin die Einrichtung. Sie hat einen mehrfach ausgezeichneten Kinderchor aufgebaut, der bei allen Dorffesten auftritt. Darüber hinaus gibt sie kostenlosen Musikunterricht. Die Eltern sammelten mehrere Hundert Unterschriften, diskutierten mit katholischen Vertretern. Doch die Kirche blieb stur. Nach Weihnachten erhielt Knecht dann die Kündigung.

Für die Eltern eine "absurde Entscheidung, fern der Lebenswirklichkeit". Jede dritte Ehe in Deutschland werde geschieden, sagt Jung. "Als Kindergärtnerin hat Frau Knecht keinen Verkündungsauftrag. Ihre Arbeit macht sie sehr gut." Der Kirchengemeindeverband sieht das naturgemäß anders: Die hohe Auffassung von der Ehe könne die Kirche keinesfalls einer "mehr und mehr liberalen Einstellung in unserer Gesellschaft anpassen". Denn sie würde "damit ein zentrales Anliegen ihrer Lehre aufgeben, ihr Gottes- und Menschenbild verraten", heißt es in einer Stellungnahme.

Knecht hat gegen die Kündigung Klage eingereicht. Die Elternschaft stellte derweil einen Bürgerantrag bei der Stadt mit dem Ziel, die Trägerschaft der Kirche zu beenden. Das hatte Erfolg: Der zuständige Jugendhilfeausschuss von Königswinter hat nun entschieden, den städtischen Vertrag mit der Kirche ordentlich zu kündigen. Er läuft zum 1. August 2013 aus. Zum Ärger der örtlichen Kirche: Der zuständige Pfarrer, Dechant Udo Maria Schiffers, kritisierte, die Stadt beschädige ihre Vertragstreue. Auch das übergeordnete Erzbistum Köln bedauerte die Entscheidung und bekundete seinen Wunsch, dass die Einrichtung bei einem christlichen Träger bleibe. Die Eltern des katholischen Kindergartens hoffen hingegen, "dass die Kirche nun über ihren Schatten springt" und ihre Trägerschaft freiwillig früher aufgibt. Denn nur in diesem Fall könnte Kindergärtnerin Knecht, deren Vertrag bereits in diesem Juni endet, ihre Stelle behalten.

Die Stadt ist bereits mit neuen Trägern im Gespräch. Wen die Eltern favorisieren, ist schon klar. "Einen weltoffenen Verein, der weniger dogmatische Maßstäbe an seine Mitarbeiter ansetzt", sagt Jung. Genau davor hatte der katholische Kirchengemeindeverband von Königswinter vor der Abstimmung im Jugendhilfeausschuss noch gewarnt. Die Gemeinde bedauere sehr, dass jetzt katholische Überzeugungen nur noch in Auswahl gelten sollten, heißt es nun in einem eindringlichen Schreiben an die Bürger. "Es stellt sich daher die Frage: Ist man wirklich bereit, einem ganzen Kindergarten die Erziehung im Sinne der katholischen Werteorientierung auf Dauer wegzunehmen und den nachwachsenden Kindern vorzuenthalten? Ist eine einzige Person diesen hohen Preis wert?"

Die Eltern bejahen das vehement. "Die Erziehung der Kinder soll auf jeden Fall christlich bleiben", sagt Sprecher Peer Jung. Das sei aber auch ohne die katholische Kirche möglich.