Sterbehilfe

Freitod einer Fußball-Legende

Die Nachricht erschütterte nicht nur Fußball-Fans. Der Mann, der das allererste Bundesliga-Tor schoss, ist aus dem Leben geschieden. Auf eine Weise, die in Deutschland vielleicht neue Debatten auslösen wird darüber, ob es erlaubt sein darf, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Timo Konietzka starb am Montag in der Schweiz, wo es erlaubt ist. Der unheilbar an Gallenkrebs erkrankte frühere Nationalspieler (neun Einsätze) schrieb noch seine eigene Todesanzeige, bat seine Freunde um Verständnis für den Schritt und gab ihnen noch mit auf den Weg: "Macht alle das Beste aus Eurem Leben! Meines war lang und doch so kurz."

Was war das für ein Leben? Eines, über das die heutige Spielergeneration sicher nur den Kopf schütteln kann. In einem Alter, in dem die kommenden Stars schon Berater und Vorverträge haben, mit 14 Jahren, schuftete Friedhelm, wie er eigentlich hieß, im Kohlebergbau. Fünf Jahre lang. Eine Jugend unter Tage. Wie das eben so war damals im Kohlenpott. Geboren und aufgewachsen in Lünen, spielte er Fußball beim lokalen VfB 08. Ein Überflieger war er nicht, erst mit 20 wurde er entdeckt von Borussias Meister-Spieler Jockel Bracht.

Nur Kräutertee und Wasser

"Dieser Konietzka hat den gewissen Killerblick", stellte Bracht fest und lockte Friedhelm zum BVB. Hart zum Gegner und zu sich selbst - kein Alkohol, kein Nikotin, nur Kräutertee und Wasser - so wurden Karrieren gemacht, wenn das Talent allein nicht ausreichte. Vor Gründung der Bundesliga schoss Konietzka für den BVB in der Oberliga West in 110 Spielen 79 Tore, 1963 stand er in der Meistermannschaft. Mit seinem Sturmpartner Jürgen Schütz machte er alle Verteidiger verrückt, wegen ihrer Tricks nannte sie der Boulevard liebevoll "Max und Moritz". Im Finale gegen Köln (3:1) ging "Max" leer aus, aber selbst wenn er alle Tore geschossen hätte, sein berühmtestes wäre doch ein anderes gewesen.

Denn als die Bundesliga am 24. August 1963 Punkt 17 Uhr startete, war er der Erste, der traf. Nach häufigster Lesart waren es 58 Sekunden, und weil sie in Bremen früher anfingen, soll es bereits um 16.59 Uhr passiert sein. Ein Moment für die Ewigkeit, der allen, die ihn verpassten, auf ewig der Fantasie überlassen bleiben muss. Es ranken sich einige Rätsel um dieses Phantom-Tor von Bremen, das einfach zu schnell fiel für die damalige Medienwelt. Selbst der "Kicker" hat es nicht geschildert, und es gibt weder Filmaufnahmen davon noch Fotos. Die fünf Fotografen, die im Weser-Stadion waren, hockten alle hinter dem Dortmunder Tor. Das wenigstens ist belegt. Denn am nächsten Morgen herrschte Hektik in der "Kicker"-Redaktion, der zuständige Redakteur rief alle infrage kommenden Fotografen an. Verbürgt ist folgendes Telefonat zwischen dem späteren Chefredakteur Karl-Heinz Heimann und dem Bremer Fotografen Pilzecker: "Warum haben Sie kein Bild vom 0:1 durch Konietzka geschickt?" Antwort: "Habe keines, ich saß hinterm Dortmunder Tor!" Heimann: "Kennen Sie einen Kollegen, der hinterm andern Tor war?" Pilzecker: "Da hat überhaupt niemand gearbeitet." So war das damals, und so wäre Konietzka im kommenden Jahr, wenn die Bundesliga ihre 50. Auflage erlebt, sicher ein begehrter Gast gewesen in den TV-Studios. Er wusste es nämlich noch genau und hat es auch schon erzählt: "Aus sieben Metern mit der Innenseite eingeschoben, dazu noch ohne Bedrängnis". Dafür noch mal besten Dank.

Die Sache mit dem Vornamen

1965 wechselte er nach München zum TSV 1860. Unter Max Merkel, der ihn schon beim BVB trainiert hatte, wurde Konietzka noch einmal Deutscher Meister. Obwohl er in der Bundesliga bis zu seinem Wechsel in die Schweiz 1967 in 100 Spielen sagenhafte 72 Tore schoss, kam er in der Nationalelf kaum zum Zuge. Bundestrainer Sepp Herberger hielt ihn für zu unbeständig und sagte: "Wie soll ich denn wissen, welcher Konietzka gerade auf dem Platz steht?"

Oder wie er gerade heißt? Weil ihm sein Vorname nicht mehr gefiel und er im russischen Weltkriegsgeneral Semjon Konstantinowitsch Timoschenko ein zumindest optisches Pendant - beide hatten den gleichen Bürstenhaarschnitt - erkannte, ließ sich Friedhelm nur noch Timo nennen. Seit 1982 stand es dann auch so in seinem Pass. Als Trainer hatte er in Deutschland (Borussia Dortmund, Bayer Uerdingen, Hessen Kassel) weniger Erfolg denn als Spieler.

In der Schweiz jedoch, deren Staatsbürgerschaft er 1988 annahm, wurde er als Trainer von Grashopper und FC Zürich noch vier Mal Meister. Und heimisch am Vierwaldstätter See, wo er mit seiner Frau ein Gasthaus betrieb. 2010 setzte er sich im Schweizer Fernsehen für die Sterbehilfe ein und deutete bereits an, dass er schwer erkrankt sei. Im März 2011 hatte er explizit angekündigt, eines Tages aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu wollen. Am Montagabend erlöste er sich und trank in seiner Schweizer Wahlheimat Brunnen einen Giftcocktail.

"Am letzten Dienstag durfte ich Timo aus dem Spital nach Hause nehmen", sagte seine Ehefrau Claudia der "Bild"-Zeitung. "Die letzten Tage waren ganz, ganz schön. Timo konnte nochmals seine kleinen Enkel sehen. Er hat auch noch ein Bier getrunken."