Fernsehen

Der Mann fürs Smarte

Er ist nicht der Typ, der im Kaffeesatz stochert, wenn es um seine Zukunft geht. Doch als im Dezember 2011 die berühmte Astrologin Elizabeth Teissier zu Gast bei Markus Lanz war, da konnte er der Versuchung nicht widerstehen.

Ob sie ihm nicht sein Horoskop für 2012 vorhersagen könne, fragte Lanz seinen Gast. Er stehe vor einer "wichtigen Wende in seinem Leben", orakelte Madame Teissier. Möglicherweise bekomme er 2012 eine neue Sendung. "Meinen Sie irgendwas mit Wetten?", entfuhr es dem Moderator. Und man war nicht sicher, ob er überrascht war oder nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, um sich selber ins Gespräch zu bringen.

Seit Sonntagabend ist es offiziell: Markus Lanz wird Nachfolger von Thomas Gottschalk. Das hat der designierte ZDF-Intendant Thomas Bellut verkündet. Lanz beendet so die endlos scheinende Diskussion über den Showklassiker. Am 6. Oktober soll der gebürtige Tiroler zum ersten Mal moderieren - alleine, ohne Co-Moderatorin.

Kinder-Show geplant

Das hat Lanz im Poker um seinen Dreijahresvertrag durchgesetzt. Es wird nicht die einzige Neuerung bleiben. Es soll eine Show mit Kindern geben und – ab 2013 – eine Winter-Show im Schnee. Der Moderator zieht auch hinter den Kulissen die Strippen. Seine eigene TV-Firma mhoch2 will bei der Produktion ein Wort mitreden – ähnlich wie früher das Unternehmen Dolce Media von Thomas Gottschalks Bruder Christoph. "Es wird mehr Dynamik und Spannung geben", verspricht Thomas Bellut, derzeit noch Programmdirektor.

Eine gewagte Prognose. Als Verlegenheitskandidat tritt Lanz ein Himmelfahrtskommando an. Hape Kerkeling und Jörg Pilawa haben vor ihm schon abgesagt. Und Joko & Klaas, die beiden unverschämt frechen Joker, waren vom Radar des Programmdirektors verschwunden, bevor er laut darüber nachdenken konnte, ob zwei Jungs um die 30 nicht schon die Gerontokraten in den eigenen Reihen überfordern könnten. Am Ende sagten sogar Menschen ab, die niemals im Gespräch waren. Nach dem Ausschlussprinzip blieb jetzt nur noch einer übrig.

Markus Lanz, 42 Jahre alt, verheiratet, ein Sohn. Ein RTL-Mann, der vom Boulevard kommt, knallhart in der Sache, geschmeidig im Auftreten. 2008 vom ZDF als Urlaubsvertretung für Johannes B. Kerner abgeworben, seither ein Quoten-Garant in der Late Night, als Gastgeber seiner eigenen Talkshow "Markus Lanz" und als Moderator der Sendung "Lanz kocht". Die Unterhaltungssendungen am Dienstag-, Mittwoch- und Donnerstagabend sollen bleiben, die Kochshow wird im Sommer eingestellt.

Ende 2011 wurde er zum ersten Mal als möglicher Kandidat für den Thron der Sonnabendabend-Unterhaltung genannt. Damals hatte er Ambitionen auf die Gottschalk-Nachfolge noch geleugnet. "Man muss doch eine gesunde, professionelle Distanz zu sich und seiner Arbeit haben, und ich habe in den letzten Jahren einen Weg eingeschlagen, der von der großen Showbühne eher wegführt", hatte er gesagt.

Ein weiser Entschluss. "Wetten, dass..?" ist schließlich nicht irgendeine Show. Der Dino der TV-Unterhaltung gilt als eingetragenes Markenzeichen - nur echt in Verbindung mit Deutschlands letzter Ich-AG, Thomas Gottschalk. Der hat flugs gratuliert und viel Erfolg gewünscht, für Tipps stehe er gerne zur Verfügung, sagte er zu "Bild".

Die Sendung mit einem Nachfolger fortzuführen ist ein Wagnis. Lanz weiß das und hat sich als Partner einen erfahrenen Fernsehmacher ins Boot geholt. Markus Heidemanns, Produzent seiner Talk- und Kochshow und Erfinder solch beliebter Formate wie "Topfgeldjäger" oder "Lafer! Lichter! Lecker!" (beide ZDF). Ein Workaholic. Ein Kreativkopf. "Der Quotenkönig von Bahrenfeld", so wird der Bruder des ehemaligen Unterhaltungschefs von "Bild" in seiner Heimatstadt Hamburg genannt. Von ihm wird wesentlich abhängen, ob das Format seinen Ruf als das letzte elektronische Herdfeuer der Nation behaupten kann. An einer Generalinventur der einst so beliebten Show führt kein Weg vorbei. Die Quoten bröckeln.

Ihren Sinkflug zu stoppen, diesen Kraftakt kann Markus Lanz nicht alleine schaffen. Seine Bewährungsprobe als ZDF-Talker hat er zwar längst bestanden. Der "sensible Fische-Mann mit dem Aszendenten Widder" (Teissier) ist schlagfertig, neugierig und exzellent auf seine Gäste vorbereitet, egal, ob er mit Bushido über sexuelle Praktiken plaudert oder die Opfer eines Busreisebetrügers tröstet. Nebenbei hat er etwas, was ihn von den Beckmännern und Pilawas unterscheidet: eine Haltung. Sie hätte ihn einmal beinahe schon den Job gekostet. Als er noch Volontär bei Radio Hamburg war, komponierte er einen Protestsong gegen die französischen Atomtests im Südpazifik: "F…! Chirac".

Als Entertainer machte der Journalist bisher jedoch keine so gute Figur. Wenn er einer illustren Riege von Sterneköchen bei "Lanz kocht" über die Schulter schaut, befremdet den Zuschauer genau das, was ihm am Talker Markus Lanz gefällt. Das Nachfragen. Das Herumhacken auf Widersprüchen. Wenn Markus Lanz versucht, dem bayrischen Urgestein und Unterhalter Alfons Schuhbeck die Show zu stehlen, wirkt er plötzlich hölzern und selbstverliebt.

Ein schwacher Entertainer

Diese Eitelkeit gab jetzt wohl auch den Ausschlag dafür, dass er dem ZDF doch zugesagt hat - auch wenn einer aktuellen Umfrage zufolge ihm die Zuschauer das noch nicht zutrauen. Lanz ist ehrgeizig. Ein Skifahrer und Jogger, der die Herausforderung sucht. Erst 2011 brach er mit Joey Kelly zum "Wettlauf um den Südpol" auf. Die Serie floppte. Und der Wahlkölner zahlte einen hohen Preis für den gebührenfinanzierten Ausflug. Bei minus 35 Grad verlor er im ewigen Eis etwas, was in seinem neuen Job als Entertainer unabdingbar ist: das Fingerspitzengefühl.