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Die nackten Mädchen nehmen ihren Abschied

Irgendwann hat man sie kaum mehr wahrgenommen. Beim Betrachten der "Bild"-Zeitung galt die Regel: Einfach streng über der Gürtellinie bleiben. Was sich da unter dem Seitenbruch so rekelte und reckte, man konnte es ja ohnehin nicht ändern. Wozu sich also jeden Tag neu über die Barbusige auf der Seite eins der "Bild" aufregen?

Doch immer mal wieder blitzten einem dann zwei Brüste auf eine Weise entgegen, der man sich nicht entziehen konnte. Was? Solche gibt es auch? Sind die echt? Tut das nicht weh? Kann diese Frau sich überhaupt selbstständig anziehen? Die kommt doch ohne fremde Hilfe niemals an die Schnürsenkel ran! 28 Jahre lang stellte die nackte "Bild"-Schönheit an jedem Tag, an dem sie erschien, die Leserinnen vor neue Rätsel.

Aber jetzt ist Schluss damit. ",Bild' schafft Seite-1-Girl ab" titelte das Blatt gestern. Die "Miezen", wie die Frauen redaktionsintern bis heute genannt werden, haben ausmiaut. Am Weltfrauentag hatten die Redakteure samt und sonders auf ihre weiblichen Kolleginnen verzichtet und die Zeitung alleine gemacht. Eine noble Geste. Aber dass sie direkt auch noch der Frau von der ersten Seite für immer kündigen würden? Damit hatte keiner gerechnet. "Eva aus Polen" ist die über 5000ste Nackte auf der eins, die Letzte ihrer Art und die Erste ohne skurrilen Begleittext. Niemand wird je herausfinden, warum sie ihre Brüste wie neugeborene Zwillinge in die Kamera hält. Trotzdem verteidigte Chefredakteur Kai Diekmann die Entscheidung. "Bild muss sich verändern und immer wieder neu erfinden", erklärte er. Die rästelhafte Nackte sei nicht mehr zeitgemäß.

Evelyn Rillé, damals 23 Jahre alt und Miss Wien 1983, präsentierte sich am 29. März 1984 nur mit High Heels bekleidet der Republik. Schon damals stellt sich die Frage: Wer, bitte, kämmt sich die Haare während er auf einem Bein balanciert?

Dieses oft leicht ins Absurde rutschende der erotischen Posen verleitete in der Folge zu immer verrückteren Begleittexten zu den Pin-up-Bildern. Manchmal war es das, was man wohl am besten als "frivol" bezeichnend sollte, wie der "Mi, Ma, Mausesack", die Beschreibung der löchrigen Jeans von Biggi (23), über deren sich aufstellende Blondhaare ausgiebig gemutmaßt wurde. Manchmal wurde es deutlich schlüpfrig, wie bei den vermeintlichen Privataufnahmen von Boxenludern und Playmates. Beliebt war auch der Alltagsvoyeurismus, wenn das nette Mädchen von nebenan, die Zahnarzthelferin oder die Kassiererin, sich für das Blatt entblätterten. Dann sprach der Autor gerne lang und breit über die Vorliebe der Abgebildeten für Zimmerpflanzen.

Um die Texte der Seite eins rankt sich ein ganz eigener Mythos. Lange Zeit übten sie sich in immer abwegigeren Erklärungen darüber, warum die Dame auf dem Foto unbekleidet war: Sie habe ihren Koffer vergessen, es wurde einfach zu heiß, sie konnte sich einfach für kein passendes Bikinioberteil entscheiden. Die Autorin Katja Kessler, heute Ehefrau des "Bild"-Chefs Kai Diekmann, hat diese Texte dann in den 90ern erst so richtig berühmt gemacht - und andersrum.

Kolumnist Franz Josef Wagner weint dem "Bild"-Girl hinterher "Das Mädchen, das Eis lutscht, das in der Sonne lacht, im Meer planscht ... mir fehlt dieses Mädchen." Und auf der Seite acht gab es eine Würdigung. In der hieß es, man habe sich mit der Traumfrau auf dem Titel an einer englischen Tradition orientiert. Das Boulevardblatt "Sun" hatte schon in den 70er-Jahren damit begonnen, die Busen des Königreichs zu dokumentieren. Allerdings immer eher etwas schamhafter auf der Seite drei. Folgerichtig stürmten auch englische Medien sofort zu Interviews die Berliner "Bild"-Redaktion: "Warum nur schafft ihr die Girls ab?"

In Deutschland kam die Tradition der nackten Covermädchen übrigens aus einer ganz anderen Ecke. Im Oktober 1964 zeigte die linke, sozialistische Zeitschrift "Konkret" zum ersten Mal eine Nackte auf ihrem Cover. Die einstige Studentenzeitschrift, die zwar in Hamburg erschien, aber zunächst von der SED unterstützt wurde, hatte sich mit der Partei überworfen und musste jetzt mit mehr eigenen Mitteln die Auflage fördern. Die sexuelle Revolution und ihre neue, weibliche Freizügigkeit trafen sich da hervorragend mit ganz anders gelagerten Interessen der Leser.

Und auf die wird die Bild auch in Zukunft eingehen: Ab jetzt ziehen sich die Mädchen einfach weiter hinten in der Zeitung aus. Wo, wird noch diskutiert. Und was kommt jetzt auf die Seite eins? Wahrscheinlich ein Tier, so heißt es aus der Redaktion. Wahrscheinlich ein nacktes.