Sarah Hébert

Auf einem Brett über den Ozean

Ein 15 Meter langer, weißer Katamaran schaukelte in den Wellen, ein paar Meter entfernt von Sarah Hebert. Sonst war da nichts. Nur sie, die Windsurferin aus Frankreich, und der Ozean, den sie so liebt. Etliche Kilometer lagen hinter und noch Hunderte vor ihr.

"Ich saß einfach nur auf meinem Board, machte eine Pause", beschreibt Sarah Hébert den schönsten Moment der vergangenen Tage, "dann flog ein kleiner Vogel herbei und versuchte, sich neben mich zu setzen."

Für ein paar Minuten war die 27 Jahre alte Frau dem Wind entkommen, dem Wind, der sie auf ihrer Reise mit Brett und Segel anschiebt, sich ihr auch mal entgegenstellt, der Kräfte verleiht und Kräfte raubt.

30 Tage dauert die Reise

Sarah Hébert hat sich viel vorgenommen: nicht weniger als eine Atlantiküberquerung auf dem Surfbrett. Am 22. Februar startete sie in Dakar im Senegal, um auf der Karibikinsel Guadeloupe das Abenteuer zu beenden. 4000 Kilometer in 25, vielleicht auch 30 Tagen.

Gelingt das Unterfangen, ist Hébert die erste Frau, die mit einem einfachen Brett und Segel den Atlantik bezwingt. Der Rekord ist eine willkommene Randnotiz, eines der Puzzleteile, das sie auf ihrer Reise motiviert - aber vor allem ist es das Herz, das Sarah Hébert antreibt. Und das in mehrfacher Hinsicht. Denn ihr Herz, mit dem Sarah Hébert den Ozean so sehr liebt, es ist krank.

Dass die sportlichen Fähigkeiten der jungen Französin am Ende nicht ausreichen könnten, scheint eher unwahrscheinlich. Denn Hébert ist alles andere als ein Neuling in der Windsurfszene. Sie holte vier französische Meistertitel, wurde 2006 Europameisterin und ein Jahr später Zweite der WM. Dabei hatte sie nur kurz vor diesen internationalen Erfolgen schon gedacht, es sei vorbei mit dem Spiel mit Wind und Wellen. Während einer Routineuntersuchung entdeckten Ärzte 2006 Herzrhythmusstörungen. "Ich war überrascht, geschockt, fühlte mich doch eigentlich ganz normal. Vor allem aber hatte ich Angst, nie wieder Windsurfen zu dürfen", sagt sie. In einer Operation wurde ihr ein Defibrillator implantiert, der die Herzmuskelfasern wieder in Gleichklang bringt, sollte etwas nicht stimmen. Als Hindernis will Hébert das Gerät in ihrem Körper aber nicht gelten lassen. Sie lebt damit und möchte sich nicht davon beeinflussen lassen. Sie sagt: "Das stört mich nicht, auch jetzt nicht. Es erinnert mich daran, dass ich glücklich sein kann, auf einem Board zu stehen und das Meer zu genießen."

Bis zu acht Stunden surft sie derzeit täglich über den Atlantik, immer verfolgt von dem Katamaran mit erfahrenen Seglern, einem Physiotherapeuten und einem Fotografen an Bord. Die Crew ist Héberts Sicherheit, das Boot ihr Nachtquartier, aber als Rastplatz für Pausen bei Tage dient lediglich ihr Surfbrett. Vier weitere Boards und eine Sammlung an Segeln für verschiedene Wetterbedingungen lagern auf dem Katamaran.

"Ich will meine Grenzen austesten und zeigen: Alles ist möglich, egal welche Schwierigkeiten das Leben bereithält", sagt Sarah. "Mit dem Herzen ist alles möglich." Wie genau dieser Extremsport mit einem Defibrillator machbar ist, wird bei einer kardiologischen Studie untersucht. Auch dafür dient die Reise. Grenzen austesten, anderen Mut machen, der Rekordversuch und die Studie - nur eines fehlt noch bei dieser Aufzählung an Gründen für Héberts Abenteuer: "Ich will den Ozean beim Surfen erleben. Ich liebe den Ozean." Die Französin ist aufgewachsen mit dem Meer, ja sogar auf dem Meer. Die ersten zwölf Jahre ihres Lebens segelte sie mit ihrer Familie um die Welt, lernte ferne Länder und die Macht der Natur kennen. Kein Wunder, dass es sie immer wieder hinaus aufs Meer zieht. "Die Natur ist eine Inspirationsquelle - das Wichtigste überhaupt in meinem Leben. Balance. Ein Spielplatz", sagt sie. Ein Spielplatz jedoch, der seine eigenen Gesetze hat, die es nicht zu unterschätzen gilt.

"Diese Reise ist härter, als ich gedacht habe", gibt Hébert während einer Pause zu, die sie sich nach einem anstrengenden Tag auf dem Katamaran in der Nähe der Kapverdischen Inseln gönnt. "Die Bedingungen waren nicht einfach heute, starker Wind mit 25 Knoten, hohe Wellen", beschreibt sie.

Mut verliert Hébert durch solch einen Tag, an dem ihre Kräfte nach knapp fünf Stunden und gut 80 Kilometern am Ende waren, nicht. Im Gegenteil: "Ich packe all meine Kraft und Liebe in diese Atlantiküberquerung." Geträumt hat Sarah Hébert von diesem Abenteuer mit der Natur übrigens schon, bevor die Herzrhythmusstörungen diagnostiziert wurden. Gewagt hat sie es erst jetzt.

"Ich will meine Grenzen austesten und zeigen: Alles ist möglich"

Sarah Hébert, die erste Frau, die den Atlantik auf dem Surfbrett bezwingen will