Interview

Vom Ironman zum Pflegefall - und wieder zurück

Oliver Brendel erkrankte mit Ende dreißig am Guillain-Barré-Syndrom. Doch nur ein Jahr später nahm er am Triathlonwettbewerb Ironman teil. Über seine Krankheit und die beeindruckende Genesung hat der 41-Jährige ein Buch geschrieben: "Ich bin dann mal gelähmt - vom Ironman zum Pflegefall und zurück". Frank Joung hat sich mit ihm unterhalten.

Berliner Morgenpost: Herr Brendel, Sie waren am ganzen Körper gelähmt und fassten dennoch den Entschluss: Ich nehme wieder am Ironman teil. Waren Sie noch bei Trost?

Oliver Brendel: Überhaupt nicht. Ich konnte zu der Zeit weder selbstständig essen noch laufen, aber ich wollte mein altes Leben zurück. Und ich wollte den Wettkampf nachholen, den ich durch die Krankheit verpasst hatte. Ironman wird man nicht, wenn man zu vernünftig ist.

Berliner Morgenpost: Gehen wir zurück an den Anfang der Erkrankung. Wie haben Sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Oliver Brendel: Es war an einem Sonnabend im März. Ich war in der Vorbereitung für meinen dritten Ironman, richtig gut in Schuss. Tagsüber hatte ich vier Stunden trainiert und saß abends vor dem Fernseher. Da sind mir nach und nach beide Füße und beide Hände eingeschlafen. Erst dachte ich, ich hätte mir einen Nerv eingeklemmt, später erfuhr ich: Das waren schon die ersten Lähmungserscheinungen. Ich war beunruhigt, aber nicht panisch. Erst als ich am nächsten Morgen meinen dreijährigen Sohn hochheben wollte und ihn nicht einen Millimeter vom Boden wegbekam, habe ich Angst bekommen.

Berliner Morgenpost: Dann gingen Sie in die Klinik.

Oliver Brendel: Der Arzt sagte, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, die gute: Sie werden nicht sterben, die schlechte: Sie haben das Guillain-Barré-Syndrom, GBS, eine ganz seltene Krankheit. Sie werden in kürzester Zeit alle Körperfunktionen verlieren, es droht eine vollständige Lähmung, ein Erlahmen der Atemmuskulatur. Es kann sein, dass wir Sie in ein künstliches Koma versetzen müssen, aber es muss nicht passieren. Da ist mein Leben innerhalb von Sekunden in den Abgrund gestürzt.

Berliner Morgenpost: Sie hatten bereits zwei Ironman und viele andere Triathlon-Wettbewerbe hinter sich. Haben Sie Ihrem Körper zu viel zugemutet?

Oliver Brendel: Das war meine allererste Frage an die Ärzte: Habe ich übertrieben? Die sagten: Riesenquatsch. GBS ist unerforscht, niemand weiß, warum man es bekommt. Bei mir hat sich nach einem Infekt mein Immunsystem gegen meinen eigenen Körper gewendet - die klassische Entstehung vom GBS. Es gibt auch keine Therapie. Alles, was man weiß, ist, dass die Lähmung irgendwann wieder zurückgeht.

Berliner Morgenpost: Hatten Sie Schmerzen?

Oliver Brendel: Ich habe sehr unter Phantomschmerzen gelitten. Das heißt, du siehst, wie dein Fuß ganz entspannt auf dem Bett liegt, das Gehirn bekommt aber die Meldung: Dein Achillessehne reißt gerade. Du hast unfassbare Schmerzen, die aber gar nicht da sind. Das liegt daran, dass das Gehirn auf jede Information, die es nicht einordnen kann, mit Schmerz reagiert.

Berliner Morgenpost: Welche Körperteile waren gelähmt?

Oliver Brendel: Die richtige Lähmung begann in den Füßen und ging immer mehr durch den Körper bis in die rechte Gesichtshälfte. Besonders verstörend war, dass ich im Schlaf Körperfunktionen verlor. Beispiel: Ich lag im Bett und konnte den linken Arm noch bewegen, dann schlief ich ein, wachte auf, und der linke Arm war gelähmt. Ich hatte Angst vor dem Einschlafen.

Berliner Morgenpost: Wie lange dauerte der Lähmungsprozess?

Oliver Brendel: Zehn Tage - die Krankheit ist bei mir unfassbar schnell in den Körper geschossen. Es gibt Krankheitsverläufe, wo jemand zwei Jahre lang Körperfunktionen verliert und dann 15 Jahre braucht, bis wieder alle Lähmungen weg sind. Ich konnte schon am nächsten Tag wieder den linken Arm bewegen. Ab da war ich zu 100 Prozent positiv. Ich habe alle in den Wahnsinn getrieben, weil ich nur noch davon gesprochen habe, wie ich gesund werde und dass ich es schneller schaffe als alle anderen.

Berliner Morgenpost: Sie sind Ihre Heilung angegangen wie einen Sportwettbewerb. Ist das nicht naiv?

Oliver Brendel: Total. Ich war hypermotiviert. Das Ärzteteam musste mich bremsen. Sie sagten: Rechnen Sie mit mindestens einem halben Jahr, bis Sie entlassen werden. Schneller hat es noch nie jemand geschafft. Ich habe geantwortet: Ich gebe mir ein halbes Jahr, länger halte ich es hier nicht aus.

Berliner Morgenpost: Und?

Oliver Brendel: Ich bin nach sechs Wochen auf meinen Füßen da rausgegangen, das konnte keiner glauben. Ich habe Standing Ovations bekommen von Pflegern und Schwestern. Mein Willen und mein Trotz haben mir geholfen. Ich habe mich nie beirren lassen.

Berliner Morgenpost: Sie glauben, Ihre Heilung war nur eine Frage des Willens?

Oliver Brendel: Ich hatte vor allem viel Glück. Ich war jung, sehr fit. Das hat extrem geholfen. Und was die Ärzte immer gesagt haben: Sportler können mit Reha und Therapie besser umgehen. Sie sind es gewohnt, täglich zu trainieren, und haben ein gutes Körpergefühl. Aber ich glaube fest daran: Gedanken können Realität schaffen.

Berliner Morgenpost: Wann sind Sie wieder in das Training eingestiegen?

Oliver Brendel: Einen Tag nach meiner Entlassung habe ich mich an das Ergometer gesetzt und bin 20 Minuten geradelt. Und rund ein Jahr später bin ich an den Start vom Ironman Austria gegangen. Es war immer mein Traum, unter zwölf Stunden zu bleiben, ich habe 11:25 Stunden gebraucht.