Entführung

Immer neue Verschwörungstheorien im Fall Kampusch

"Da war immer nur ein Täter", hat Natascha Kampusch nicht nur in unzähligen Interviews gesagt, die sie gegeben hat, sondern auch Corinna Milborn, der Co-Autorin ihrer Autobiografie "3096 Tage".

Nach neun Monate langen Gesprächen zur Vorbereitung des Buches sei sie sich sicher, dass Kampusch keine weiteren Täter verheimlicht habe, sagt Milborn: "Sie war erschreckend ehrlich zu sich selbst." Umso belastender seien die nicht enden wollenden Spekulationen über weitere Täter: "Damit tut man so, als wäre das Verbrechen nicht groß genug."

Fünf Strafverfolgungsbehörden in drei österreichischen Bundesländern sind zu dem gleichen Schluss wie Natascha Kampusch gekommen, trotzdem gibt es immer noch Menschen, die mehr dahinter vermuten, einen Kinderschänderring, zum Beispiel, oder zumindest einen Komplizen. Auch der Vorsitzende jenes Unterausschusses im Parlament, der den Fall seit Dezember 2011 untersucht, hat diese Woche Zweifel daran geäußert, dass Wolfgang Priklopil allein gehandelt hat. "Aus meiner Sicht ist die Einzeltätertheorie nur schwer aufrechtzuerhalten", sagte Werner Amon, Abgeordneter der bürgerlichen ÖVP. Begründen könne er das nicht, räumte er ein und verwies darauf, dass der eigentlich für Verfassungsschutzfragen zuständige Ausschuss im Geheimen tagt. Ende März soll es jedoch einen Bericht zum Fall Kampusch geben.

Andere Verfechter der "Mehrtäter-Theorie" haben zuletzt vor allem angezweifelt, dass es sich beim Tod von Wolfgang Priklopil um Selbstmord gehandelt habe. Fotos seines Leichnams würden einen nahezu unversehrten Körper mit abgetrenntem Kopf zeigen, schreibt etwa der "Spiegel". (Nicht genannten) Experten zufolge hätte die Leiche jedoch zerfetzt sein müssen, wenn der Kampusch-Entführer tatsächlich von einem Zug erfasst worden wäre, heißt es weiter. Dem widersprach der Grazer Staatsanwalt Thomas Mühlbacher, der den Fall Kampusch im Jahr 2009 neu aufrollte, im "Standard": "Ich habe selbst genug Fälle gesehen, bei denen die Leichen in einem ähnlichen Zustand waren. Demnächst kommt jemand und sagt, Priklopil sei noch am Leben und der leibliche Vater von Natascha Kampusch. Das sind Verschwörungstheorien, zu denen ich sachlich nicht Stellung nehmen will."

Das Schweizer Blatt "20 Minuten" geht noch weiter und zitiert den Bruder eines Chefermittlers im Fall Kampusch, der sich im Juni 2010 das Leben genommen hat, mit den Worten: "Der wurde dort hingelegt." Gegen diesen Vorwurf spricht jedoch die Aussage des Lokführers, der Priklopil überrollt hat. In einem Zeugenprotokoll, das der Wiener Stadtzeitung "Falter" vorliegt, beschreibt der Mann das Unglück als "bewusste Handlung" einer "hell bekleideten Person", die von den Beamten noch in der gleichen Meldung als "mit großer Sicherheit: Priklopil Wolfgang" identifiziert wurde. Außerdem betont der Lokführer, er habe ansonsten "vom Bahnhof bis zur Unglücksstelle keinerlei Personen wahrgenommen".

Diese Aussagen würden genau zu den am Bahndamm gefundenen Spuren passen, sagte der ehemalige Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, Gerhard Jarosch. Dass der Schaffner, der Priklopil gefunden hatte, nicht befragt wurde, wie vom "Spiegel" beanstandet, erklärte Jarosch damit, dass der Mann den Selbstmord nicht gesehen habe. Auch die Obduktion habe "keinen Hinweis auf Mord" ergeben. Im Visier all jener, die von mehr als einem Täter ausgehen, steht vor allem ein Mann: Ernst H., Freund von Wolfgang Priklopil. Nach Wiederaufnahme der Ermittlungen 2008 wurde er als Beschuldigter geführt. Ihm sei jedoch keine Beteiligung an der Entführung nachzuweisen, sagte Werner Pleisch, Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien, im Januar 2010 nach Abschluss der Erhebungen. "Die Mehrtätertheorie ist ... auszuschließen." H. musste sich anschließend wegen des Vorwurfs, er hätte Priklopil bei der Flucht geholfen, vor Gericht verantworten, wurde aber freigesprochen.