Kreuzfahrtschiff-Havarie

Viel Schweiß, kaum Toiletten und immer nur Sandwiches

Endlich festen Boden unter den Füßen. Endlich duschen, etwas Anständiges essen, schlafen in einem klimatisierten Zimmer. Die Erinnerungen an den Augenblick, als mitten auf dem Indischen Ozean das Feuer ausbrach, sind bei den Passagieren der "Costa Allegra" noch frisch. Viele haben das Bedürfnis zu reden, als sie am Donnerstagmorgen endlich auf der Seychellenhauptinsel Mahé ankommen. Andere winken gleich ab. Sie wollen nur noch ins Hotel.

Denn nach dem Feuer im Maschinenraum am vergangenen Montag "ging überhaupt nichts mehr" an Bord, wie Sebastian Veit (36) aus Schwäbisch Gmünd sagt. Zwar funktionierte anfangs noch ein Generator. Aber als der wenig später dann auch noch schlapp machte, ging die Angst um. "Wir sind ja hier nicht in der Nordsee", sagt er.

Franz Mayer aus der Nähe von Koblenz erzählt, die Tage seien stressig gewesen. Vor allem seine Frau habe große Angst gehabt. "Wir waren alle schon bereit, in die Rettungsboote zu gehen", sagt er. "Die Sache war relativ perspektivlos."

Marianne Thon, eine Deutsche, die in San Francisco lebt, wird emotional, als sie an den Unglückstag zurückdenkt. "Plötzlich ging der Alarm los ...", sagt sie, ihre Augen füllen sich mit Tränen. Mit Blick auf den Trawler, der den Kreuzfahrer schleppte, sagt sie: "Und seither ging es nur im Schneckentempo voran."

Es war ein Bild des Jammers, wie ein kleiner Trawler den mit 399 Kabinen und 13 Suiten ausgestatteten Kreuzfahrer in den rettenden Port Victoria zog. Das "dynamisch-mitreißende Urlaubserlebnis", das die Reederei Costa Crociere auf ihrer Webseite verspricht, ist gründlich danebengegangen.

Der Pool war ständig voll

Es ist heiß auf den Paradiesinseln im Indischen Ozean. Und auf einem Kreuzfahrtschiff, das drei Tage lang manövrierunfähig und ohne Strom und Klimaanlagen durch die Gewässer gezogen wird, stellen die Tropentemperaturen die Passagiere auf eine harte Probe. "Wir haben alle quasi im Schwimmbad gelebt", sagt Mayer. Der Pool sei ständig voll gewesen ebenso wie die wenigen Toiletten, die noch erträglich waren. Kapitän und Crew hätten aber alles getan, um die Passagiere zu beruhigen und zu verwöhnen, das betonen alle einstimmig.

Die Kabinen waren keine Alternative zur Äquatorsonne. "Drinnen konnte man es gar nicht aushalten", sagt Mayer. Beim Einlaufen in den Port Victoria hatten manche Handtücher auf dem Kopf, andere fächerten sich unter Sonnenhüten ununterbrochen Luft zu. Veit erinnert sich vor allem ans eintönige Essen: "Morgens Sandwich, mittags Sandwich, abends Sandwich, da hat man irgendwann genug." Immerhin habe es nie an Lebensmitteln und Trinkwasser gefehlt. "Jetzt freue ich mich auf eine Dusche, aufs Internet und auf was Gutes zu essen", sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Auch 38 Deutsche, 90 Schweizer und 97 Österreicher waren an Bord, als am vergangenen Montag plötzlich ein Feuer im Maschinenraum ausbrach und das Riesenschiff lahmlegte. Mehrere Passagiere sollen verletzt sein, das Gesundheitsministerium in Victoria spricht von Armbrüchen - was genau auf dem Schiff passiert ist, bleibt aber unklar.

Ob die Urlauber geahnt haben, welcher Medienrummel sich in den vergangenen Tagen um ihre Unglücksfahrt aufgebaut hat? Immerhin war die Kommunikation vom Schiff ohne Strom nicht einfach. Das Bild ist nicht ohne Komik: Die Journalisten fotografieren die Menschen auf dem Schiff und die Menschen auf dem Schiff die Journalisten. Manche winken, alle wirken erleichtert.

Einmal in Sicherheit, hatte es plötzlich keiner mehr eilig, das Schiff zu verlassen. Nach und nach kamen sie langsam die Gangway herunter, viele ältere Menschen waren darunter. Nach Angaben der für die Inselgruppe zuständigen deutschen Botschafterin Margit Hellwig-Bötte, die aus Kenia einflog, sind 300 Passagiere älter als 65 Jahre. "Als Erstes werde ich den Deutschen sagen: ,Ich freue mich, dass Sie gesund hier angekommen sind!'" Schließlich hätten ja alle noch die Bilder der "Costa Concordia" vor Augen - eine Katastrophe, die mindestens 25 Menschen das Leben gekostet hat. "Aber die war ja auf einen Felsen aufgelaufen, und hier ist etwas völlig anderes passiert", sagt die Diplomatin. Dennoch: "Von dem Schreck müssen sich die Leute jetzt erst mal erholen."

Das wird nun jeder auf seine Weise tun. Sebastian Veit wird noch 14 Tage auf den Seychellen bleiben und die Traumstrände genießen. "Die Reederei hat uns ein wirklich großzügiges Angebot gemacht, Respekt, da kann man sich nicht beklagen", sagt er. Franz Mayer hingegen hat genug vom türkisblauen Meer: "Wir wollen möglichst schnell heim", sagt er. "Ich bin nicht in der Stimmung, hier noch Urlaub zu machen." Eine Italienerin, die sich zuvor leidenschaftlich über das Erlebte ausgelassen hat, wird im Weggehen gefragt: "Würden Sie noch mal eine Kreuzfahrt machen?" Ohne zu zögern, ruft sie: "Si!"

Noch am selben Tag hat übrigens die italienische Regierung ein Verbot für Kreuzfahrtschiffe erlassen, sich der Küste und Meeresschutzgebieten zu stark zu nähern: Nicht näher als zwei Seemeilen (3,7 Kilometer) dürfen Kreuzfahrtschiffe auf Meeresschutzgebiete wie den Toskanischen Archipel vor Giglio zusteuern.