Gesundheit

Wieder tote Babys: Bremen schließt Frühchenstation

Die Katastrophe beginnt am 30. April 2011. Auf der Intensivstation für frühgeborene Babys im Klinikum Bremen-Mitte wird ein multiresistenter Keim entdeckt. Die Krankenhausleitung ist alarmiert, wo der Keim herkommt, stellt die Ärzte vor ein Rätsel.

Ein paar Wochen später passiert es, am 8. August desselben Jahres stirbt ein Frühchen an der Infektion. Kurz darauf wird der Erreger bei weiteren Babys nachgewiesen. Am 7. September informiert die Klinikleitung das Bremer Gesundheitsamt. Doch im Oktober sterben zwei weitere Kinder. Das Robert-Koch-Institut (RKI) schaltet sich ein, die Klinik beginnt mit der Desinfektion der Station. 15 Babys werden verlegt.

Mitte November werden erste Konsequenzen gezogen, der Chefarzt der Kinderklinik wird entlassen, die Bürgerschaft in Bremen setzt einstimmig einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein. Im Dezember legen die Experten vom RKI schließlich ihren Bericht vor: Sie können nicht mehr feststellen, was die tödliche Infektionswelle auf der Frühchenstation ausgelöst hat.

Am 9. Januar 2012 öffnet die Klinik die Frühchenstation wieder, nach umfangreicher Desinfizierung und Umbauten. Doch eineinhalb Monate später werden Darmkeime bei Frühchen nachgewiesen. Für die Station gilt ab sofort ein Aufnahmestopp, Experten des RKI untersuchen die Vorfälle. Doch alles sieht danach aus, dass die Station vor dem Aus steht.

Nun sind zwei weitere Babys auf jener Station gestorben. An einer Blutvergiftung. Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) rief eilig eine Pressekonferenz ein. "Die Station wird geschlossen", sagte sie. Zuvor hatte Jürgens-Pieper den Geschäftsführer des Klinikums, Diethelm Hansen, vorläufig von seinen Aufgaben freigestellt. "Es gibt einen schleichenden Vertrauensverlust, der ist jetzt so weit, dass ich sage: Wir müssen uns jetzt trennen", sagte sie. Wenn die neuen Todesfälle aufgeklärt seien, werde es eine abschließende Bewertung geben.

Die Kinder auf der Station, bei denen das Risiko nicht so hoch sei, sollten nun verlegt werden in das Klinikum Links der Weser. Eine dauerhafte Lösung gibt es noch nicht. Auch ob ein Zusammenhang zum grassierenden gefährlichen Darmerreger auf der Station bestehe, sei noch unklar. Doch am Tag zuvor ergab die Untersuchung in einem Bochumer Speziallabor, dass es den Darmkeim schon seit 2009 im Klinikum Bremen-Mitte gibt. Der Krankenhaushygieniker habe eine Probe aus dem Jahr 2009 zur Untersuchung mitgeschickt. Die Keime seien genetisch identisch und selten, hieß es.

Die Bakterien sind multiresistent gegen Antibiotika und deshalb besonders gefährlich für Frühchen. Der aufgetretene spezielle Klebsiella-Keim sei nur in Bremen und einmal in Russland nachgewiesen worden. "Das ist ein Rätsel, und wir sind darüber auch erschüttert", sagte Karla Götz, die Sprecherin von Senatorin Jürgens-Pieper. Der Nachweis bedeute, dass es sich 2009, im vergangenen Jahr und jetzt immer um den gleichen Darmkeim gehandelt habe.

Die Gesundheitsbehörde sucht nun nach einer räumlichen Alternative für die Behandlung der Neugeborenen. Jürgens-Pieper lasse den Aufbau einer neuen Station im Klinikum Links der Weser prüfen und habe dazu bereits Aufträge erteilt, sagte Götz. Auch die Verlegung von Frauen mit Risikoschwangerschaften aus der Klinik wird geprüft.

Voreilig wiedereröffnet

Die Wiedereröffnung der Station sei möglicherweise voreilig gewesen, sagte CDU-Fraktionschef Thomas Röwekamp. Der Klinik entstehe ein Millionenschaden, und das Vertrauen der Patienten sei schwer erschüttert. CDU-Gesundheitspolitiker Rainer Bensch geht von einem lücken- oder gar fehlerhaften Personalscreening aus. Für die Linke-Abgeordnete Claudia Bernhard steht fest: "Die Zentralisierung der Neonatologie im Klinikum Bremen-Mitte war ein Fehler, der schwerwiegende Folgen hatte." Die Ministeriumssprecherin betonte hingegen, das Personalscreening sei gründlich und vollständig gewesen.

Frühchen verfügen noch nicht über ein ausgereiftes Immunsystem. Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Kommt ein Kind erheblich früher zur Welt, sind Organe und Körperfunktionen noch nicht vollständig ausgebildet. Das Baby wird als Frühchen geboren und braucht je nach Reifegrad intensivmedizinische Betreuung. Die Chance von Frühchen auf ein gesundes Leben hängt davon ab, wie schwer sie bei ihrer Geburt waren und wie weit die Schwangerschaft bereits entwickelt war. Ein Kind, das vor der 22. Woche geboren wird, gilt als nicht lebensfähig. Zweites Kriterium ist das Gewicht: Früher galten Kinder mit weniger als 500 Gramm Gewicht als kaum überlebensfähig, inzwischen können auch solche Babys in Einzelfällen gerettet werden - wenn sie von Erregern verschont bleiben.