Mailänder Fashion Week

Tränen bei Jil Sander, Pelze bei Lagerfeld

Tränen fließen über das perfekt geschminkte Gesicht eines Models. Auch das Publikum, darunter eine ergriffene Anna Wintour, kämpft mit seinen Gefühlen. Es erhebt sich von seinen Sitzen, jubelt und hört nicht mehr auf zu applaudieren. Minutenlang ging das so am vergangenen Samstag im Showroom der Marke Jil Sander.

Die Gründerin kehrt zurück, und der belgische Designer Raf Simons präsentierte weinend auf der Mailänder Fashion Week seine letzte Kollektion für das Haus.

Es war ein bewegender Moment, den man auch deshalb nicht vergessen wird, weil Raf Simons zeigte, worauf es derzeit ankommt. Höhepunkte schaffen nur diejenigen, die mit hervorragend geschnittenen Kleidern, einer perfekten Farbauswahl und stimmigen Präsentation die Faszination der Mode auf den Laufsteg bringen. Simons tat dies mit Oversized-Mänteln in Pudertönen, schmal geschnittenen Kleidern, teilweise im Patchwork-Strick.

So unterschiedlich die Visionen der Designer waren, Hervorragendes war in Mailand bei denen zu finden, die sich, eben so wie Raf Simons, auf das Wesentliche konzentrierten: hohe Schneiderkunst.

Miuccia Prada, die andere Visionärin, zeigte auf dem Laufsteg ausschließlich Hosen - wenngleich in unterschiedlichen Varianten. Einige waren mit großen Kristallen bestickt. Andere wurden von einem bunten Archiv-Druck von 1997 bestimmt. Prada kombinierte sie mit Übermänteln oder opulenten Blusen und beeindruckenden High Heels mit Gummikappe.

Auf Kleider konzentrierte sich dagegen Tomas Maier bei Bottega Veneta. Er schickte allesamt grandiose, aber unterschiedlichste Varianten davon über den Laufsteg. Alle 36 Looks in dunklen Tönen, bei denen Schwarz und Dunkelblau überwogen, waren bis ins kleinste Detail durchdacht. Vor allem bei seinen Samtkreationen zeigte sich, wie klassisch und modern zugleich Maier arbeitet. Strenge, so die Aussage, kann weiblich übersetzt werden. Vor allem aber sind Bottega-Looks "tragbar", eigentlich ein Schimpfwort unter Stylisten, die damit Langeweile verbinden. Doch Maier bewies ihnen das Gegenteil.

Es führt, das wurde bei den Shows klar, demnächst kein Weg daran vorbei: Dunkel ist das neue Bunt. Da kann die Frühlingssonne noch so wärmen - ab Herbst geht es modisch wieder düster zu. So viel Schwarz, Brokat, schwere Wolle oder Felle waren selten zu sehen. Selbst Pucci, eine Marke, die normalerweise erstrahlt wie die Sonne über Capri, zeigte vorwiegend Schwarz, wenngleich weit sexier als Gucci oder Versace. Gekonnt setzte Karl Lagerfeld bei Fendi das zweite wichtige Thema, das Spiel mit verschiedenen Materialien, um. Er kombinierte die unterschiedlichsten Pelzarten miteinander. Sogar eine Kuh wurde somit zum Edelfell erhoben.

Richtig anfreunden wollte sich, wir schieben es auf das schöne Wetter, gleichwohl noch niemand mit den schwarzen Zeiten. Und vielleicht auch deshalb galt unter den Experten Simons Abschiedskollektion als die beste der Woche. Denn hier wurde mit hellen Farben und Eleganz die Schönheit der Frauen gefeiert.