Mehr Verkehrstote

"Der Rücksichtslosigkeit den Kampf ansagen"

Elf Menschen kamen im Schnitt an jedem Tag des vorigen Jahres im Straßenverkehr zu Tode, einer mehr als 2010. Damals gab es einen historischen Tiefstand. Doch jetzt stieg die Zahl erstmals seit 20 Jahren wieder: 3991 Menschen starben auf Deutschlands Straßen, das bedeutet gegenüber dem Vorjahr eine Zunahme um 9,4 Prozent.

Sie lag bei Fußgängern (rund 500 Getötete) und Motorradfahrern (mehr als 700) noch darüber. Die Zahl der Schwer- und Leichtverletzten erhöhte sich um 5,5 Prozent auf 391 500.

Die Experten streiten darüber, warum sich der langjährige positive Trend bei den Unfallopferzahlen nicht fortsetzt. Obwohl die Gründe dafür eher rätselhaft bleiben, wird schon alles Mögliche gefordert. Der Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates, Walter Eichendorf, verlangte ein absolutes Alkoholverbot am Steuer. Und die Polizeigewerkschaften nahmen die neuen Zahlen zum Anlass, wieder einmal nach mehr Beamten zu rufen. "Für mehr Verkehrskontrollen fehlen uns bisher schlicht die Polizisten", sagte Rainer Wendt, der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft.

Als eine Hauptursache für die Opferzahl nennt das Statistische Bundesamt die relativ milden Wintermonate des Vorjahres, den warmen und trockenen Frühling sowie den schönen Herbst. Wegen des Wetters seien mehr Autofahrer unterwegs gewesen, die zudem bei trockenen Straßen mehr aufs Gas gedrückt hätten. Gleichzeitig habe es auch mehr Fußgänger, Motorrad- und Fahrradfahrer ins Freie gezogen. Diese Erklärung findet Bernhard Witthaut, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), völlig absurd. Für ihn belegen die Zahlen nur eine "verwilderte Verkehrsmoral" auf den Straßen. "Wir müssen der Leichtsinnigkeit, Rücksichtslosigkeit und Regelwidrigkeit den Kampf ansagen", sagte Witthaut. Regional gibt es allerdings deutliche Unterschiede. In Hamburg starben zwölf Menschen nach Verkehrsunfällen. Das entspricht einer Zunahme um 54 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern stieg die Quote um 32,4 Prozent, in Thüringen um 25 Prozent. Das gefährlichste Pflaster scheint nun Mecklenburg-Vorpommern zu sein, zuvor war es Brandenburg.

In einer Studie, aus der "Spiegel online" zitiert, wurde jetzt erstmals der Nutzen von Radarfallen untersucht. Fazit der Untersuchung des Bundesverbands Niedergelassener Verkehrspsychologen: "Radarkontrollen führen, so wie sie aktuell durchgeführt werden, nicht zu einer Verminderung des Unfallrisikos", zitiert "Spiegel online" das Vorstandsmitglied Karl-Friedrich Voss. Es sei zwar richtig, dass jeder, der zu schnell fährt, bestraft werde, aber im Hinblick auf die Verkehrssicherheit sei das jetzige Modell ineffizient.

"Die Polizei ist übereifrig beim Blitzen. Das ist kein angemessener Umgang mit Autofahrern." Im Hinblick auf das Unfallrisiko werden die Falschen erwischt. So seien Fahranfänger vor allem nachts und an Wochenenden im Auto unterwegs, sagt Voss. Damit ihre Geschwindigkeitsübertretungen erfasst werden, müssten die Kontrollen viel stärker als bisher zu diesen Zeiten stattfinden.