Spektakulärer Schatz

Zwei Kilo Gold und Bronze

Es war ein sensationeller Fund, den Archäologen im April 2011 gemacht hatten. Beim Bau der nordeuropäischen Gasleitung waren sie auf einen der größten prähistorischen Goldschätze Mitteleuropas gestoßen. Er besteht aus 117 Einzelstücken, wiegt 1,8 Kilogramm und stammt aus der mittleren Bronzezeit.

Ein Grabungstechniker war im Landkreis Diepholz mit einem Metalldetektor auf ein Bündel stark korrodierter Bronzenadeln, ein kleines goldenes Spiralröllchen und ein größeres Objekt gestoßen, das zunächst für einen Armreif gehalten wurde, gestoßen. Der gesamte Komplex von 60 mal 60 Zentimeter wurde noch am selben Tag aus dem Boden ausgestanzt und als Block in einem Bretterkasten in die Restaurierungswerkstatt nach Hannover gebracht. Dort wird der Schatz nun seit Mittwoch ausgestellt.

Das Ensemble war in einem Leinenbeutel, verschlossen mit vier Bronzenadeln von fünf Zentimeter Länge, niedergelegt. Der Schatz besteht vorwiegend aus Ringen und Spiralen verschiedener Art. 90 davon waren zu insgesamt acht Girlanden von zehn Stücken und zwei weiteren Girlanden aus je fünf Stücken ineinander gesteckt, daneben fanden sich weitere Ringe. Der mutmaßliche Armring entpuppte sich als eine mit Kreisen und Sonnensymbolen verzierte Gewandspange.

Eine exakte Altersbestimmung des Beutels mithilfe der Radiokarbonmethode steht noch aus. Anhand der Machart der Stücke lässt sich der Schatz aber schon jetzt in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr. datieren. Der Goldgehalt der Stücke liegt bei 90 Prozent, die meisten Stücke sind aus recyceltem Gold gefertigt. Noch überraschender aber ist die Herkunft des glänzenden Metalls. Das, so Robert Lehmann von der Universität Hannover, stamme mit Sicherheit nicht aus Europa. Stattdessen vermutet er - auch für die Bronzenadeln - eine zentralasiatische Provenienz. An der Echtheit des Fundes bestehe kein Zweifel. Spannungsrisse und Goldkristalle weisen auf ein Alter von mindestens 1000 Jahren. "Warum der Goldfund dem Boden anvertraut wurde, ist noch unklar", so Niedersachsens Landesarchäologe Hennig Haßmann. Möglicherweise handelt es sich um ein Händlerversteck oder einen Weihefund. Der Materialwert ist für ihn nebensächlich. Verkaufen lässt sich der Schatz nicht. Genauso wie das bewusste Suchen nach prähistorischen Funden ist auch der Handel damit in Deutschland verboten.

Vom Greifswalder Bodden aus führt die Pipeline, bei deren Bau der Schatz gefunden wurde, über 440 Kilometer, südlich an Hamburg und Bremen vorbei, ins niedersächsische Rehden, wo das Gas gespeichert und in das bestehende Leitungsnetz eingespeist wird. Seit November 2010 laufen die archäologischen Untersuchungen an der Trasse. Allein auf den 200 niedersächsischen Kilometern sind sechs Grabungsfirmen und über 100 Mitarbeiter mit der 30 Meter breiten Schneise, die von einer sechs Meter breiten Abraumhalde begleitet wird, beschäftigt. Mit einer Gesamtfläche von rund sieben Quadratkilometern gehören die Grabungen zu den größten Archäologieprojekten Europas.

Der Goldschatz ist der spektakulärste, aber bei Weitem nicht der einzige Fund beim Pipelinebau. Im August 2011 war bei Bierden, unweit von Verden, eine steinzeitliche Frauendarstellung, die "Venus von Bierden", entdeckt worden. Dabei handelt es sich um ein flaches Steingerät von etwa fünf mal acht Zentimeter, das zum Bearbeiten von Feuersteinwerkzeugen diente. Mit nur fünf Strichen hatte ein Eiszeitkünstler darauf eine nackte Frau eingeritzt. Eine Linie deutet den Schambereich an und jeweils zwei weitere die Beine und den Oberkörper. Füße und Kopf fehlen. "Nelly" ist der erste Fund einer solchen eiszeitlichen Frauendarstellung im norddeutschen Tiefland.