Gesundheit

Sechsjährige stirbt an EHEC

Neun Monate nach Ausbruch der EHEC-Epidemie in Deutschland platzt die Nachricht hinein in die Ruhe nach dem Sturm: Ein sechsjähriges Mädchen aus Hamburg verstarb am Wochenende an Nierenversagen infolge einer Infektion mit aggressiven EHEC-Keimen.

Sophie aus dem wohlsituierten Stadtteil Blankenese wurde nur sechs Jahre alt.

Das Mädchen besuchte die Klasse 1e der Gorch-Fock-Grundschule. Zwei Tage nach Bekanntwerden ihres Todes befindet sich die Schule im Ausnahmezustand. Neben der großen Trauer um das Mädchen herrscht auch große Sorge davor, dass sich auch andere Schüler infiziert haben könnten. In einem Schreiben versuchte Schulleiterin Vera Klischan (60), die Eltern zu beruhigen. Es werde alles zur Sicherheit der Kinder getan, bereits seit Donnerstag liefen umfangreiche Desinfektionsmaßnahmen. Die Direktorin überließ es den Eltern, zu entscheiden, ob sie ihre Kinder in die Schule schickten oder nicht. "Aus rein medizinischer Sicht ist der Besuch der Schule unbedenklich", so Klischan.

Viele ließen ihre Kinder am Montag dennoch zu Hause; nur rund 20 Prozent der Schüler erschienen zum Unterricht. "Angesichts dessen und der traurigen Nachricht war kein richtiger Unterricht möglich. In kleinen Gruppen versuchten Lehrer und Schüler, über die Trauer um Sophie zu sprechen", sagte die Schulleiterin.

Groß war der Andrang bei der Informationsveranstaltung in der Aula der Schule am Mittag: Ärzte des Gesundheitsamts stellten sich den Fragen von beunruhigten Lehrern, Schülern und Eltern. In den Hort, den Sophie früher nach der Schule aufgesucht hatte, kamen am Montag nur wenige Kinder. Hier hatte man Toiletten, Tische, Stühle und Türklinken desinfiziert. Doch vielen Eltern gingen die Maßnahmen nicht weit genug. "Rein theoretisch müsste dann auch das gesamte Spielzeug desinfiziert werden", sagte eine Mutter, deren Sohn mit Sophie in dieselbe Hortgruppe ging.

Mitarbeiter des Gesundheitsamts suchen mit Hochdruck nach dem Erreger. Bereits am vergangenen Donnerstag, als sich der Zustand des Mädchens deutlich verschlechterte, machte man sich daran, Lebensmittelproben in der Küche einer Kita, in Sophies Familie sowie in einem Supermarkt zu nehmen, in dem die Eltern des Mädchens einkauften. Bei über 20 Lebensmittelproben konnten allerdings keine EHEC-Bakterien nachgewiesen werden.

Offenbar konzentriert man sich bei der Suche auf Rohprodukte. "In Fällen mit einem vergleichbar tragischen Verlauf der Krankheit war häufig Rohmilchkäse die Ursache", sagte der Sprecher der Hamburger Gesundheitsbehörde, Erik Puster. Bislang wurden im Umfeld des Kindes keine weiteren Ansteckungsfälle verzeichnet. "Insofern kann man die Situation überhaupt nicht mit der im letzten Jahr vergleichen."

Noch sieht es danach aus, dass der Tod des Mädchens ein tragischer Einzelfall ist, der sich unspektakulär ankündigte. Erstmals klagte die Sechsjährige am 11. Februar, einem Sonnabend, über Bauchkrämpfe, was bedeutet, dass sich das Mädchen bereits Anfang Februar angesteckt haben muss. Als die Symptome immer heftiger wurden, wurde sie am darauffolgenden Montag in ein Kinderkrankenhaus in der Nähe ihres Stadtteils eingewiesen. Dort verschlechterte sich der Zustand allerdings zusehend, weshalb sie schließlich am Mittwoch zu Experten in das Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf überwiesen wurde. Wie bei allen Infektionen mit besonders aggressiven EHEC-Erregern litt das Kind an HUS, dem Hämolytisch-urämischen Syndrom, einem Nierenversagen, das infolge der Infektion auftritt. Dieses seltene, aber lebensbedrohliche Krankheitsbild tritt meist bei jüngeren Kindern auf. Es hat oft einen spontanen Heilungsverlauf. Bei bis zu zwölf Prozent der Patienten führt es zum Verlust der Nierenfunktion, zu bleibenden Schäden des Gehirns - oder zum Tode. Wie bei Sophie: Trotz Dialyse-Maßnahmen konnten die Ärzte das Leben des Mädchens nicht retten. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag verstarb sie.

Der Fall der Sechsjährigen sorgt auch deshalb für große Aufregung, weil der Schrecken über die EHEC-Epidemie im vergangenen Jahr noch tief sitzt: 53 Menschen starben bundesweit daran, insgesamt 4330 Fälle wurden registriert. Als Ursache für die Infektionswelle fanden Wissenschaftler frische Sprossen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts erkranken in Deutschland jährlich 800 bis 1200 Menschen an EHEC, ohne dass sie im Zusammenhang mit einer Epidemie stehen. Auch wenn es im Fall des Kindes besonders tragisch ist: Vereinzelte Todesfälle gebe es immer wieder.