Unser Star für Baku

Lena trägt jetzt einen Bart

Als die letzten Sekunden herunterticken, scheint doch noch mal Spannung aufzukommen. Die Finalisten liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Roman Lob führt knapp vor Ornella de Santis. Nicht mal zwei Prozentpunkte Unterschied trennen die beiden.

Noch sind die Telefonleitungen geöffnet. Die Jury gibt sich alle Mühe, die Stimmung anzuheizen. Thomas D. springt auf, Stefan Raab versinkt in seinem Sitz. Und Alina Süggeler mag nicht mehr hinschauen.

Um kurz nach halb elf wird das TV-Publikum erlöst: Roman Lob ist "Unser Star für Baku". Der 21-jährige Industriemechaniker vertritt Deutschland am 26. Mai beim Eurovision Song Contest in Aserbaidschan. 50,7 Prozent der Anrufer votierten für den Mann mit dem Mikrofon-Tattoo auf der Brust. Auf die 27-Jährige de Santis entfielen 49,3 Prozent der Stimmen. Spannender geht's kaum. Eigentlich. Doch auch die letzte Sendung wirkte - abseits aller Inszenierung - schal und emotionslos. Dass dem Finale die Spannung fehlte, liegt am Konzept von "Unser Star für Baku". Und an der Jury. Von Beginn an hypte das Trio um Chefjuror Thomas D. Lob. Er galt als Favorit, auch beim Publikum. Dass Ornella de Santis überhaupt in die letzte Runde einzog, war eine Überraschung. Wirklich gefährlich konnte sie Lob nicht werden. Ihre Stimme ist hübsch, doch ihr Auftritt wirkte zu fahrig.

Dass Deutschland sich wieder für den Grand-Prix interessiert, ist Stefan Raabs Verdienst. Ihm gelang das Kunststück, mit Lena Meyer-Landrut eine junge Frau zu finden, die das Land begeistern konnte. Nach dem Sieg in Oslo stürmte sie die Charts. Das ist Raabs großer Erfolg. Und gleichzeitig seine Bürde, unter der die Sendung heute leidet. Der Erfolg von Oslo ist nicht mehr zu toppen, das zeigte sich bereits im vergangenen Jahr, als er Lena noch einmal gegen sich selber antreten ließ - und ihr Song gecastet wurden.

Bei "Ein Star für Baku" wählten die Zuschauer diesmal nicht nur den Kandidaten sondern auch den Song. Vier Lieder, allesamt Balladen. Gehobenes Mittelmaß, mehr nicht. In der entscheidenden Runde sang Lob "Standing still". De Santis trug "Quietly" vor. Sie machten das gut. Lob kam sympathisch rüber, seine Stimme hat Kraft. "Ich will beim Song-Contest mein eigenes Ding durchziehen", sagte er dieser Zeitung. Und natürlich: An Lena müsse er sich messen lassen. Ihr Song "Satellite" war ein Gute-Laune-Garant. Das Stück passte perfekt zu ihr. "Standing still" ist solide, mehr nicht.

Reicht das aber, um die schwache Quote der Castingshow zu erklären? Am Donnerstagabend wollten gerade mal 2,19 Millionen Menschen das Finale sehen. Der Marktanteil in der werberelevanten Gruppe der 14- bis 49-Jährigen lag bei mageren 8,9 Prozent - der niedrigste Wert, den es je für einen Grand-Prix-Vorentscheid gab. Als Lena vor zwei Jahren im Finale stand, schauten noch 4,5 Millionen Menschen zu.

Was macht den Erfolg einer Castingshow aus? "Deutschland sucht den Superstar" hat vorgemacht, wie es gehen kann. Dieter Bohlen und RTL gaukeln den Kandidaten vor, dass sie es bis ganz nach oben schaffen können. Wer gut aussieht, die Töne halbwegs trifft und tanzen kann, dem winkt Ruhm. Zumindest lautet so das Versprechen. Dafür lassen sich die jungen Menschen vorführen, erniedrigen. Gleichwohl: einen Superstar hat das Format bisher nicht hervorgebracht. Allenfalls halbwegs talentierte Sänger, die schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Trotzdem hat "DSDS" Castingshows auf dem deutschen TV-Markt populär gemacht. Mit "The Voice of Germany" wurde ein Konzept entwickelt, das ohne Pöbeln auskommt. Die Juroren suchen ihren persönlichen Star. Auch wenn viele der Kandidaten schon in anderen Shows ihr Glück gesucht haben. Die Sendung lebt vom Wettbewerb und den Emotionen. Show und Musik, Effekte und Gesang, fügen sich ineinander. Ob der Erfolg nachhaltig ist, wird sich zeigen.

Dagegen erschien"Unser Star für Baku" in allen acht Folgen blass - was auch an den Moderatoren lag. Sandra Rieß und Steven Gätjen waren nicht in der Lage, der Sendung eine persönliche Note zu geben. Besonders Rieß wirkte deplaziert. Nachdem Lob am Donnerstagabend einen seiner Songs vorgetragen hatte und dafür von der Jury überschwänglich gelobt wurde, fiel Rieß nur ein: "Da hat auch ein Roman ein bisschen Pipi in den Augen."

Dabei waren es die Kandidaten gewohnt, mit Komplimenten der Jury überhäuft zu werden. Die Bewertung schwankte zwischen "überwältigend" und "ganz große Klasse". Ausgerechnet Lästermaul Stefan Raab blieb im Finale ungewohnt still. Er wollte sich weder auf einen Lieblingssong noch auf einen Favoriten festlegen. Auch mit Bewertungen hielt er sich zurück. Die Zuschauer sollten entscheiden, so Raab. Das taten sie - für Lob.

Der möchte die nächsten Tage mit seiner Familie verbringen. Dann geht's mit Thomas D. ins Studio. Und am 26. Mai nach Baku. Er weiß, dass er an Lenas Erfolg gemessen wird. "Eine Platzierung in den Top-10 wäre schön", sagte er. Dann könne er zumindest von sich behaupten: Ich habe Deutschland gut vertreten.