Fernsehquote

Gottschalk sucht sein Publikum

Am Anfang waren es noch 4,3 Millionen Zuschauer, die seine Sendung sehen wollten, inzwischen ist die Zahl auf unter zwei Millionen Menschen gesunken und hat sich dort stabilisiert. Zuletzt erreichte Gottschalk 1,39 Millionen Zuschauer. Die ARD gibt sich optimistisch - was soll sie auch sonst tun?

"Wenn man was Neues ausprobieren will, muss man einen langen Atem haben, und den haben wir", sagte Anfang dieser Woche Monika Piel, ARD-Vorsitzende und WDR-Intendantin. Piel tat so, als sei sie verwundert über die Diskussion ums neue Gottschalk-Format. "Eine Quotendiskussion gibt es nicht bei der ARD", sagte sie.

Wer "Gottschalk Live" gesehen hat, begreift schnell, dass die Quoten nicht wieder steigen werden. Er wird bezweifeln, dass die Sendung wie geplant 144-mal laufen wird. Gottschalk gelingt einfach nicht, was das Ziel der Sendung ist: ein Gespräch. Weder aus Helge Schneider noch aus Katherine Heigl konnte er lohnende Sätze herauslocken. Jedes Gespräch erstarrte in Andeutungen. Und in Monologen des Moderators.

Man kannte Thomas Gottschalk bisher als Moderator, der vor Menschen spricht. Je mehr Zuschauer die Halle fasste, desto besser war Gottschalk. Die Kunst bestand darin, diese Menschen in Schach zu halten. Lachten sie, schwiegen sie, klatschten sie, raunten oder buhten sie? Darauf muss der Moderator eingehen, darauf muss er reagieren. Gottschalk beherrschte diese Kunst. Er war Meister darin. In seiner letzten Sendung "Wetten, dass..?" hat er das Geheimnis gelüftet, wie er diesen Tango mit dem Publikum schafft. Es sei eine Gabe, sagte er, ein Talent. Etwas, was er einfach kann, weil es ihm in die Wiege gelegt wurde. Er gestand, dass er sich nie auf eine Sendung vorbereiten musste. Er hat jede Sendung mit Gästen und Publikum einfach genommen, wie sie waren - und das Beste daraus gemacht. Das Publikum liebte Gottschalk genau dafür - fürs Spontane, Unberechenbare. Für die Witze, die er sich aus dem Ärmel schüttelte.

Und jetzt? Jetzt sitzt Thomas Gottschalk mit Fönfrisur im Studio. Er schaut in die Kamera, er lächelt und redet. Er hat kein Publikum. Er kann nicht reagieren. Er redet und redet, und seine Gäste kommen kaum zu Wort.

Gottschalk geht der Absturz nahe

Es hat, wie bei "Wetten, dass..?", auch diesmal den Anschein, dass die Gedanken ihm durch seinen Kopf schießen und er sie einfach herauslässt. Wenn ihm, mitten im Gespräch mit dem Wiener "Tatort"-Kommissarsduo Bibi Fellner und Moritz Eisner durch den Kopf schießt, wie "gut der Wein" ist, dann muss das sofort raus - und wieder hakt das Gespräch. Und wenn er einen Würstchenverkäufer im Studio Würstchen verkaufen lässt und ihm plötzlich einfällt, den Mann mit einem Autogramm von sich selbst belohnen zu wollen, dann muss er auch das sofort aussprechen. Gleich zwei Mal. Und alle außer ihm scheinen zu spüren, wie peinlich das ist. Auch "Wetten, dass..?" war nicht frei von Aussetzern, Namensverwechslern, Peinlichkeiten. Aber es gelang Gottschalk immer, solche Schnitzer im Dialog mit dem atmendem Publikum auszubügeln.

Gottschalk gibt sich in Woche zwei seiner neuen Sendung gelassen. "Ich weiß nicht, zum wievielten Mal mir das in meiner Karriere jetzt passiert. Jedes Mal habe ich mir geschworen: Beim nächsten Mal ist mir das einfach wurscht", schrieb er Anfang Februar in der "Bild". Doch das Wissen um seine schlechten Quoten machte ihn in den folgenden Sendungen nicht besser.

Die ARD findet derweil, Gottschalk sei "in den letzten Sendungen sehr nah an der Form gewesen, die man sich vorgestellt habe." Das kann sein. Das Problem ist auch nicht Gottschalks Form, sondern die Form der Sendung. Wie Gottschalk ist, wenn er wirklich in Form ist, sahen die Fernsehzuschauer, als er im Dezember vergangenen Jahres seine letzte Sendung "Wetten, dass..?" moderierte. 15 Millionen saßen vor den Fernsehern, und man merkte förmlich, wie sehr er die Massen braucht. Gottschalk selbst geht der Absturz nahe: "Ich bin mit Laserblitzen und bei Standing Ovations von einer Bühne verschwunden und die Medien haben mir freundlich nachgewinkt. Ein paar Wochen später kommt der gleiche Kerl zu anderer Tageszeit in einem anderen Programm um die Ecke und schon ist der Beifall verhalten und die Presse ätzt", schrieb er.

Thomas Gottschalk hat Unterhaltungsgeschichte geschrieben. Nun kann er nur hoffen, dass, wie er es ausdrückte, aus der quotenmäßigen "U-Bahn-Fahrt" wieder eine "Bergbahn" wird.