Rudi Assauer

Kampf gegen die Sprachlosigkeit

Als der Abspann läuft, schaut er prüfend auf seine Armbanduhr. Das ist vielleicht der Moment, in dem Rudi Assauer am Freitagvormittag in der ZDF-Sendung "Volle Kanne - Service täglich" noch am ehesten an den Mann erinnert, der er einmal war: ein umtriebiger, erfolgreicher Fußballmanager, dem 24 Stunden Zeit am Tag selten reichten.

Die fast 90 Minuten zuvor wirkt der prominente Studiogast dagegen abwesend: wortkarg, zögerlich, mit traurigem Blick, dement. Es ist der erste Fernsehauftritt Rudi Assauers, der seine in dieser Woche bekannt gegebene Alzheimer-Erkrankung zum Thema hat. Und es soll auch sein letzter bleiben: Mehr wollen Assauers Tochter Betty und seine langjährige Sekretärin Sabine Söldner dem 67-Jährigen nicht zumuten. Auch wenn Assauer sagt: "Im Grunde genommen geht es mir gut. Gut. Einfach gut." Viel tiefer lässt der Alzheimer-Patient in der Sendung dann auch nicht blicken. Er kann es offensichtlich nicht mehr.

Werner Hansch, Reporterlegende, langjähriger Freund und dritter Begleiter Assauers ins Fernsehstudio, erzählt, dass Assauer noch vor einem Jahr zu Hause mit Kreuzworträtseln gegen die unheilbare Krankheit ankämpfte, die die Gehirnzellen absterben lässt. Auch sein Auftritt bei "Volle Kanne" ist für Assauer ein Ringen um Worte, das er oft nur deshalb nicht verliert, weil Moderator Ingo Nommsen oder Hansch, die "Stimme des Ruhrgebiets", einspringen und Assauers früh im Nirgendwo endenden Sätze vollenden.

Als Macher und Macho von Schalke 04 war Assauer über zwei Jahrzehnte einer der größten Entertainer der Bundesliga gewesen. "Volle Kanne"? "Nö, verdammte Hacke!" hätte er früher wohl die Einladung zu einer Service-Sendung im Vormittagsprogramm derb gekontert. Heute ist da nur noch Sprachlosigkeit, die den Zuhörer ganz schön traurig macht.

Ist die schwere Krankheit Schicksal? "Man muss durch. Dann ist die Birne auch wieder frei", antwortet Rudi Assauer stockend, ohne Selbstvertrauen. Man hört, dass er kämpfen will, aber nicht weiß wie. Die Hilflosigkeit steht dem früheren "Mister Schalke" ins Gesicht geschrieben. Die Krankheit öffentlich zu machen, sei "eine Erlösung", sagt seine treue Sekretärin Sabine Söldner in Assauers Autobiografie ("Wie ausgewechselt - verblassende Erinnerungen an mein Leben"). Werner Hansch nennt die Beweggründe für den gezielten Gang in die Öffentlichkeit: Erstens wollte man Gerüchten aus der "Sportjournalistenszene" entgegentreten, nach denen sich "Assauer den Verstand weggesoffen" hätte. Zweitens soll mithilfe von Assauers Prominenz auf das Problem der Alzheimerkrankheit aufmerksam gemacht werden, an der in Deutschland rund 1,3 Millionen Menschen leiden.

Beim ZDF haben sie sich Mühe gegeben, es Assauer so angenehm wie möglich zu machen - der Moderator erteilt ausdrücklich Raucherlaubnis. Als es Assauer nicht auf Anhieb gelingt, seine Zigarre anzuzünden, will Sitznachbar Hansch ihm übereifrig zu Hilfe kommen. "Lass man", sagt Assauer und gibt sich Feuer. Das kann er schon noch selbst.