Biografie von Rudi Assauer

"Glück auf, Rudi!"

Es muss ein irritierendes und bewegendes Erlebnis für Werner Hansch gewesen sein. Der Fernseh- und Radioreporter, der im Ruhrgebiet wegen seiner Sprach- und Stimmgewalt noch heute als "die Stimme des Westens" gilt, war mit seinem langjährigen Freund Rudi Assauer auf dem Rückweg aus Borken, wo sie gemeinsam mit ihrer Fußball-Talkrunde "Rudi und Werner" aufgetreten waren.

Doch an diesem Abend, es war der 3. Februar 2011, also genau vor einem Jahr, wirkte Assauer "unkonzentriert und fahrig", erinnert sich Hansch: "Seine Antworten waren manchmal nur bloße Bestätigungen meiner Aussagen." Die Sorge, dass mit seinem Freund etwas nicht in Ordnung sei, ließ den Reporter nicht los.

Als sie wieder in Gelsenkirchen angekommen waren, in der Einfahrt von Assauers Haus, wollte es Hansch wissen. "Ich holte tief Luft und sagte zu ihm: ,Rudi, darf ich dich mal etwas fragen? Mit dir stimmt doch was nicht. Was ist los?'", schildert Hansch in der am Donnerstag im Riva-Verlag erschienenen Autobiografie "Wie ausgewechselt - verblassende Erinnerungen an mein Leben". Assauer hätte ihn regungslos angeschaut und geantwortet: "Komm mit rein." Im Haus sei Assauer, den Hansch wie viele andere immer noch als Inbegriff eines starken Machers sahen, dann emotional zusammengebrochen. Assauer hätte plötzlich losgeweint. "Es brach einfach aus ihm heraus, ein Heulanfall. Ich erschrak, mir wurde heiß und kalt", erinnert sich Hansch. Dann sagte Assauer ihm, dass er Alzheimer habe.

Die traurige Episode aus dem Buch des Münchener Sportjournalisten Patrick Strasser verdeutlicht, warum die öffentliche Bekanntgabe seiner Erkrankung für Assauer persönlich wichtig war. Sie beendet eine quälend lange Zeit, in der er krampfhaft und verzweifelt versucht hatte, seine Krankheit zu verbergen. Was ihm zunehmend schwerer fiel. Es heißt, die Phase, in der der Kranke noch bewusst mitbekommt, dass er scheinbar unaufhaltsam verfällt, sei die härteste.

In Assauers Fall war sie geprägt von Selbstzweifeln und Wut auf sein Schicksal: Wenn ihn in Interviews das Erinnerungsvermögen im Stich ließ, wenn er nicht wusste, wer der Gesprächspartner war. Und wenn er mitbekam, wie die Leute über ihn tuschelten. Bewegte er sich etwas unsicher, hieß es oft "Aha, wieder was gebechert", schreibt Schalke-Trainer Huub Stevens, der sechs Jahre lang mit Assauer sehr erfolgreich zusammengearbeitet hat, in seinem Vorwort zu dem Buch: "Das war natürlich Blödsinn." Die Leute wussten nicht, dass Assauer durch die Demenz gezeichnet war.

Assauer, bei dem sich erste Anzeichen bereits 2005, ein Jahr vor seinem Rauswurf bei Schalke 04, bemerkbar gemacht hatten, und der sich lange Zeit aus Angst gegen eine Untersuchung gewehrt hatte, bekam am 15. Januar 2010 die Diagnose. Mittlerweile leidet er unter Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium. Auf sich allein gestellt, sei er nicht mehr lebensfähig, heißt es in dem Buch: "Er könnte sich nicht mehr ernähren, würde vergessen sich zu waschen." Er habe sich "in kurzer Zeit sehr verändert", sagt Stevens.

Alleinsein erträgt er nicht mehr

In der Memory Clinic in Essen, wo Assauer seit August 2010 behandelt wird, haben sie einige Tests mit ihm gemacht: Fragen nach dem Jahr, dem Monat und dem Wochentag gestellt. Er sollte auf einem Zifferblatt die Uhrzeit aufmalen. "Assauer besteht einige Tests nur mit Mühe. Die meisten Aufgaben löst er gar nicht", schreibt Strasser. Der Autor geht behutsam mit Assauers Intimsphäre um, doch was er zitiert, lässt erahnen, wie schlecht es ihm geht. "Mein Vater kann nicht mehr lange alleine sein, nur ganz kurz. Aber dann fängt er an, mich zu suchen", erzählt Assauers Tochter Bettina Michel, die ihn im Dezember aufgenommen hat, nachdem er sich von seiner Frau Britta getrennt hatte.

Am heutigen Freitag sollte der erste TV-Auftritt Assauers nach Bekanntwerden seiner Krankheit in der Sendung "Volle Kanne" (ZDF, ab 9.05 Uhr) ausgestrahlt werden, sie wurde am Donnerstag aufgezeichnet. "Mir geht es gut", sagt Assauer laut Vorabbericht. Seine Tochter Bettina und Werner Hansch begleiteten ihn zur Aufzeichnung. "Im Grunde genommen hat sich nichts verändert. Ich kann laufen, ich kann gehen, ich kann alles machen - und das ist es dann", sagt Assauer.

Doch welche Traurigkeit er in bestimmten Momenten in sich trägt, verdeutlichen auch andere Gedanken, die er Autor Strasser anvertraut hat: "In ein paar Jahren sitze ich vielleicht nur rum und warte, bis ich abgesäbelt werde. Da könnte man sich doch gleich die Kugel geben, ein Loch in den Kopp schießen. Nein, das werde ich natürlich nicht machen."

Zu diesen Worten passt, wie Schalke-Trainer Huub Stevens das Vorwort beendet - mit jenem Bergarbeitergruß, der auch heute noch im Revier der ehrlichste aller Ausdrücke ist, wenn es darum geht, jemandem von Herzen alles Gute zu wünschen: "Glück auf, Rudi!"