Interview

"Die Originale sind gar nicht so gut"

Es ist das wohl erste Nachschlagewerk der internationalen Doubleszene: Mit Bildern von Luciano Pavarotti in seiner engen Einbauküche oder Julia Roberts in einer Wohngemeinschaft. Der Schweizer Fotograf Niklaus Spoerri besucht seit fünf Jahren professionelle Doubles und porträtiert sie in ihrer eigenen Wohnung Am 24. Februar erscheint in Deutschland nun sein Buch "Who is Who?". Mit ihm sprach Elisalex Henckel.

Berliner Morgenpost: Herr Spoerri, Sie haben für Ihr Buch "Who is Who?" fast 80 Doubles fotografiert. Welches hat Sie am meisten beeindruckt?

Niklaus Spoerri: Prince Charles fand ich wahnsinnig gut.

Berliner Morgenpost: Wirklich? Der sieht ganz anders aus als der echte.

Niklaus Spoerri: Ja, sagen alle, aber der hat mich einfach umgehauen mit seinem Auftritt. Sein Englisch und wie er vor der Kamera seine Position bezogen hat, da bin ich fast ein bisschen zusammenzuckt vor Respekt.

Berliner Morgenpost: Wieso beschränken Sie sich eigentlich freiwillig auf Kopien?

Niklaus Spoerri: Ich fand's einfach faszinierend, dass es Menschen gibt, die genauso aussehen wie andere. Ich wollte wissen, wie das für sie ist, sie haben sich das ja schließlich nicht ausgesucht. Ernst August von Hannover zum Beispiel hat mir gesagt, er würde auch lieber aussehen wie Brad Pitt, aber habe halt nehmen müssen, was kam. Also habe ich mich nicht nur auf das Double konzentriert, sondern versucht, den Menschen dahinter zu porträtieren. Deshalb sitzen die auch alle in ihren Wohnzimmern.

Berliner Morgenpost: Wer ist das erfolgreichste Double?

Niklaus Spoerri: Wahrscheinlich die Queen. Die macht das seit den 70er-Jahren und hat inzwischen in ganz vielen Filmen mitgespielt, in "Die Nackte Kanone" zum Beispiel, und in Musikvideos von The Who, Status Quo und natürlich Queen.

Berliner Morgenpost: Was ist wichtiger - wem man ähnlich sieht oder wie sehr?

Niklaus Spoerri: Schon wer das Vorbild ist. Das Erstaunliche ist, je gefragter eine Person ist, desto mehr Doubles gibt es.

Berliner Morgenpost: Sie haben auch Doppelgänger von Verstorbenen fotografiert. Pavarotti zum Beispiel oder Michael Jackson.

Niklaus Spoerri: Der Tod des Vorbilds bedeutet nicht automatisch das Ende der Doublekarriere, im Gegenteil. Denken Sie nur an all die Marilyn Monroes und Elvis Presleys. Das sind Klassiker, auch als Doubles. Schließlich kennt die weltweit fast jeder.

Berliner Morgenpost: Warum haben Sie auf beide verzichtet?

Niklaus Spoerri: Bei den Elvissen habe ich nie einen gefunden, der mich von der Ähnlichkeit her überzeugt hat. Marilyn hatte ich eine in London, aber die hatte nie Zeit. Nach 50 Telefonaten habe ich dann irgendwann aufgegeben.

Berliner Morgenpost: Was fasziniert die Menschen an Doppelgängern?

Niklaus Spoerri: Uns faszinieren einfach die Prominenten, und ein Double kommt da schon recht nah dran.

Berliner Morgenpost: Wie sehr färbt das Original auf die Kopie ab?

Niklaus Spoerri: Unterschiedlich. Der Maradona hatte seine ganze Wohnung voller Bilder vom echten, das ist ein richtiger Fan. Bei David Beckham hatte ich auch das Gefühl, dass er sich in die Rolle ziemlich eingelebt hat. Er hat fast so viele Tattoos wie sein Vorbild. Dafür kann er auch Vollzeit als Double arbeiten. Aber Amy Winehouse ist so ziemlich das genaue Gegenteil vom Original. Kommt aus einem kleinen Dorf, lebt in Karlsruhe. Ein Landei, das weder trinkt noch raucht. Die Zigaretten hat sie extra fürs Fotoshooting gekauft, und die Whiskyflasche haben wir aus den Altglaskisten des Restaurants unter ihrer Wohnung geholt.

Berliner Morgenpost: Übernehmen die Doubles eigentlich die Allüren der Originale?

Niklaus Spoerri: Einige wenige wissen irgendwann nicht mehr, wie wichtig sie selbst sind. Aber wer will schon ein Double, das ein Fünfsternehotel verlangt? Die sollen auftreten, sich ansonsten normal verhalten, sonst werden sie nicht lange gebucht. Die Julia Roberts, eine Deutsche übrigens, sagt sogar, genau das ist das Schöne am Doubeln. Einen Abend läuft man mit vier Leibwächtern über den roten Teppich und alle kreischen, aber am nächsten Tag lassen die Menschen einen wieder in Ruhe.

Berliner Morgenpost: Also keine Spezialwünsche?

Niklaus Spoerri: Gorbatschow will nicht mit Honecker auftreten. Wenn er alleine kommt, schafft er es, dass sich die Leute zumindest fragen, ob er es ist. Aber wenn sie zu zweit sind, wissen alle: Die können nicht echt sein.

Berliner Morgenpost: Gibt es einen echten Prominenten, den Sie gerne fotografieren würden?

Niklaus Spoerri: Hmm. Ich weiß nicht. Nachdem ich so viel mit den Doubles zu tun gehabt habe, denke ich jetzt immer, wenn ich die Originale sehe: Die sind gar nicht so gut.