Alzheimer

Der schwerste Kampf des Fußball-Machos

Einen furchtloseren Mann kann man sich kaum vorstellen. Vielleicht noch Bruce Willis in "Stirb langsam". Aber zum einen ist der ein Schauspieler. Und zum anderen nahm es Rudi Assauer ja auch mit Willis auf, wenn auch nur in einem Werbespot für Bier.

Nein, der ehemalige Manager von Schalke 04 war so etwas wie der furchtlose Ritter der Bundesliga - inklusive schöner Mädchen, ein paar Skandalen und jeder Menge Saus und Braus. Nur vor einer Sache hatte er Angst: Alzheimer. "Bloß nicht diese Nummer, bloß nicht dement werden im Alter. Das schwirrte mir oft im Kopf herum."

Er wird geahnt haben, dass er seinem Albtraum nicht entfliehen kann. Seine Mutter litt darunter, sein zehn Jahre älterer Bruder auch. Für diese Krankheit gibt es eine genetische Vorbelastung. Noch befindet sie sich im Anfangsstadium. Aber sie greift nach ihm, sie ist unheilbar.

Assauer hat nun gemeinsam mit dem Journalisten Patrick Strasser ein Buch geschrieben. "Wie ausgewechselt - Verblassende Erinnerungen an mein Leben", lautet der Titel. Am Donnerstag wird es erscheinen. Es ist ein Streifzug durch ein bewegtes Leben und zugleich ein Tresor, in den Assauer all die Erinnerungen sperren will, die ihm die Krankheit entreißen wird. Erinnerungen an schöne Zeiten: Seine Karriere als Spieler, der für Borussia Dortmund und Werder Bremen 307 Bundesligaspiele absolvierte. Sein Aufstieg zu einem der schillerndsten Manager des Fußballs. 1997 der Gewinn des Uefa-Pokals mit Schalke 04. 1998 die Grundsteinlegung der Veltins-Arena (früher: Arena AufSchalke), der neuen Heimat des Klubs. Neun Jahre küsst und zofft er sich mit "Tatort"-Kommissarin Simone Thomalla - natürlich neben dem FC Schalke. Seit 2004 trägt er den Ehrentitel "Bürger des Ruhrgebiets" und ist Botschafter des kultivierten Rauchgenusses der Zigarrenfirma Davidoff. Es sind auch Erinnerungen an schwere Zeiten: 2001 scheitert Schalke in letzter Minute am Gewinn der Deutschen Meisterschaft und darf sich seitdem "Meister der Herzen" nennen. Ein Jahr später gewinnen die Gelsenkirchener den DFB-Pokal - auf der Triumphfahrt im offenen Wagen lässt Assauer die Trophäe fallen, die anschließend schwere Schlagseite hat. 2006 schmeißt Assauer seinen Job auf Schalke hin, als der Aufsichtsrat ihn auf den Präsidentenposten wegloben will. 2009 gibt es böse Schlagzeilen, weil Assauer sich mit Simone Thomalla auf Sylt geprügelt haben soll.

"Ich bin jeden Tag 14 Stunden für Schalke unterwegs. Da habe ich nicht die Möglichkeit, ein Privatleben zu führen", sagt er, als er gefragt wird, warum seine Beziehungen von so kurzer Dauer sind. Er ist kein Mann, der in der Liebe aufgeht. Er ist der einsame Cowboy des Ruhrpotts. Der Frau neben ihm raunt er nicht "Ich liebe dich" ins Ohr, sondern knurrt: "Hol mir mal 'n Bier". Er kann es sich erlauben, immerhin wurde Assauer 1966 zum "schönsten Bundesligaspieler" gewählt.

Ehe nach einem Jahr gescheitert

"Kaschmir-Hooligan" nannte ihn sein Managerkollege Michael Meier von Borussia Dortmund in einem Anflug verbaler Brillanz einmal. Kritischen Journalisten riet Assauer mitunter, sich "beim nächsten Feuerwehrfest die Ohren ausspritzen" zu lassen. Und nun: Alzheimer. Es war seit Längerem getuschelt worden in der Szene, dass es ihm nicht gut gehe, und wer ihm Böses wollte, streute im Nebensatz das Wort "Alkohol" ein. Doch das war es nicht. Seit einem Jahr fährt er kein Auto mehr. Eine Ehe, geschlossen im April 2011 mit einer 22 Jahre jüngeren Frau, existiert nur noch auf dem Papier. Er wohnt nun bei seiner Tochter Bettina und wird in der Essener Memory-Klinik behandelt, eine auf Demenzerkrankungen spezialisierte Einrichtung. Medikamente und Gedächtnistraining sollen den geistigen Verfall verlangsamen. "Ich bin wütend, weil ich nicht mehr mithalten kann. Hin und wieder bin ich noch lustig. Aber dann komme ich nach Hause und denke: Ach ja, du hast ja diese Krankheit. Was willst du eigentlich noch?", sagte Assauer dem ZDF.

Auf Schalke herrschte am Dienstag Betroffenheit. "Nicht nur die Sympathien, auch die Unterstützung aller Schalker sind ihm sicher", sagte Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies. Auch am Trainingsplatz gibt es nur ein Thema. "Hömma", sagen die Rentner, die jeden Tag das Treiben der Profis verfolgen, "wisst ihr noch, wie wir vor zehn Jahren in der klirrenden Kälte nach Karten angestanden haben? Da ist der Rudi runtergekommen und hat den Wirt aus der Vereinskneipe heißen Kaffee bringen lassen." Sie lieben solche Geschichten im Ruhrpott, und sie lieben ihren Rudi.

Als im Mai 2001 der Verein seine schwärzeste Stunde erlebte, war der Rudi auch da. Zehntausende waren auf den Rasen des Stadions geströmt und feierten die Meisterschaft. Dann erhellte sich die Videoleinwand, und es wurde klar: Schalke war noch nicht Meister, in Hamburg lief noch das Spiel zwischen Bayern München und dem HSV. Die Münchner, ärgster Verfolger der Schalker, lagen 0:1 hinten, doch ein Unentschieden würde sie zum Meister machen - es geschah, und ganz Schalke versank in einem Meer aus Tränen.

Als sich später die Fans vor der Schalker Geschäftsstelle versammelten, sprach ihr Rudi zu ihnen. Ganz nüchtern war er nicht mehr, doch das war egal: "Wisst ihr was? Wir sind stolz auf euch", rief Assauer mit Reibeisenstimme in die Trost suchende Menge, "und ihr, ihr könnt stolz auf die Mannschaft sein. Und jetzt wird gefeiert. Geht!" Und blickte so trotzig und stolz, als ob er gerade die Meisterschale präsentiert hätte.