"Costa Concordia"

Besuch bei "Kapitän Feigling"

In der engen Gasse San Cristoforo 10 hängt das Transparent. "Kapitän, geben Sie nicht auf", steht darauf. Es soll das Werk von zwei 19-Jährigen sein, Schüler des Nautischen Instituts, auf dem auch der Mann studierte, den sie mit diesen Worten unterstützen wollen: Kapitän Francesco Schettino.

Der heute 52-Jährige war ihr Vorbild. Einer aus der Gegend, der ein Schiff steuern kann, das so groß ist wie ein amerikanisches Einkaufszentrum. Dieser Held soll jetzt eine Schande sein?

Dass sie an ihn glauben, können die Jungs Schettino nicht selber sagen. Seit Dienstagnacht sitzt der Kapitän der "Costa Concordia" in seinem Haus unter Arrest. Er wird beschuldigt, durch ein waghalsiges Manöver zwölf Menschen den Tod gebracht zu haben, 20 werden noch vermisst, über 4300 erlitten Schiffbruch. Damit nicht genug: Der Kapitän hat ein ungeschriebenes Gesetz der Seefahrt gebrochen. Er ging von Bord, als noch Hunderte auf ihre Rettung hofften. Und dann war da noch dieses Telefonat am Abend des Unglücks: "Gehen Sie zurück aufs Schiff", brüllt da ein wütender Kapitän De Falco von der Küstenwache. "Aber es ist dunkel", antwortet ein verängstigter Schettino, der sich wie ein Kind anhört, das nach Hause will. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, die Welt hat ihr Urteil gesprochen: Francesco Schettino ist Kapitän Feigling.

Aber so laufen die Dinge nicht. Nicht in Meta di Sorrento. Das Haus, in dem Francesco Schettino mit seiner Frau und seiner 15-jährigen Tochter wohnt, ist keine 100 Meter entfernt von dem einen Aussichtspunkt, von dem aus man den Golf von Sorrent überblicken kann. Es ist ein Ort, an dem sich die Dorfjugend abends trifft. Auch heute. Dass der Berlusconi-Sender Mediaset seit knapp einer Woche seinen Wagen hier aufgebaut hat und in regelmäßigen Abständen live eine Frau in ein Mikrofon sagt, dass sie jetzt in Meta di Sorrento ist und dass die Bewohner Schettino verteidigen, finden die Jungs irre aufregend. Um die Ecke von Francesco Schettinos Haus liegt die Bar "Antonietta". Ja, sagt die Wirtin, Francesco Schettino kenne sie. "Er ist ein guter Mensch. Er wird die Verantwortung übernehmen für das, was er getan hat." Sie lächelt, nein, mehr will sie nicht sagen.

Er sei eigentlich sehr ängstlich

Die Straßen hinauf, in Richtung Ortskern, liegt die Pizzeria "Peccati di Gola", Gaumensünden, das 'i' fehlt im Schriftzug. Zwei Jungs schauen im anderen Raum Fußball, die Wirtin und ein wohlgenährter Gast schauen Rete 4. Der Sender zeigt zum millionsten Mal das Telefonat zwischen De Falco und Schettino. Sie haben es mit Fotos der Protagonisten illustriert, wer redet, wird erleuchtet. Als es zum legendären "Vada a bordo, cazzo" kommt, da sagt der Mann in breitestem Neapolitanisch: "Das muss ein Witz sein. Wie soll er das machen?" Die Sondersendung ist mit dem Titel "Schiffbruch der Schande" überschrieben. Das Unglück vor der Insel Giglio ist eine nationale Frage geworden. Gebannt starrt die Welt auf diesen gigantischen weißen Wal, der wie erlegt im Wasser liegt. Ein Kolumnist schrieb, dass Schettino für dieses verzweifelte Verlangen Italiens steht, gut auszusehen, Bella Figura zu machen, und sich dann doch dem bitteren Gespött auszusetzen.

Am Dienstag noch, kurz nach der Veröffentlichung des Telefonats besonders, da war die Lage klar: Schettino allein trage die Schuld. Um seinen Ex-Kapitän, seinen Restaurantchef oder auch nur die blonde Tänzerin aus Moldawien zu beeindrucken, habe er mit einem "Knicks" vor Giglio beweisen wollen, zu welchen Manövern er fähig sei. Ein Macho, der sich selbst überschätzt und der dann, als er versagt, als Erstes die Mama anruft. Doch am Donnerstag hat sich der Wind gedreht. Schettino hat ausgesagt, er habe die Firma über jede Einzelheit der Geschehnisse an Bord aufgeklärt, viele fragen nun nach der Rolle der Costa Crociera, des Kreuzfahrtunternehmens aus Genua, das seinerseits versucht haben könnte, Bella Figura zu machen und das Unglück so gut wie möglich zu vertuschen und deswegen erst eine Stunde nach dem Aufprall auf dem Felsen erlaubte, das Schiff zu evakuieren.

Die Wirtin von "Peccati di Gola" kann sich den Moment der Panik von Francesco Schettino gut vorstellen. "Er war ein ängstliches Kind", erzählt sie. "Er hat immer seine Mutter gefragt." Sie mag nicht glauben, dass ausgerechnet 'Franco' eine derart riskante Sache einfach so gemacht habe. Ja, er sei sehr emotional. In einer Pause der Sendung dreht sie ihr Gesicht kurz weg vom Fernseher: "Hat man das fünfjährige Mädchen gefunden?", fragt sie. Nein. Sie schaut erschrocken. Franco, das Kind, das sich nichts traute, scheint sich zu viel zugetraut zu haben.

Auf dem Dorfplatz führt Giuseppe seine Metzgerei, die Boutique delle Carni. Eigentlich wollte er auch mal Seefahrer werden. Er habe sogar mit Schettino zusammen studiert, erzählt er mit großer Geste, während er Krautwickel rollt. Dann aber sei er seekrank geworden. Das, was jetzt alles so über seinen Freund verbreitet, wird, kann ihn nicht überzeugen. Franco habe immer schon Neider gehabt, als er mit 47 vor fünf Jahren Kapitän wurde, da war er "der jüngste und der schönste, den die Costa je hatte", ruft Giuseppe und schüttelt drohend ein Stück Fleisch. Schettino habe diese Uniform mit so viel Liebe getragen, sagt Giuseppe. Und überhaupt, warum kämen denn bitte die besten Seemänner der Welt alle aus Sorrento? Vor Schettinos Wohnung hat sich unterdessen etwas getan. Seine Frau ist einkaufen gegangen. Die Journalisten, die Tag und Nacht Wache stehen, haben es dokumentiert. Die Polizei sieht man nicht. Zurück zu "Antonietta", der Bar um die Ecke. Irgendwo müssen die Seemänner, für die der Ort berühmt ist, ja sein. Ein Mann kommt rein, der schon auf tausend Meter nach Seemann aussieht. Ja, er komme aus Meta, er kenne Schettino, und er habe 40 Jahre lang auf dem Wasser gearbeitet. Die Sache hat nur einen Haken, wir dürfen seinen Namen nicht nennen.

Doch was uns der Mann, den wir Mauro nennen, ansonsten erzählt, entschädigt für den falschen Namen. Mauro beschwört mit seinen Geschichten diese andere Welt hervor, die die Älteren von Hans Albers und die Jüngeren von Käpt'n Blaubär kennen. Der Knicks vor Giglio erscheint hier als nichts anderes als die tausend wilden Abenteuer in Meeresengen und Strudeln. Das Manöver von Schettino wird bei ihm zu einem Versuch von jemandem, an seine Grenzen zu stoßen. "So ist der Mensch", sagt Mauro, "das gehört zum Leben." Nein, er wolle Schettino nicht in Schutz nehmen, sagt Mauro, der Kapitän hätte das Leben der Menschen nicht gefährden dürfen, er hätte nicht von Bord gehen dürfen. Es ist das erste Mal, dass uns jemand das in diesen Tagen in Meta so deutlich sagt.

Von De Falco als Held hält Mauro nichts. "Franco hat Angst gehabt, er hätte jemanden gebraucht, der ihm die Hand reicht." Angst ist etwas, das man in dieser Stadt vielleicht besser verstehen kann als in anderen. Vielleicht aber muss man es gar nicht so negativ sehen. Vielleicht ist Meta einfach ein Ort, in dem die christliche Mahnung "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet" etwas mehr gilt.

Die Unterstützer der ersten Stunde haben, wenn man es näher betrachtet, einen doppelten Sinn auf dem Betttuch verewigt: Non mollare bedeutet "nicht aufgeben" oder auch "nicht im Stich lassen". Genau das ist es aber, was Schettino getan hat. Er hat das Schiff verlassen, den Code gebrochen. Das heißt für die Menschen in seiner Gemeinde aber nicht, dass sie dasselbe tun.

Er wird die Verantwortung übernehmen.

Ein Wirtin aus Meta über Kapitän Schettino