"Costa Concordia"

Sturz in die Tiefe

Eigentlich hätten Monika Krüger und ihr Lebensgefährte gar nicht auf der "Costa Concordia" sein sollen. Ursprünglich hatte sich das Paar aus Mahlsdorf eine andere Kreuzfahrt ausgesucht; wegen eines Buchungsfehlers standen sie jedoch plötzlich ohne Kabine da.

Das Reisebüro schlug stattdessen die Fahrt auf der "Costa Concordia" vor. Einen Tag bevor sie das Schiff dann verlassen sollten, passierte das Unglück.

Es ist etwa 21.45 Uhr, als das Paar auf seine Kabine geht, um die Koffer zu packen, erinnert sich Monika Krüger. Ihr Lebensgefährte geht noch einmal auf den Balkon, um frische Luft zu schnappen. Zu diesem Zeitpunkt passiert das Schiff gerade die Insel Giglio. Plötzlich ist er ganz aufgeregt. "Monika, komm schnell her", ruft er. "Die müssen ja spinnen, so nah an den Felsen entlangzufahren", sagt er noch. Nur wenig später schlitzt das Gestein das Kreuzfahrtschiff auf einer Länge von rund 70 Metern auf. Monika Krüger hat das knirschende Geräusch noch heute im Ohr. Dann fällt der Strom aus, in der Kabine ist es stockdunkel. Als das Licht wieder funktioniert, zieht sich das Paar die Rettungswesten an und läuft auf das Deck. Dort herrscht das absolute Chaos. Vergeblich versuchen die Crewmitglieder, die Rettungsboote ins Wasser zu lassen. Doch die Technik versagt. "Immer wieder sprang die Kurbel aus ihrer Halterung", sagt Krüger. Die Mitarbeiter hätten zudem den Eindruck gemacht, als seien sie mit der Situation völlig überfordert gewesen. Auch die Informationen seien spärlich gewesen. Zunächst seien die Passagiere nur auf Italienisch informiert worden, sagt sie. Erst später werden die Durchsagen auf Englisch und schließlich auch auf Deutsch durchgegeben. "Da hieß es nur, dass es sich um einen technischen Defekt handelt und die Besatzung alles unter Kontrolle habe", sagt sie mit einem Kopfschütteln.

Passagiere stürmen Rettungsboote

Als die Rettungsboote schließlich zu Wasser gelassen werden, stürmen die Menschen in die Boote. Für Monika Krüger und ihren Partner ist kein Platz mehr. Verzweiflung macht sich breit. Sie rennen auf die gegenüberliegende Seite, dort seien noch Rettungsinseln übrig, ruft ein Crewmitglied ihnen zu. Doch plötzlich senkt sich das Schiff noch weiter, Panik bricht aus, Menschen schreien. Das Paar verliert das Gleichgewicht und rutscht mit mehreren Dutzend anderen Passagieren in die Tiefe. Durch den Aufprall bricht sich Monika Krüger das rechte Handgelenk. Um sich in dem Chaos nicht zu verlieren, greift ihr Lebensgefährte nach ihrer verletzten Hand. Doch Monika Krüger verspürt keinen Schmerz. Ihr Körper ist voll mit Adrenalin. Als die Rettungsinseln endlich aufgepumpt sind, ergattert das Paar dieses Mal einen Platz - Monika Krüger ist erleichert. Ein Boot zieht die Schiffbrüchigen zur Insel Giglio. Dort wimmelt es von Helfern und Passagieren der "Costa Concordia". Die Inselbewohner tun, was sie können, und verteilen Decken. In einer Kirche finden die beiden schließlich Unterschlupf. Mittlerweile drehen sich Monika Krügers Gedanken um ihre verletzte Hand. Sie macht sich Sorgen, denn sie ist Berufsmusikerin an der Komischen Oper. Seit fast 40 Jahren spielt sie schon Cello. "Wenn ich meine Hand nicht mehr bewegen kann, ist das das Aus für mich", denkt sie. Doch auf Giglio können sich die Ärzte nicht sofort um sie kümmern. Immer wieder bringen Helfer vor Kälte blau angelaufene Opfer in die Kirche. Monika Krüger bleibt mit ihren Schmerzen allein. Erst einige Zeit später bekommt sie eine Spritze. Die Nacht zum Sonnabend verbringen die beiden auf den harten Holzbänken in der Kirche. An Schlaf ist nicht zu denken.

Monika Krüger erzählt ihre Geschichte mit einer erstaunlichen Gelassenheit. "So bin ich nun mal", sagt sie. Richtige Panik habe sie während des Unglücks nicht verspürt. Erst am nächsten Morgen wird ihr mulmig zumute, als sie wieder ein Schiff besteigen muss, das sie zurück auf das Festland bringt. Doch die Freude, endlich die Insel und somit die traumatischen Erlebnisse hinter sich zu lassen, ist größer. Dort angekommen kann Monika Krüger ihren Sohn in Berlin anrufen. Der fällt aus allen Wolken, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte er noch gar nicht gewusst, dass die "Costa Concordia" gekentert war. Anschließend wird sie in einem Krankenhaus behandelt. Das Handgelenk muss wieder gerichtet und operiert werden, sagt der italienische Arzt. Nach der Untersuchung können sie zum ersten Mal seit der Katastrophe für eine Stunde in einer als Notunterkunft umfunktionierten Sporthalle schlafen. Am Sonntagmorgen kommen die beiden schließlich in Berlin an. Monika Krüger und ihr Lebensgefährte fahren nach Hause und packen schnell ein paar Sachen ein. Anschließend geht es sofort weiter in das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn. Dort wird Monika Krüger nach drei Tagen operiert. Der Bruch ist zwar kompliziert, doch der Eingriff verläuft erfolgreich. "Ich kann meinen Daumen und meinen Zeigefinger gut bewegen", sagt sie voller Freude. Das sei ein gutes Zeichen, dass sie die Hand beim Cellospielen auch wieder vollständig belasten könne. "Ich muss ja schließlich noch ein paar Jahre arbeiten", sagt sie. In acht Wochen kann sie vielleicht schon wieder auf ihrem Instrument spielen, sagen die Ärzte. Ob alles so sein wird wie früher, weiß sie jedoch noch nicht. Viel hängt von den kommenden Wochen ab.

Trauma muss behandelt werden

Im Unfallkrankenhaus Berlin geht es jedoch nicht nur darum, Monika Krügers Physis wiederherzustellen. Auch die seelischen Verletzungen müssen behandelt werden. Dafür gibt es im UKB seit fünf Jahren die Spezialabteilung Psychotraumatologie. Dort werden Traumapatienten von Spezialisten betreut. "In erster Linie versuchen wir mit Gesprächen und therapeutischen Techniken, die emotionale Stabilität unserer Patienten wiederherzustellen", sagt die Psychologin Bettina Overkamp. Ein Mensch sei schließlich weit mehr als nur sein Körper, sagt sie. Um die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten, kümmert sich ein Team aus Psychotraumatologen, Psychiatern, Seelsorgern und Physiotherapeuten um Monika Krüger. "Ziel ist, dass die Patienten das Erlebte verarbeiten und sie die Erinnerungen nicht mehr belasten", so Overkamp weiter. Wenn Monika Krüger von ihren Erlebnissen erzählt, unterbricht die Therapeutin sie immer wieder vorsichtig. So sollen die Ereignisse Stück für Stück verarbeitet werden. Mit speziellen Atemtechniken und Lockerungsübungen soll ihre Psyche gestärkt und Strategien erarbeitet werden, um sich selbst zu beruhigen. Während des Aufenthalts wird Monika Krüger genau beobachtet, verschlechtert sich ihr seelischer Zustand, greifen die Experten ein.

Bei Monika Krüger scheint die Therapie zu wirken. "Es tut einfach gut, darüber sprechen zu können", sagt sie. Vielleicht kann sie an diesem Wochenende schon wieder das Krankenhaus verlassen. Eine Reise auf einem Kreuzfahrtschiff würde sie sicherlich irgendwann noch einmal machen, sagt sie aus voller Überzeugung. Schließlich sei mit dem Schiff alles in Ordnung gewesen, sagt sie. Es war ja menschliches Versagen. "Der Kapitän hat einfach total versagt."