Costa Concordia

"Gehen Sie zurück an Bord!"

Seinem verunglückten Kreuzfahrtschiff konnte Francesco Schettino entkommen, offenbar noch vor vielen seiner Passagiere. Doch der italienischen Justiz wird sich der Kapitän der "Costa Concordia" nicht so leicht entziehen können.

Denn seit der Katastrophe häufen sich Zeugenaussagen, Dokumente und andere Indizien, die den 52-Jährigen in Erklärungsnot bringen. So wurden jetzt Mitschnitte von Telefonaten publik, die den Verdacht erhärten, dass der Kapitän komplett versagte. In der Nacht der Katastrophe telefonierte ein diensthabender Offizier im Hafen der Insel Giglio mehrmals mit dem Kapitän - zuletzt um 1.46 Uhr. Es befanden sich noch Hunderte Menschen auf der "Costa Concordia". Schettino hatte das Schiff dagegen laut Augenzeugen kurz nach Mitternacht verlassen. Der Mitschnitt zeigt denn auch, dass Schettino den Überblick über die Lage verloren hatte. Im Verlauf des Telefonats verlor der Offizier immer mehr die Fassung. Mehrmals verlangte er, Schettino solle zurück an Bord gehen. "Jetzt kehren Sie nach da oben zurück und sagen Sie uns, was wir machen können!"

Fünf weitere Leichen gefunden

Am Dienstag entschied ein Untersuchungsgericht, Schettino aus der Untersuchungshaft zu entlassen und unter Hausarrest zu stellen. Sein Anwalt sagte, Schettino habe der Darstellung widersprochen, das Schiff verlassen zu haben. Den Ermittlern sagte er, er habe "Tausenden Menschen das Leben gerettet". Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung vor - in bislang elf Fällen. Denn am Dienstag wurden fünf weitere Leichen, die einer Frau und von vier Männern, aus dem Wrack geborgen. Sie hätten Rettungswesten getragen und seien zwischen 50 und 60 Jahre alt gewesen, hieß es. Ob es sich um Passagiere oder Besatzungsmitglieder handelte, blieb zunächst unklar. 28 Menschen werden noch vermisst - darunter mindestens zwölf Deutsche. Zunächst war die Rede von 29 Vermissten. Am Dienstagabend teilte der Leiter des Krisenstabes in Grosseto, Guiseppe Linardi, jedoch mit, italienische Behörden hätten einen vermissten Deutschen aufgespürt. Einzelheiten wurden nicht bekannt. Berichte, wonach unter den Toten ein Deutscher sein soll, wurden offiziell nicht bestätigt. Von dem 60 beziehungsweise 66 Jahre alten Berliner Ehepaar aus Adlershof fehlt noch jede Spur.

Um die Suche nach Überlebenden zu beschleunigen, setzten Taucher am Dienstag auch Sprengstoff ein. Sie sprengten zunächst Löcher in die Außenwand und bahnten sich mit kleinen Sprengladungen anschließend einen Weg durch die Kabinen. Allerdings besteht angesichts der eisigen Wassertemperaturen kaum mehr Hoffnung, noch Überlebende zu finden.

Unterdessen ist eine Debatte über Sicherheitsstandards an Bord entbrannt. Die EU-Kommission erwägt strengere Regeln für die Sicherheit auf Schiffen in der EU. Eine bereits laufende Überprüfung der Gesetzgebung für Passagierschiffe soll nun schneller abgeschlossen werden, sagte die Sprecherin von EU-Verkehrskommissar Siim Kallas in Brüssel. Angesichts immer größerer Schiffe - vor allem im Kreuzfahrtsektor - müssten die Regeln für die Stabilität überprüft oder geändert werden.

Es war der Untergang der Titanic vor knapp 100 Jahren, der zu den ersten international geltenden Regelungen für die Sicherheit auf Schiffen führte. 1913, im Jahre nach jener berühmtesten Schiffskatastrophe verabschiedete eine Konferenz die erste Version der "International Convention for the Safety of Life at Sea" (Solas).

Blind auf die Crew verlassen

Inzwischen, nach mehreren grundlegenden Veränderungen, wurde das Abkommen eine UN-Konvention. Darin sind unter anderem Mindeststandards für Bemannung, Bauweise, Notfallpläne sowie Rettungseinrichtungen festgelegt. Unter anderem müssen die Rettungsboote jedes Schiffes eine Überkapazität an Plätzen von 125 Prozent bieten, das heißt fünf Plätze für vier Passagiere oder Besatzungsmitglieder. Der Zustand jedes Schiffes und seiner Sicherheitsvorrichtungen werden alle fünf Jahre in behördlichem Auftrag überprüft wie ein Auto beim TÜV. In Deutschland ist dafür der Germanische Lloyd zuständig. Jeder Anbieter von Kreuzfahrten muss für alle Passagiere zu Beginn der Reise eine Evakuierungs-Übung abhalten, die in der Regel am Morgen nach dem Einschiffen erfolgt. Dabei kommt es insbesondere darauf an, den Reisenden die Fluchtwege sowie die Sammelpunkte zu zeigen, an denen sie sich bei einer Havarie einzufinden haben, sowie die Signaltöne vorzuführen, die auf einen solchen Fall hinweisen. Die "Solas" verlangt für jedes Schiff aus den Teilnehmerstaaten der Konvention einen Notfallmanagement-Plan. Darin sind auch sämtliche Zuständigkeiten und Hierarchien für den Notfall verbindlich festgelegt.

Ulrich Schmidt, Schiffssicherheitsexperte bei der Berufsgenossenschaft Verkehr in Hamburg, empfiehlt für den Fall einer Havarie, unbedingt den Anweisungen der Besatzung zu folgen: "Ich würde durchaus raten, sich blind auf die Mannschaft zu verlassen, sie kennt das Schiff und weiß, was sie tun muss." Im Fall der "Costa Concordia" hatten sich Passagiere gerade über die Anweisungen der Crew heftig beklagt. Man habe sie nicht in die Rettungsboote gelassen, sondern zurück in die Kabinen geschickt, und beruhigend habe keiner auf die verängstigten Menschen eingewirkt. Dass es Probleme mit den Aussetzvorrichtungen (Davits) der Rettungsboote gebe, wie im Fall der "Costa Concordia", könne ab und zu passieren, sagt Schmidt, "dann muss die Besatzung umorganisieren, je größer das Schiff und je mehr Gäste an Bord sind, umso schwieriger wird das." Hat das Schiff erst Schlagseite, so sind die Rettungsboote an der aufsteigenden Bordwand nur noch schwer zu bedienen. Von einem rät der Sicherheitsexperte ab: einfach über Bord zu springen. Dies auch im Sinne aller Beteiligten. Im kalten Wasser müssten die Schiffbrüchigen sofort gerettet werden, und dies halte die Crew beim Evakuieren der anderen Passagiere auf. Ein Sprung sei nur dem geraten, der direkt von einem Feuer bedroht sei und der keine offenen Fluchtwege mehr finde.

"Urlauber können weiterhin guten Gewissens auf ein Kreuzfahrtschiff", sagt Benedikt Funke, nautisch-technischer Berater beim Rückversicherungsunternehmen Munich Re, "das Schiff ist ein sehr sicheres Verkehrsmittel." Werner Lundt vom Verband für Schiffbau und Meerestechnik bestätigt dies, weist aber auch darauf hin, dass "kein Schiff unsinkbar ist - erst recht, wenn der Kapitän es nicht richtig steuert".

"Kein Schiff ist unsinkbar - erst recht, wenn der Kapitän es nicht richtig steuert"

Werner Lundt, Verband für Schiffbau und Meerestechnik