Schiffsunglück

Die Hoffnung sinkt

Ein Geräusch im Inneren der "Costa Concordia" schreckt gegen elf Uhr morgens die Taucher auf. "Wir haben ein lautes Rumpeln gehört", sagt einer der Rettungsarbeiter. Hubschrauber evakuieren sofort sämtliche Retter vom Wrack.

Die See wird unruhig, der Himmel über der Unglücksstelle ist tiefgrau. Jetzt muss die Bergung unterbrochen werden. Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, schwindet mit jedem Zentimeter, den das Schiff tiefer im Meer versinkt.

Der Kreuzfahrtriese, der am Freitagabend vor der Küste der toskanischen Insel Giglio havarierte, hat sich am Montag um mehrere Zentimeter bewegt. Er liegt auf einem Felsvorsprung. Experten befürchten, das Schiff könne bis zu 70 Meter tief ins Wasser rutschen, momentan liegt es bei 37 Metern. Erst am Nachmittag konnten die riskanten Bergungsarbeiten wieder aufgenommen werden.

Von 4300 Menschen an Bord werden am dritten Tag nach dem Unglück nach Angaben der italienischen Küstenwache noch 29 Menschen vermisst - nachdem lange von 14 die Rede war. Unter ihnen ist ein fünfjähriges Mädchen, Dyana aus Rimini. Am Arm ihres Vaters habe eines der Rettungsboote sie noch aufgenommen, seither hat sich die Spur verloren.

Angehörige in Angst

In Angst leben auch deutsche Angehörige: Am Wochenende hatte es geheißen, alle 566 deutschen Passagiere seien in Sicherheit. Am Montag bestätigt die Polizei anderslautende Gerüchte: Zwölf Deutsche werden noch vermisst, darunter fünf Passagiere aus Hessen, je zwei aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sowie eine Frau aus Bayern. Wenn die Opfer gefunden sind, wartet die nächste Aufgabe: Um Umweltverschmutzung zu verhindern, müssen die über 2000 Tonnen Treibstoff abgepumpt werden.

Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere, zu der das gekenterte Schiff gehört, hat sich inzwischen von ihrem Kapitän distanziert. "Es scheint, dass der Kommandant Fehler gemacht hat", heißt es in einer Erklärung der in Genua ansässigen Gesellschaft. Der 52-jährige Kapitän Francesco Schettino, der aus einer Seefahrerfamilie stammt, habe sich nicht an die üblichen Regeln und die Route der Costa Crociere gehalten. Medienberichten zufolge soll er mehrfach von der Küstenwache aufgefordert worden sein, wieder an Bord zu gehen, um die Evakuierung des Schiffes zu koordinieren. Doch Schettino habe sich geweigert. Der von dem Unglückschiff gerammte Felsen ist eindeutig auf den nautischen Karten vermerkt. Das bestätigte der toskanische Staatsanwalt Francesco Verusio. Der leitende Staatsanwalt von Grosseto widersprach damit der Behauptung des Kapitäns des Kreuzfahrtschiffes, der Felsen sei nicht verzeichnet gewesen, wie die Nachrichtenagentur Ansa am Montag berichtete. "Die Skrupellosigkeit des von dem Kommandanten durchgeführten Manövers hat uns betroffen gemacht", fügte Verusio an.

Die Gefängnisbehörden teilten mit, der Kapitän sei in seiner Zelle auf Sichtüberwachung und werde psychologisch betreut. Sein Anwalt berichtete laut Ansa, sein Mandant sei "am Boden zerstört und konsterniert". Er habe das Schiff in der Not noch in niedrigere Gewässer geführt. Der festgenommene Kapitän soll an diesem Dienstag verhört werden.

Auch der finanzielle Schaden für das Unternehmen Costa Crociere dürfte groß sein: Alleine die Kosten des Unglücks "Costa Concordia" belaufen sich auf 73 Millionen Euro. Costa-Kreuzfahrten versucht jetzt, seinen Ruf zu retten. Auf einer Pressekonferenz in Hamburg hat das Unternehmen den Opfern der Schiffshavarie Entschädigung zugesichert. "Wir nehmen mit jedem einzelnen Gast Kontakt auf", sagte der Geschäftsführer Heiko Jensen. Kreuzfahrtpassagiere, die am 14. oder 21. Januar mit der havarierten "Costa Concordia" in See stechen sollten, erhalten den Reisepreis erstattet und eine kostenlose Kreuzfahrt. Diejenigen, die das nicht wollen, bekämen den Reisepreis plus 30 Prozent.

Genaue Erkenntnisse zum Unfallhergang konnte das Unternehmen noch nicht nennen. Sicher ist: Zum Zeitpunkt des Unglücks stand der Kapitän auf der Brücke und manövrierte manuell. Er habe die Route eigenmächtig verändert. Es gebe auf Costa-Kreuzfahrtschiffen vor allem bei Wetteränderungen häufiger eigenmächtige Kursänderungen durch den Kapitän, sagte der Geschäftsführer von Costa-Kreuzfahrten.

Ehemann rettet seine Frau und stirbt

Sechs Menschen hat das Unglück das Leben gekostet. Einer davon war Francis, der Ehemann von Nicole Servel. Die Kreuzfahrt war ein Geschenk der Kinder zu Servels 60. Geburtstag. Da die Französin nicht schwimmen kann, gab ihr Mann ihr seine Rettungsweste. "Ich verdanke mein Leben meinem Ehemann", erklärte Nicole Servel gegenüber der Zeitung "Le Figaro". "Spring, spring, hat er gesagt." Als sie gezögert habe, habe ihr Mann sie ein letztes Mal umarmt und sei dann zuerst gesprungen. Er habe ihr noch zugerufen: "Mach dir keine Sorgen! Ich schaffe es." Das Wasser sei acht Grad kalt gewesen. "Dann habe ich ihn nicht mehr gesehen." Wie auch schon zahlreiche andere berichtet sie von dem mangelhaften Krisenmanagement der Besatzung. "Panik, völlige Panik" habe bei der Evakuierung geherrscht.