Polizei

Wiens "ehrlichster Obdachloser"

Manche Geschichten sind fast zu schön, um wahr zu sein. "Obdachloser findet auf der Straße 7000 Euro" ist so eine Geschichte. Aber nicht jede Geschichte, die schön beginnt, hat ein Happy End.

Eine schöne Geschichte mit einem unbefriedigenden Ausgang ist jene Geschichte, die sich dieser Tage in Wien zugetragen hat: "Obdachloser gibt gefundenes Geld zurück und kehrt zurück auf die Straße."

Erst jetzt ist diese Geschichte an die Öffentlichkeit gelangt. Passiert ist sie kurz nach Weihnachten in der österreichischen Hauptstadt: Der obdachlose Hermann Schleichert findet am 26. Dezember einen Umschlag. Braun ist er und verschlossen. Mitten auf der Straße liegt das Kuvert, wie Schleichert später bei der Polizei zu Protokoll gibt. Es dämmert bereits, und der Umschlag wird nur schwach von einer Laterne beleuchtet. Doch schon durch das Sichtfenster sieht Schleichert einen Teil des unglaublichen Inhalts. Ein violett bedrucktes Stück Papier. Schleichert, der zu diesem Zeitpunkt genau 80 Cent in der Tasche hatte, öffnet den Umschlag mit zittrigen Fingern. Darin: 14 violett bedruckte Papiere. Geldscheine. 14 mal 500 Euro.

Schleichert ist zu Tode erschreckt. Voll Panik steckt er den Umschlag ein. "Ich hatte Angst, dass man mich niederhaut. Ich weiß von Frauen, die wurden wegen 20 Euro ausgeraubt", zitiert der Wiener Kurier den 48-Jährigen. Doch statt sich mit der Beute in Sicherheit zu bringen, läuft er zu seiner Sozialarbeiterin ins Obdachlosenheim und zeigt ihr den Fund. Die Polizei wird gerufen, denn Schleichert möchte das Geld auf keinen Fall behalten. "Keine Sekunde habe ich daran gedacht. Das wäre ja Diebstahl!", sagt er. Die Beamten sind nicht weniger überrascht. Sie nehmen Schleicherts Personalien auf. Witwer, Schlosser, obdachlos. Was die Polizei nicht erfährt, sind die vielen Schicksalsschläge, die Schleichert in seinem Leben ertragen hat: Seine Frau starb an Krebs, seine Mutter beging Selbstmord. Schicksalsschläge, die ihn zeichneten, ihn arbeitslos, alkoholkrank, kriminell machen. Gefängnis, Verlust der Wohnung, Alkohol. Ein Mann, der alles verlor, außer seiner Ehrlichkeit, seinem Anstand. Einer, der immer wieder versucht, sein Schicksal zu ändern. Er spart für eine Gemeindewohnung, hat schon 400 von 1500 Euro zusammen. Gut hätte er die 7000 Euro gebrauchen können. Aber er will sie nicht, hört sich den Spott der Heim-Mitbewohner an, die ihn "deppert" nannten, als sie vom fantastischen Fund hörten.

"Wiens ehrlichster Obdachloser", titelte jetzt der "Wiener Kurier". Zahllose Kommentare auf der Onlineausgabe der Zeitung zeigen, wie sehr die Geschichte die Wiener berührt. Viele Leser wollen helfen, sie fordern, dass Schleichert ein Job, eine Wohnung angeboten werde, fordern ein Spendenkonto, danken dem Mann.

Schleichert, der aus religiösem Elternhaus stammt, wird sich über den Dank freuen. Umso mehr, als der Eigentümer des Geldes ein Danke nicht für nötig hielt.

Auf Dank hat Schleichert keinen Anspruch, wohl aber auf Finderlohn: Das österreichische Zivilrecht spricht Findern einer Sache mit einem Wert von bis zu 2000 Euro einen Finderlohn von zehn Prozent zu. Jeder darüber liegende Wert wird mit fünf Prozent belohnt. Macht 350 Euro. Eine schöne kleine Beute. Ehrlich verdient.