Interview

"Als Letzter von Bord" gilt nicht für jeden Kapitän

Der Kapitän der havarierten "Costa Concordia", Francesco Schettino, ging nach der Havarie seines Schiffs als einer der Ersten von Bord. Auch dies brachte ihm - neben anderen Vorwürfen - harsche Kritik seitens der Passagiere und der Behörden ein. Durfte er so früh von Bord gehen, Passagiere und Besatzung sich selbst überlassen? Max Johns, Sprecher des Verbandes deutscher Reeder, beantwortet die Frage im Interview.

Berliner Morgenpost: Der Kapitän der sinkenden "Costa Concordia", Francesco Schettino, ging mehrere Stunden vor dem letzten Passagier von Bord seines Schiffes. Durfte er das?

Max Johns: Ob das angemessen war, ist aus heutiger Sicht nicht abschließend zu beurteilen. Es kommt auf die Situation bei der Havarie an. Erst wenn der Unfallbericht vorliegt, lässt sich sagen, ob der Kapitän korrekt oder falsch gehandelt hat. Einiges spricht für das Letzte.

Berliner Morgenpost: Gilt denn nicht in jedem Fall die eiserne Regel: "Der Kapitän geht als Letzter vom Schiff"?

Max Johns: So eine Vorschrift oder gar ein Gesetz gibt es nicht, weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene. Allenfalls handelt es sich dabei um eine gelebte Tradition, aber eben auch um eine hohe moralische Pflicht.

Berliner Morgenpost: Rein rechtlich kann er also gehen, wann er will?

Max Johns: Nein, sicher nicht. Er ist und bleibt gerade bei einer Havarie der höchste Verantwortliche an Bord. Er muss nach den internationalen Regeln der "Standards of Training, Certification and Watchkeeping" (STCW) die Rettungsmaßnahmen leiten und koordinieren. Auch eine mögliche Gefahr für sein eigenes Leben entbindet ihn nicht von dieser Pflicht. Theoretisch denkbar ist allerdings eine Situation, in der er all dies von Land aus besser bewerkstelligen könnte, etwa um von dort die Telefonverbindungen zu nutzen, was früher ja bisweilen der Fall war. Aus meiner Sicht spricht vieles dafür, dass im Fall der "Costa Concordia" der Kapitän noch erheblich länger an Bord hätte bleiben müssen.

Berliner Morgenpost: Das heißt, er muss also doch als Letzter von Bord gehen, auch wenn es nicht genauso in den Bestimmungen steht?

Max Johns: Er muss so lange bleiben, wie er von dort am besten helfen kann. Ist eine Situation eingetreten, in der das Schiff unrettbar verloren ist und jeder um sein eigenes Leben fürchten muss und der Kapitän niemand mehr helfen kann, darf er das nächste Rettungsboot besteigen, auch vor anderen Besatzungsmitgliedern oder Passagieren. Im Übrigen müssen die Besatzungsmitglieder, auch der Kapitän, sich zuallererst selbst schützen, um handlungsfähig zu bleiben und den anderen helfen zu können. Es ist wie im Flugzeug, wenn beim Druckabfall immer erst die Erwachsenen sich die Sauerstoffmaske überstreifen müssen, bevor sie ihren Kindern oder anderen hilfsbedürftigen Personen helfen.