Fernsehen

Der gar nicht nette Onkel Bohlen

Wer in Dorfe oder Stadt / Einen Onkel wohnen hat, / Der sei höflich und bescheiden, / Denn das mag der Onkel leiden" heißt es im fünften Streich von "Max und Moritz". Ein Onkel ist eine Respektsperson.

Dieter Bohlen aber, Motzky-Unterhalter und Gesamtkunstwerk, sieht sich eher als Max und Moritz in Union als jemand, der im Fernsehen gerne Streiche spielt. "Ich bin nicht der nette Onkel und will es auch nicht sein", hat Bohlen gerade zu "Bild" gesagt. Verlogenheit könne er partout nicht leiden. Hier hält einer sein Bestimmer-Monopol hoch. Eine Kampfansage in mehrfacher Hinsicht.

Am heutigen Sonnabend startet die neue Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), es ist die neunte Ausgabe der Show (RTL, 20.15 Uhr). Fast 36 000 Kandidaten haben sich für die Castingshow beworben. Bohlen will in der ihm eigenen Tonlage sprechen: Man suche "einen Vulkanausbruch und keine Furzfontänen". Es gibt Hinweise, dass Bohlens rüder Beleidigungston nicht mehr die ganz große Masse beeindruckt.

Denn die Senderkonkurrenz hat ein Format aus dem Hut gezaubert, das erstmals am Nimbus von "DSDS" kratzt: "The Voice of Germany", alternierend bei ProSieben und Sat.1, hat neue Zuschauerkreise erschlossen, die möglicherweise dem Platzhirsch "DSDS" abschwören und zur Konkurrenz überlaufen könnten.

Doch können knapp fünf Millionen Zuschauer pro Folge von "The Voice of Germany" den Marktführer beeindrucken? ",DSDS' ist seit acht Staffeln ein Erfolg mit bis jetzt zwölf Millionen verkauften Tonträgern sowie Rekordeinschaltquoten", sagte Unterhaltungschef Tom Sänger. "Die letzte Staffel sahen durchschnittlich 6,38 Millionen Zuschauer. Wir werden sehen, ob "The Voice" dieses erreicht und das auch auf so lange Zeit." Das klingt schon ein wenig trotzig.

Doch auf die bewährten Rituale kann sich RTL nicht verlassen. Wie sehr "The Voice of Germany" das gemütlich gewordene Gefüge durchbrochen hat, musste die andere RTL-Erfolgsshow mit Bohlen als Oberjuror, "Das Supertalent", kürzlich erleben. Denn der Casting-Novize "The Voice" setzte sich zum Start beim werberelevanten Publikum zwischen 14 und 49 Jahren am 24. November sogar mit 23,8 Prozent Marktanteil im direkten Vergleich gegen "Das Supertalent" (22,8 Prozent) durch. Und dabei hatte RTL extra sein Zugpferd auf jenen Donnerstag platziert, um "The Voice of Germany" den Start zu vermiesen.

"DSDS" und "The Voice of Germany" (Finale am 10. Februar) werden sich zwar terminlich aus dem Weg gehen - die RTL-Show läuft samstags, Sat.1 zeigt die "Voice"-Live-Shows jeweils freitags -, aber die öffentliche Aufmerksamkeit teilen müssen. Neben Dieter Bohlen sitzen sein ehemaliger "Supertalent"-Weggefährte Bruce Darnell und die Cascada-Frontfrau Natalie Horler in der Jury. Dem Sieger winken ein Vertrag mit der Plattenfirma Universal und 500 000 Euro Gewinn - auch das ist neu, auch um das TV-Format attraktiver zu machen. Und weitere Konkurrenz lauert schon: Am nächsten Donnerstag starten ARD und ProSieben das gemeinsame Eurovisions-Casting "Unser Star für Baku".