Kriminalität

Deutscher Brandstifter in Hollywood

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Noch wird über die Motive des 24 Jahre alte Deutschen Harry B. gerätselt, der verdächtig ist, mit mehr als 50 Brandstiftungen an Autos und Wohnhäusern Los Angeles terrorisiert zu haben.

Auf drei Millionen Dollar - rund 2,3 Millionen Euro - wird der Sachschaden der Brandserie geschätzt, bei der wundersamerweise niemand verletzt wurde. Unter Autos geschleuderte Brandsätze entfachten die Feuer auf Parkplätzen direkt neben oder unter Apartmenthäusern in Hollywood und Laurel Canyon. Mit Hundertschaften und Hubschraubern suchte die Polizei nach dem Brandstifter. In der Nacht zu Dienstag brannten innerhalb von 90 Minuten ein gutes Dutzend Fahrzeuge in Hollywoods Hügeln. Um drei Uhr früh wurde Harry B. festgenommen.

Fernsehbilder zeigen einen füllig wirkenden, dunkelhaarigen Mann mit Pferdeschwanz, auf beinahe triumphierende Weise grinsend bei seiner Festnahme. Zeugen berichten, Umstehende hätten Harry B. den Mittelfinger gezeigt, und er habe mit derselben Geste reagiert. "Ich hasse Amerika", soll er gerufen haben.

Es waren Bilder einer Überwachungskamera, die auf Harry B. aufmerksam machten. Offenbar nach einem Hinweis eines Bundesangestellten, der sich an eine wütende, antiamerikanische Tirade B.s bei der Anhörung zu einem Abschiebungsverfahren erinnerte, wurde die Fahndung ausgeschrieben. Harry B. soll seit Jahren in Kalifornien leben; er führte laut "Los Angeles Times" auch Reisepapiere aus Tschetschenien mit sich und gab an, aus Frankfurt am Main zu stammen.

Die Polizei von Los Angeles ist überzeugt, "den richtigen Mann" erwischt zu haben. Dennoch forderte sie die Bürger auf, wachsam zu bleiben und etwa die Beleuchtung von Garagen und überdachten Parkplätzen nachts eingeschaltet zu lassen. Als die Brandserie am vergangenen Donnerstag begann, wurden innerhalb von zwei Stunden elf Autofeuer in West Hollywood und im San Fernando Valley gemeldet. Beschädigt wurde unter anderem das frühere Haus des verstorbenen Sängers der Band The Doors, Jim Morrison, in Laurel Canyon. Einer der Brände brach am Samstag in dem bei Touristen beliebten Viertel aus, in dem das Grauman's Chinese Theatre und der "Walk of Fame" mit den Sternen der Stars liegen.

Es ging Angst um, Bürger organisierten Nachtwachen. Selbst langjährige Beamte der Polizei und Feuerwehr hatten Mühe, eine vergleichbare Serie von Brandstiftungen in der Geschichte von Los Angeles zu benennen. Der Chef des County Sheriff's Department, James Lopez, konnte sich nur an die Serie von Anschlägen durch John Orr 1984 erinnern. Der frühere Experte für Brandstiftungen, dessen Anschläge vier Menschen das Leben gekostet hatten, wurde zu lebenslanger Haft ohne Bewährungsmöglichkeit verurteilt.

Nach US-Medienberichten durchsuchten Fahnder Harry B.s Apartment am West Sunset Boulevard über einem Friseursalon namens "Le Figaro". Der Besitzer Shlomo Elady nannte B. einen guten Kunden: "Noch vor anderthalb Wochen habe ich ihm die Haare geschnitten; ich habe nie die geringsten Anzeichen für Ärger entdeckt. Ich stehe unter Schock." Eine russische Nachbarin, Galina Illarinowa, soll Harry B. am Sonntag aufgesucht haben und sie aufgeregt um Hilfe bei einem Abschiebungsverfahren gebeten haben. Später habe er ihr gesagt, die Sache habe sich erledigt.

Noch stehen nicht alle Anklagepunkte fest, die gegen Harry B. erhoben werden. Nur die enorme Erleichterung der Bürger von West Hollywood, die sich verfolgt und tödlich bedroht gefühlt hatten. Einer verglich die Jagd auf den Brandstifter mit dem Aufgebot an Patrouillen und Hubschraubern mit einem Batman-Film. Ein Schauspieler namens Dennis Nanney berichtete, wie er versucht habe, Wache zu halten. Irgendwann, gegen ein Uhr morgens, sei er wohl eingenickt. Er wurde von "Feuer!"-Rufen der Nachbarn geweckt. "Es geschah vor meiner Nase, und ich habe es nicht gesehen", sagte Nanney. Kaum eine Stunde später, weniger als einen Kilometer entfernt, wurde Harry B. festgenommen. "Vier Tage Albtraum sind vorbei", sagte Zev Yaroslasky von der Bezirksverwaltung.

Facebook und Twitter sei Dank

Zum Mann der Stunde unter den vielen Hundert Polizisten wurde am Ende jemand, der eigentlich nur ehrenamtlich für die Polizei arbeitet - der Immobilienanwalt Shervin Lalezary. "Er ist ein wahrer Held", sagte Sheriff Lee Baca. "Er arbeitet für einen Dollar im Jahr."

Polizei und Feuerwehr hatten wie nie zuvor von Informationen profitiert, die Augenzeugen und Anwohner über Facebook und Twitter veröffentlichten, Fotos von brennenden Autos, Videosequenzen, nützliche Beobachtungen aller Art. "Dieser Fall ist Social-Media-Phänomen", sagte gar Sheriff Mike Parker. Für manche wurde die Jagd nach dem Brandstifter zu einem Wettbewerb. Der 25-jährige Timothy Ragan sagte nach der Festnahme B.s, er habe nur an den Moment denken können, als Osama Bin Laden getötet wurde und ein junger Mann in der Nachbarschaft als Erster twitterte, dass soeben ein Helikopter der US Navy abgestürzt sei. "Ich wollte diesmal der Erste sein", sagte er. "Offenbar war ich es aber nicht."