Österreich

Tod unter den Schneemassen

Das Drama im Schnee spielte sich vor den Augen ihrer Kinder ab: Die Familie aus Baden-Württemberg und drei weitere Sportler bereiten sich gerade auf der Jöchelspitze im Tiroler Bezirk Reutte auf ihre Tandemflüge mit Gleitschirmen vor, als sie die Lawine sehen.

Etwa 100 Meter über der Gruppe hat sich die Schneemasse gelöst. Sie schießt auf den Startplatz zu. Die Gruppe springt gerade noch rechtzeitig aus dem Weg, als die 44 Jahre alte Frau stolpert und stürzt. Ihr 50 Jahre alter Mann will ihr helfen, doch da ist es schon zu spät.

Die Kinder können sich retten

Die Lawine überrollt das Paar aus dem Enzkreis und begräbt sie unter sich. Die Sportler starten sofort eine Suchaktion und alarmieren die österreichische Bergrettung. 90 Rettungskräfte, drei Hubschrauber und eine Lawinenhundestaffel suchen fieberhaft nach den Deutschen. Nach einer Stunde können sie das Paar nur noch tot bergen. Der 19 Jahre alte Sohn des Mannes und die 13-jährige Tochter der Frau bleiben unversehrt, Notfallseelsorgen kümmern sich um die beiden.

Das Drama, das sich am Mittwochnachmittag ereignete, ist das erste Lawinenunglück mit deutschen Opfern in dieser Saison. Der Zeitpunkt überrascht die Experten nicht. "Seit Anfang Dezember hat es überdurchschnittlich viel geschneit. In den vergangenen Tagen war es außerdem sehr warm - beste Voraussetzungen also für Lawinen", sagt Patrick Nairz vom Lawinenwarndienst Tirol. Das Paar sei aber nicht in eine typische Skifahrerlawine geraten. Bei der Schneemasse, die sich im Lechtal gelöst habe, handele es sich um eine Gleitschneelawine, die die Verunglückten nicht selbst ausgelöst haben. Lediglich Risse in der Schneedecke weisen darauf hin, dass die Masse sich ablöst. Wann solche Lawinen abgehen, ist kaum absehbar. Sie löst sich vor allem an glatten, steilen Grashängen. Seit Jahren hätten Gleitschneelawinen keine Opfer mehr gefordert, sagt Lawinenexperte Nairz. Zusätzlich sei die Schneemasse, die das Paar mitriss, am Ende in einem Schutzdamm aufgefangen worden, wo sich der schwere Schnee bis zu zehn Meter hoch häufte. Die Deutschen seien erst in einer Tiefe von drei und fünf Metern gefunden worden.

Viel gefährlicher für Skifahrer sind normalerweise Schneebrettlawinen. Sie weisen innerhalb der Schneedecke Schwachstellen auf, die durch Skifahrer losgetreten werden. Etwa 90 Prozent der Opfer werden von einer solchen Lawine erfasst. Nach kälteren Temperaturen verbindet sich der nassere Neuschnee nicht so gut mit den alten Schneeschichten, sodass sich einzelne Bretter leichter lösen. Eine dritte Art ist die Lockerschneelawine, die an einem Punkt ausgelöst wird. Dabei rutscht lockerer Schnee nach unten und gleitet birnenförmig bergab. Sie stellt für Wintersportler eine geringere Gefahr da, da diese sie nicht selbst auslösen können.

Wer, wie das deutsche Paar in Tirol, eine Lawine auf sich zukommen sieht, hat meist schon keine Chance mehr, sagt Nairz vom Lawinenwarndienst. Mit durchschnittlich 80 Kilometer pro Stunde rast der Schnee tonnenschwer den Hang hinab. Bis zu 300 Kilometer pro Stunde können die heftigsten Lawinen erreichen. Sie reißen ganze Wälder und Häuser nieder. "Man kann nur noch versuchen, sich an der Oberfläche zu halten und bei Stillstand eine Atemhöhle vor dem Gesicht frei zu halten", sagt Nairz. Wer sich abseits der markierten Pisten aufhält, sollte einen Lawinenpiepser, einen sich selbst aufblasenden Airbag und ein Handy mit sich führen. Die Lawinenwarndienste informieren zudem tagesaktuell über Gefahrenregionen. Meist seien Sonnenhänge in tieferen Lagen betroffen, über 2500 Meter gehen selten Lawinen ab.

Laut Lawinenwarndienst steigt die Gefahr zum Wochenende. In den Alpen werden Neuschnee und wärmere Temperaturen erwartet. Am 1838 Meter hohen Wendelstein in den Bayerischen Voralpen soll es nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes am Sonntag acht Grad plus haben. Nach den kälteren Temperaturen am Freitag und Samstag verbindet sich der nassere Neuschnee nicht so gut mit den alten Schneeschichten. Wenn die oberen Schneeschichten tauen und es zusätzlich, wie für den Sonntag erwartet, regnet, wird der Schnee schwerer, und die Lawinengefahr steigt.

Am Donnerstag wurde im bayerischen Alpenraum oberhalb von 1800 Metern die Warnstufe zwei ausgerufen. Gefahrenstellen waren kammnahe Steilhänge und Übergangsbereiche zu schneereichen Rinnen und Mulden. Zwei steht auf der europäischen Skala der Lawinenwarnstufen für mäßige Gefahr. Die Werte reichen von eins (gering) bis fünf (sehr groß). Für Samstag und Sonntag werden höhere Warnstufen erwartet.

Der europäische Lawinenwarndienst informiert auf www.lawinen.org über aktuelle Gefahrenregionen.