Interview: Gianna Nannini

"Ich mag den Papst. Er ist cool, er ist sehr deutsch"

Ein Gespräch mit Gianna Nannini ist wie ein Feuerwerk aus wilden Gesten, Geistesblitzen, rauem Lachen, das Ganze noch in verschiedenen Sprachen: "Capito? Sorry, wie sagt man?" Da ist ihr neuer Song "Mai per amore", der Videodreh in Berlin.

Und wussten Sie, dass sie auch Wein anbaut? Nur zur Tochter, fleht die Managerin - bitte keine Fragen. Versuchen wird man es natürlich trotzdem. "God Is A Woman" stand auf dem T-Shirt, das die Rocksängerin trug, als sie im Alter von 54 Jahren vom "Vanity Fair"-Cover Italien ihren prallen Babybauch entgegenstreckte. Die Aufregung war groß. Penelope ist jetzt ein Jahr alt und genießt es sichtlich, von ihrer Mutter küssend und tanzend durch das Büro geschunkelt zu werden. Mit ihrer schwarzen Mähne sieht sie selbst schon aus wie ein kleiner Punk.

Berliner Morgenpost: Frau Nannini, wir feiern das Fest der Liebe und Vergebung. Für viele Popstars die Zeit, schnell noch mal mit so einer Schmusenummer rauszukommen. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Gianna Nannini: So was brauch' ich nicht. Kitsch, Vergebung. Ich lebe mein Leben. Basta!

Berliner Morgenpost: Das hätte jetzt auch Silvio Berlusconi sagen können. Der hat auch vor Kurzem eine CD herausgebracht: Lovesongs ...

Gianna Nannini: Berlusconi interessiert mich nicht, und seine Musik noch viel weniger. Ich kenne den Mann nicht, ich habe ihn nie getroffen. Seine Erscheinung bringt mich einfach nur ... zum Lachen.

Berliner Morgenpost: Der Ministerpräsident ist zurückgetreten. Ist das Regime von Bunga Bunga, Brot und Spielen damit nun endlich beendet?

Gianna Nannini: Cara, Liebste, woher, zum Teufel, soll ich das wissen? Ich mache keine Politik, ich mach Musik!

Berliner Morgenpost: Eben. Da fragt man sich doch eigentlich, wo ist jetzt Ihre Stimme? Wo ist die röhrende Rebellin, die auf einer Plattenhülle die "Statue Of Liberty" mit einem Vibrator in der Hand zeigte?

Gianna Nannini: Das war 1979, da ging es um sexuelle Befreiung, um Selbstbefriedigung ...

Gianna Nannini: Heute haben Protestsongs keine Relevanz mehr. Wer hört denn heute noch zu? Machen wir uns nichts vor: Musik ist nur noch Unterhaltung. Lady Gaga. Ein Geschäft.

Berliner Morgenpost: Miuccia Prada, studierte Soziologin, Modeunternehmerin, linksradikal, sagt, sie verzweifle an ihrem Land. Die Frauen seien so schlicht, sie wollten nur große Brüste und Fernsehshows. Das regt Sie nicht auf?

Gianna Nannini: Klischee, Klischee, Klischee. Zu glauben, ganz Italien sei so, das ist doch Blödsinn. Es gibt viele starke Frauen hier, die ihren Unmut auch offen kundtun: Giulia Bongiorno etwa, eine fantastische Anwältin. Es scheint schwerer, das zu zerstören, wofür Berlusconi stand, als ihn selbst: Er hat dieses Bild vom italienischen Macho zementiert und damit nicht nur Frauen degradiert, sondern ein ganzes Land reduziert auf einen, pardon, Schwanz.

Berliner Morgenpost: Bitte, wir sind eine Familienzeitung ...

Gianna Nannini: Haha! Habe ich Sie geschockt? Es ist besser, Texte zu schreien, als jemandem ein Messer in die Schulter zu rammen. Und darum geht's doch: um diese Verklemmung in unserer Gesellschaft. Wir sitzen fest zwischen postfaschistischen Machthabern, Bunga Bunga und einem ultrakonservativen Papst. Wobei, ich mag ja den Papst. Er ist cool, er gibt nicht auf, er ist sehr deutsch. Er hat nichts mit dieser Gefühlsduselei am Hut. Den Italienern fehlt die deutsche Logik.

Berliner Morgenpost: Der Italiener, Erzkatholik, glaubt an das ewige Himmelreich, gleichzeitig träumt er als Möchtegern-Berlusconi davon, auf Viagra Lolitas zu verführen. Woher das Spannungsverhältnis?

Gianna Nannini: Die Leute haben nicht genug - guten - Sex! Daher rührt alles: Gier, Trieb, Unterdrückung, Machtkampf, Gewalt, Verblendung. Ich sage immer: "Leute, brecht endlich euer Schweigen!" Es reicht nicht, Opfer zu sein. Darum geht es auch in meinem neuen Song "Mai per amore" - niemals aus Liebe. Wir müssen sagen, was uns gefällt und was nicht. Es gibt Frauen, die immer noch aus reiner ehelicher Pflicht mit ihrem Mann schlafen. Die machen ihre Turnübungen weiter und weiter aus Angst, ihren Mann sonst zu verärgern. Oder dass er ihnen ihren Schmuck wieder wegnimmt. Man muss sich scheiden lassen, wenn es unmöglich ist, weiterzumachen. Aber auch die Männer sind Opfer, wenn die Frauen stumm bleiben. Es liegt genauso in der Verantwortung der Frauen zu sagen: Verdammt, ich brauch Sex!

Berliner Morgenpost: Sie leben mit einer Frau zusammen.

Gianna Nannini: Mit einer Freundin.

Berliner Morgenpost: Die Ihre Partnerin ist.

Gianna Nannini: Sie ist eher wie eine Schwester für mich. Ich bin als Heterosexuelle geboren. Ich war nicht lesbisch von Geburt an.

Berliner Morgenpost: Was hatte die erste Frau, mit der Sie vom heterosexuellen Pfad abgewichen sind?

Gianna Nannini: Irgendwann wurde ich mal gefragt, warum versuchst du's nicht mal? Wenn man nicht offen ist und experimentiert im Leben, bleibt man dumm. Aber es ging nie von mir aus. Sie haben mich verführt.

Berliner Morgenpost: Ihre Schwangerschaft hat für große Aufregung gesorgt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mit 54 ohne künstliche Hilfe schwanger wird, grenzt an ein Wunder.

Gianna Nannini: Ich bin gesund. Ich muss zugeben, ich hatte Glück, es ist einfach passiert.

Gianna Nannini: Schwanger zu sein war wunderbar! Ich war eins mit mir selbst. Man weint zwar wegen allem, trotzdem fühlte ich mich so viel stärker, erotischer, entschlossener.

Berliner Morgenpost: Trotzdem, das möchte man jetzt schon mal wissen: Viele, und vor allem sehr viel jüngere Frauen versuchen alles und warten vergeblich auf Nachwuchs.

Gianna Nannini: Sehe ich alt aus? Hier, fühlen Sie mal meinen Bauch: Wie ein Brett. Die Geburt hat meinen Körper sogar noch schöner geformt. Ernährung ist wichtig, damit kann man viel erreichen. Ich hatte einen Essplan, viel Obst. Drei Mal die Woche Pilates, das ist gut für den Blutkreislauf.

Berliner Morgenpost: Ach so, Obst und Pilates!

Gianna Nannini: Ich habe nie Hormonspritzen bekommen. Ich habe lediglich eine Fruchtbarkeitsbehandlung gemacht, ein paar kleine Pillen ... Und als ich schwanger war, etwas für meine Blutwerte genommen. Was die Schwangerschaft aber sicher begünstigt hat, ist die Tatsache, dass ich 1983 wiedergeboren wurde.

Berliner Morgenpost: Ah, ja?

Gianna Nannini: Mir ging's ganz schlecht. Keine Drogen. Druck! In meinem Kopf war nur noch: Schreiben, schreiben, schreiben. Panik. Die totale Persönlichkeitsstörung. Schließlich: Nervenzusammenbruch. Die alte Gianna Nannini starb. Da war ich 27.

Berliner Morgenpost: Und was passierte dann?

Gianna Nannini: Krankenhaus, Psychiatrie. Da habe ich angefangen, "Bello e impossibile" zu schreiben oder war es "Fotoromanza"? Danach habe ich mein Leben radikal verändert, indem ich wieder wie ein Kind wurde. Drei, vier Jahre habe ich mich wie ein Kind benommen. Das ist übrigens ein Grund, warum ich bei Penelope vieles gleich verstanden habe: Ich kann in ihre Seele sehen.