Die Ärzte

Grölen und schmachten

Schlangen an den Zapfanlagen, das Rauchverbot wird nicht demonstrativ, aber selbstverständlich ignoriert. Kaum jemand hier ist zum ersten Mal auf einem Ärzte-Konzert, man trägt alte Tour-Shirts, Turnschuhe, ist um die 30 oder sieht zumindest so aus, egal ob man 13 oder 50 ist. Erste Fußballgesänge - "Wir wolln die Ärzte sehen, wir wolln die Ärzte sehn".

Torsten Thissen

Die Bühne ist schlicht und schwarz, auf LED-Leinwänden sind getunte Autos zu sehen - Jubel. Frauen im Bikini - größerer Jubel. Manchmal auch getunte Autos, auf denen sich Frauen im Bikini räkeln - noch größerer Jubel. Burger mit sehr viel Fleisch - irritierter Jubel, und schließlich ein frisch eingeschenktes Glas Bier - der größte Jubel. Ein Spaß ist alles, wie die Idee der Berliner Band, zwei Konzerte nach Geschlechtern zu trennen und sie nach den Geschlechtschromosomen XX (Frauen) und XY (Männer) zu benennen.

Der Spaß beginnt, als Bela B., Farin Urlaub und Rod auf der Bühne erscheinen. Von nun an wird reichlich rumgekumpelt, "Weiberschweine", sagt Bela, kippt Bier, dem das Rumgeprolle am Anfang deutlich mehr liegt als "Fräulein Urlaub". Bela grunzt, erste Boxershorts fliegen auf die Bühne. Schnell noch ein paar Songs rausgehauen, alle hart, alle punkig, "Ja, so muss ein Cowboy sein/ dreckig, feige und gemein!"

"Wie auf einer Junggesellenparty"

Bela und Rod trinken einen Underberg, Farin, der bekennende Nichttrinker, bleibt beim Tee, es gibt Feuerwerk und Flammen auf der Bühne, viel Geknalle, wildes Pogo-Tanzen. "So läuft es bei den Ärzten, wenn sie mal dürfen", sagt Farin. Dann wird zum ersten Mal der Running Gag des Abends eingeführt. Die Band spielt einen Walzer, singt ein paar Zeilen, und am Ende antwortet das Publikum, was zum Beispiel so läuft: "Ich denk, ich bin nicht richtig, was mach ich nur hier, denn das Einzige, was ich will, ist doch ..." Antwort Publikum: "Ficken und Bier." Auf ein angespieltes "Last Christmas" wird mit Buhrufen reagiert.

Nun muss man vielleicht ein bisschen einhaken und erklären, dass auch ein normales Ärzte-Konzert eine Mischung aus Musik und Comedy ist, die vor allem deshalb funktioniert, weil Publikum und Band, wie die Bandmitglieder untereinander, sich auf den Arm nehmen. Wenn etwa die Band nach eineinhalb Stunden auf der Bühne das letzte Lied ansagt, sagt sie auch, dass sie noch mal zurückkommt. Und die, die grölend im Zuschauerraum stehen, sind keine Proleten, Sexisten oder was man sonst meinen könnte, sondern die meisten von ihnen sind Männer, die entweder studieren, studiert haben oder ihr Studium abgebrochen haben. Was das Konzert von einem gemischten Konzert unterscheidet, ist die Auswahl der Songs und vielleicht die Stimmung. Bela sagt, es sei "wie auf einer Junggesellenparty hier", und tatsächlich: Es ist ausgelassener, rockiger, wilder als auf normalen Konzerten. Es wird weniger gesungen, aber mehr getanzt. Seltsamerweise redet die Band noch mehr als auf normalen Konzerten, aber es gibt weniger Kommunikation zwischen ihr und ihrem Publikum. "Wollt ihr wirklich Teenagerliebe? Wisst ihr eigentlich, wie alt wir sind", fragt Farin etwa, und auf einem gemischten Konzert käme wohl ein klares "Jaaa" oder "Neiiin" von unten nach oben, den Männern ist es aber eigentlich egal. Manchmal wirkt es, als sei die beste Band der Welt irritiert deswegen. Doch macht man einfach weiter, ausdiskutieren bringt wohl nicht so viel bei diesem Publikum.

Ja, sie spielen noch "Ist das alles?" und "Claudia hat nen Schäferhund" und "Geschwisterliebe". Bei "Zu spät" kommt nun sogar das Thema Frauen ins Spiel.

"Ihr habt's überstanden, das XY-Konzert mit den drei Volltrotteln aus Berlin ist vorbei." Dann landet ein Hubschrauber auf der Bühne, Bela B., Farin Urlaub und Rodrigo González verlassen ihr Publikum, dass gerade noch über die Smartphones mitbekommt, wie Borussia Dortmund gegen Fortuna Düsseldorf im Elfmeterschießen gewinnt, und so den Abend als beinahe perfekt in Erinnerung behält.

Judith Luig

Die beste Band der Welt, wie die Ärzte sich nennen, spielt heute Abend für die besseren Menschen. Der Rest wurde ausdrücklich vorgewarnt: Männer, die sich dem Konzert in Dortmund nähern, drohte die "standrechtliche Erschießung". Mit der Konsequenz, dass sogar der Flaschensammler vor dem Einlass eine Flaschensammlerin ist.

Auf einer roten Plüschkissensofaschaukel schweben die drei Punkrocker vom Himmel herab auf eine Bühne, die so aussieht, als habe David Copperfield hier schon mal eine Assistentin weggezaubert. Ein Riesenherz blinkt, die Bildschirme flackern romantikrot, und die Frau neben mir flippt völlig aus: "Das ist zu geil", schreit sie, "einfach zu geil."

"Wenn alle Männer Mädchen wären, dann wäre die Welt perfekt", mit diesem Lied starten die Ärzte in den Abend, und eine zeitlang scheint es so, als wäre die Playlist danach ausgesucht, dem weiblichen Publikum zu schmeicheln. Allerdings stellt sich schnell heraus, was los wäre, wenn alle Männer Mädchen wären. Dann nämlich müssten sich die Jungs vielleicht ein etwas komplexeres Bühnenprogramm ausdenken, um das Haus zu rocken. "Bela B.", stellt Farin Urlaub zum dritten Mal seinen Drummer vor. Bei gemischten Konzerten erntet er da jedes Mal begeistertes Schreien. Jetzt aber strahlt ihn nur freundliches Lächeln entgegen und vereinzelte Forderungen, dass man noch etwas mehr von Bela B. sehen wolle, vielleicht etwas ohne diesen weißen Anzug. "Das Namensagen kommt bei den Männern auch besser an", beschwert sich Urlaub. "Die sind simpler und haben seit dem letzten Song längst schon vergessen, wie wir heißen."

Die Bühne ist unterdessen ein einziges Kitschparadies. Die Ärzte singen "Mach die Augen zu und küss mich" - und auf den Bildschirmen erblüht eine gigantische Rose. Später gibt es Goldregen und Feuerwerk und überhaupt irrsinnig viel rotes Licht. Was ein bisschen bescheuert ist: Die Sache mit der standrechtlichen Erschießung passiert dann doch nicht, und es sind einige Typen unterwegs: als Crew, Technik, Security, Brezelverkäufer, Bierverkäufer. Bis auf einen oder zwei haben sie alle Röcke an und blonde Perücken, so dass das Weihnachtskonzert dann noch einen Schuss Karneval abbekommt.

"Schön, euch mal kennenzulernen"

Wenn man mit Mädchen Spaß haben will, muss man sie ärgern, eine alte Faustregel, die Farin Urlaub bestens beherrscht. Urlaub nörgelt an der La-Ola-Kompetenz der Frauen herum, fordert mehr und vor allem härteren Pogo. Und schließlich übt er eine kleine Dressur ein, eines dieser Rituale, die die Ärzte so sehr lieben auch bei Konzerten mit weniger guten Menschen als heute Abend. "Schmacht" und "Kreisch" sollen die Mädchen rufen, wenn Bela oder Rod was sagen, was bei Bela B. allerdings völlig unnötig ist, denn der wird ohnehin massiv angeschmachtet, was ihn zu immer wilderen Ausflügen über die ganze Bühnenbreite animiert, so als wäre sie seine gigantische Spielwiese. "Ich bin echt mal gespannt, wie uns die Jungs da Konkurrenz machen wollen", sagt ein Mädchen.

Die Ärzte sind nicht unbedingt als Frauenversteher verschrien, aber wie man sehen kann, kennen sie sich bestens mit Frauen aus. Ein paar Mädchen sind anfangs noch maulig, dass sie ihren Freund nicht mitnehmen konnten auf das "XX-Konzert", und schickten eifrig SMS, aber schon nach ein paar Liedern gilt die ganze Aufmerksamkeit nur noch den Ärzten. Wenn keine Männer da sind, gibt es auch nicht so viel Interaktion im Publikum. Und nicht so viel Bierholen.

Irgendwann aber, irgendwo zwischen den Mitgröl-Klassikern "Schrei nach Liebe" und "Zu spät", geht es dann richtig ab. Der Blick auf 11 000 Frauen ist den Jungs fast drei Stunden wert.

"Das machen wir jetzt jedes Jahr", sagt Bela B. am Ende. Und Farin Urlaub: "Das war ein echt schöner Abend mit euch. Es war schön, euch mal kennenzulernen." Dann entschweben nach Tausenden von Liebeserklärungen drei beseelte Jungs unter lautestem Getöse in einer Hubschrauberattrappe.