Spanien

Ein ganzes Land spielt Lotto

In Spanien wird die Weihnachtszeit jedes Jahr mit einer spektakulären Lotterierunde eingeleitet. In keinem Land der Welt sammelt sich so viel Geld wie bei der Staatslotterie Loterías y Apuestas del Estado an.

El Gordo - Der Dicke heißt der Hauptgewinn der traditionellen Weihnachtslotterie, die am Vormittag des 22. Dezember 2011 ausgeschüttet wird. In Spaniens Krisenjahr Nummer drei ist El Gordo derart angeschwollen, dass es etwa 3,6 Milliarden Euro zu verteilen gibt. Angst vor dem Absturz des Euro, Inflation, Rezession und Rekordarbeitslosigkeit - von Alicante bis Zaragoza setzen die Spanier ihre letzten Ersparnisse aufs schnelle Losglück. 90 Prozent der Spanier kauften sich diesmal einen Lottoschein und gaben im Schnitt 70 Euro aus.

Milliarden werden verteilt

Auch in der südostspanischen Stadt Lorca in der Provinz Murcia bilden sich in diesen Tagen lange Schlangen vor den Lottogeschäften. Lorca wurde im Mai von einem heftigen Erdbeben durchgerüttelt und sitzt noch immer auf seinen Trümmerbergen. Es fehlt an Geld, um die 20 000 beschädigten Wohnungen zu sanieren. Die spanische Regierung hat kaum helfen können. So wohnen immer noch viele Familien in Containern in Notunterkünften außerhalb der Stadt. Es gab nur neun Tote zu beklagen. Doch hat die mittelalterliche Altstadt mit ihren engen, maurischen Gassen schwere Schäden an den kunsthistorisch wertvollen Bauwerken erlitten. Die Festung und vor allem die 500 Jahre alten Kirchen sind wegen Einsturzgefahr geschlossen.

Um die barocke Kirche San Francisco zu restaurieren, hofft die Franziskaner-Bruderschaft Paso Azul nun auf einen dicken Lottogewinn. Im Museo de Bordados, wo die kostbaren, goldgewirkten Umhänge für die Heiligenfiguren bestickt werden, verkauft Maria Carmen Lottoscheine mit einem kleinen Aufpreis. "Der Staat kann uns nicht helfen, unsere Kirche wieder aufzubauen. Was sollen wir machen? Wir brauchen dringend sechs Millionen Euro." Die Franziskaner waren nach dem Beben unter Lebensgefahr in die Kirche geeilt und hatten die Jungfrau Maria und Jesus leicht beschädigt aus dem Schutt gezerrt. Nun stehen die Figuren in dunklen Wohnzimmern oder im Museum herum. Niemand getraut sich mehr in die Kirche - das Dach könnte einstürzen.

Am Vormittag des 22. Dezember werden sich in ganz Spanien Familien und Freunde vor den Fernsehgeräten versammeln und gebannt die festliche Sonderziehung verfolgen. Praktisch jeder Radiosender überträgt die Weihnachtslotterie aus dem Palacio de Congresos in Madrid. Zwei geschniegelte Kinder der altehrwürdigen Schule San Ildefonso, ehemals ein Waisenhaus für Arme, singen dann die 1774 Zahlen der Gewinnerlose einzeln vor. Das kann sich bis zu vier Stunden hinziehen, denn anders als bei üblichen Lotterien wird so ziemlich alles wieder verteilt, was die Spanier in den letzten sechs Monaten eingezahlt haben. In diesem Jahr werden rund 2000 Preise ausgelost und damit rund 70 Prozent des Jackpots ausgeschüttet. Im Vergleich zum deutschen Lotto mit nur 50 Prozent Gewinnausschüttung ist die spanische Staatslotterie also sehr großzügig.

Verkauft werden die einzelnen Losnummern in Zehnerpacks, den sogenannten décimos - ein Schein kostet 20 Euro. Das bedeutet, dass jeder Gewinner einer gezogenen Nummer seinen Gewinn mit allen anderen Spielern der gleichen Losnummer teilt. So ist die Lottoziehung wie viele Ereignisse in Spanien ein Gemeinschaftserlebnis nach dem Motto: Geteiltes Glück ist doppeltes Glück. Auch Bars und Restaurants verkaufen ihren Stammgästen Lottoscheine. Meist spielen ganze Dörfer in Spielergemeinschaften. Wenn dann ein Dorf, ein Fußballverein oder ein Karnevalsverein gewinnt, wird Weihnachten zur tagelangen Lotto-Fiesta. Dann verschenkt der Bäcker Brot, oder es gibt Freibier für alle.

Symbolische Ziffern sind beliebt

Den Lottozahlen wird eine magische Bedeutung beigemessen. Besonders beliebt sind Lottoscheine mit symbolischen Ziffern, die im Zusammenhang mit erfreulichen Ereignissen stehen. Etwa wenn der Kronprinz heiratet oder Spanien Fußball-Weltmeister wird. Das katalanische Dorf Sort steht bei den Lottospielern besonders in der Gunst. Denn "Sort" heißt auf Katalanisch Glück. In den letzten zehn Jahren kamen alle fünf Hauptgewinner aus Sort, obwohl die Wahrscheinlichkeit, den Hauptpreis zu gewinnen, bei 1:85 000 liegt. Aus ganz Spanien pilgern Familien nach Sort, um hier ihre Lottoscheine zu kaufen, sodass auch künftig die meisten Gewinner aus Sort kommen werden.

Je näher Weihnachten rückt, umso höher steigt das Lottofieber. Am 22. Dezember ab neun Uhr werden auch die Franziskaner aus Lorca die Lotterie gebannt verfolgen. Wird es einen Geldsegen für die Restaurierung des gespaltenen Kirchturms geben? Denn schon rüsten sich die Lorquiner fürs nächste Fest. Zur Semana Santa, dem einwöchigen Osterfest, will man das Erdbeben vergessen haben und die Heilige Jungfrau auf ihrem Thron zurücktragen. "Wir lassen uns nicht unterkriegen. Lorca war immer eine Stadt der Freude. Nun hoffen wir, dass unsere Pechphase beendet ist und uns das Losglück trifft!", hofft Maria Carmen und wedelt mit einem Lottoschein der Bruderschaft mit der Glücksnummer 97610.