Felix Klieser

Ein ganz besonderer Hornist

Das Besondere wird oft mit dem Offensichtlichen verwechselt, und so kommt es, dass ihn die meisten darauf ansprechen, ohne Arme geboren worden zu sein. Felix Klieser ist Hornist, und er spielt mit dem Fuß. Aber nicht das ist das Besondere an ihm.

Um das zu erleben, muss man nicht hinsehen. Sondern zuhören, etwa in der Musikhochschule Hannover. Hier, im Proberaum 202, schraubt der 20-Jährige mit wenigen Fußgriffen den Ständer für sein Instrument zusammen. Dann setzt sich Klieser auf die Bühne, streift den braunen Halbschuh vom linken Fuß und stimmt probehalber einen Ton an. Eine halbe Stunde bleibt ihm, bevor die nächsten Musiker den Übungsraum belegen; nicht viel Zeit, um mit Klavierpartner Christof Keymer an Robert Schumanns Adagio und Allegro op. 70 in As-Dur zu feilen.

Er sitzt mit dem Rücken zum schwarzen Bechstein-Flügel. Die Augen fast geschlossen, die Lippen am Mundstück, die Zehen an den Ventilen. Er hebt an. Weich und rund füllt der Ton den Proberaum, das Klavier perlt zu den warmen Klängen dahin - "Nein, fließender!" Klieser unterbricht abrupt und wendet sich halb zu Keymer um. "Es muss fließender klingen, nicht so statisch. Können wir ab dieser Stelle" - er singt einige Takte vor - "bitte noch mal spielen?" Für Ungeübte klang die Harmonie nahezu vollendet - für Felix Klieser nicht.

Vielleicht ist es dieses Streben nach Perfektion, das den 20-jährigen Göttinger am besten beschreibt oder zumindest erklärt, was ihn antreibt, seit er mit vier Jahren Horn spielen wollte. Ein Musiker, der neben dem Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" zahlreiche Preise gewann und den die Musikhochschule Hannover bereits mit 13 Jahren als Jungstudenten aufnahm; der heute von Markus Maskuniitty, ehemaliger Solohornist der Berliner Philharmoniker, unterrichtet wird und mit den Besten seiner Generation im Bundesjugendorchester um die Welt tourt.

Natürlich fährt er Auto

Die Leidenschaft für das Horn ist das Besondere in seinem Leben. Der Rest ist Normalität. "Natürlich habe ich keine Arme, aber ich führe deshalb kein anderes Leben." Natürlich fährt er Auto, natürlich kommt er in jedem Hotelzimmer alleine zurecht, natürlich trinkt er im Café eine Tasse Kakao. Selbstverständlich, wie Felix Klieser alles mit den Füßen erledigt, geht er auch mit der Unsicherheit anderer Menschen um. Regelmäßig etwa bei ersten Begegnungen, wenn eigentlich der Moment des Händeschüttelns käme. Wenn sein Gegenüber auf ihn zutritt, zögert, stockt - und Klieser dem Augenblick dann mit einem freundlichen "Hallo!" jede Verlegenheit nimmt.

Musikern und Dirigenten, so scheint es, fällt diese Selbstverständlichkeit leichter. Felix Klieser hat schon mit Größen der Branche zusammengearbeitet, zuletzt konzertierte er etwa unter Sir Simon Rattle in der Berliner Philharmonie, aber "noch nie", sagt er, "ist ein Dirigent zu mir gekommen und hat gesagt: 'Das finde ich aber ganz toll, dass Sie hier ohne Arme spielen!'" Ob im Orchester oder beim Vorspiel, entscheidend ist nur, wie er spielt - und nicht, mit welchen Gliedmaßen. Wie jeder andere muss auch Klieser den hohen Ansprüchen genügen, und wenn er nicht gut genug ist, rückt der Nächste nach.

Klieser übt im Schnitt acht Stunden pro Tag. Seit 2010 ist er regulärer Student in Hannover. Als er noch ins Gymnasium ging, musste er seine Lehrer oftmals vorab um den Unterrichtsstoff bitten und diesen dann während einer Tournee selbstständig erarbeiten. Jetzt kann er sich ganz auf die Musik konzentrieren, spielt aber noch dazu im Bundesjugendorchester und auf diversen Solokonzerten - viel Freizeit bleibt da nicht. Felix Klieser macht das nichts aus. Konzentriertes Üben, sagt er, dauere gefühlt nur eine halbe oder ganze Stunde.

Felix Klieser spielt ein Alexander-F/B-Doppelhorn, Modell 103. Unter Musikern heißt es, wer ohne Alexander-Horn zu einem der großen Symphonie-Orchester will, hat keine Chance. Das Instrument ist berühmt für seinen runden, warmen und trotzdem sehr zentrierten Klang - "eine Eigenschaft, die sonst kein anderes Horn auf der Welt besitzt", schwärmt Klieser. Er besitzt sein 103er seit zwei Jahren. Nichts daran ist umgebaut, auch der nach Fingerlänge bemessene Abstand zwischen den Ventilen nicht. Einzig der Ständer, in den Felix Klieser das Horn montiert und auf dem seine Ferse während des Spielens ruht, ist eine Spezialanfertigung. Was für andere eine körperliche Höchstleistung wäre, ist gewohnte Gelenkigkeit. Klieser weiß um die enorme Beanspruchung seiner Muskeln und Gelenke. Er versucht deshalb, in Bewegung zu bleiben, Sport zu machen. Ski allerdings fährt er nicht mehr - die Verletzungsgefahr sei ihm zu groß.

Ein kapriziöses Instrument

Ohnehin muss der 20-Jährige sehr auf seinen Körper achten. Selbst kleinste Einflüsse haben große Auswirkungen - etwa, wenn er Bahn fährt und im ICE-Abteil ein anderer Luftdruck und eine veränderte Luftfeuchtigkeit herrschen: "Die Lippen werden dadurch trockener und die Muskeln dicker. Das wirkt sich dann auf mein Spiel aus", sagt Klieser. Das Horn ist ein kapriziöses Instrument, selbst unter idealen Bedingungen. Jeder Ton wird mit den Lippen erzeugt; Felix Klieser muss genau wissen, wie stark er seine Gesichtsmuskeln anspannen muss, um nicht zu "kieksen", also eine falsche Note zu erwischen. Doch so gut das "Anspannungsgedächtnis" auch sein mag, es ist bei diesem hochempfindlichen Instrument fast unmöglich, fehlerfrei zu spielen. Hornisten nennen es deshalb liebevoll "Glücksspirale". Und Felix Klieser, der Perfektionist, sagt amüsiert: "Vielleicht hab ich es mir deshalb ausgesucht, weil ich dachte: Wenn ich's damit schaffe, schaff ich's mit allem."

Dieser Satz könnte leicht pathetisch klingen - tut er aber nicht. Felix Klieser macht gerne Witze, auch mal auf eigene Kosten, aber nie wird er dabei zynisch oder verbittert. "Es gibt Menschen, die unheimlich mit ihrem Schicksal hadern und jammern. Gerade das will ich eben nicht." Ebenso wenig wie den Sonderstatus, den er durch seine fehlenden Arme automatisch besitzt. Dass die Aufmerksamkeit sich dennoch stets auf ihn richtet, bleibt unvermeidlich. Klieser weiß das. Herausragende Musiker gibt es im Bundesjugendorchester viele, interviewt wird aber er - eben wegen seines Handicaps.

Die halbe Stunde in Raum 202 ist vorbei und Felix Klieser noch nicht zufrieden. Der Hornist packt Ständer und Instrument in seine Tasche und streift sich den Trageriemen selbst über Kopf und Schulter. Natürlich, schießt es einem bei dem Anblick durch den Kopf. Und vielleicht ist es genau das, was neben seiner Ausnahmebegabung das Besondere an Felix Klieser ist: dass das Offensichtliche das Selbstverständliche ist.