Prozess

Ein Verbrecher mit 90 000 Fans

Seit Wochen bereitet sich das Städtchen Coupeville auf der Whidbey Insel vor Seattle auf seine freundliche Erstürmung durch die nationalen Medien vor. Jeder Burgerbudenbetreiber und Bed-and-Breakfast-Anbieter hofft für den 16. Dezember auf blendende Geschäfte außerhalb der Saison.

Die Attraktion des Jahrmarkts trägt viele Namen: Colton A. "Colt" Harris-Moore (20) alias "Barefoot Bandit" alias "Barefoot Burglar" wird sich vor dem Landgericht von Island County im Staat Washington einer Auswahl von rund hundert Straftaten reuevoll schuldig bekennen, um ein Gegengeschäft mit der Staatsanwalt zu erfüllen. Auf den siebzig Plätzen des Gerichtssaals und 75 weiteren im "Medien-Zentrum" werden sich auch einige von "Colts" Bewunderern drängen. Sie formierten sich auf Facebook- und Twitterseiten, in den Glanzzeiten brachte es der Bandit auf 90 000 Jünger: Der "Jesse James des Internetzeitalters" erregte Sehnsüchte und Allmachtsträume pubertierender Schüler. Er war ein Star.

Mindestens zehn Jahre Haft drohen dem "Barfuß-Banditen", der mehr als zwei Jahre lang auf seiner Flucht Richtung Osten durch etliche Bundesstaaten raubte, was ihm gefiel - diverse Autos, zwei Rennboote, fünf Kleinflugzeuge -, die Polizei narrte, bis er nach seinem längsten Raubflug von Indiana auf die Bahamas und der bei ihm üblichen Crash-Landung am 11. Juli 2010 gefasst wurde. Seit er sieben Jahre alt gewesen war, einziger Sohn in einer jämmerlichen Familie, in der Vater und Mutter sich (und Colt) abwechselnd prügelten und sich um ihren Verstand soffen, war er vor seinen Peinigern in die Wälder geflohen und hatte Überleben trainiert. Ein Kleinkrimineller mit dem Kriegsnamen Harley Davidson Ironwing soll Colt in den Grundtechniken des Einbruchs und Autodiebstahls unterwiesen haben. Colton Harris-Moore war ein armer, getretener, räudiger Hund, den niemand wollte. Keine Verwandten, keine Lehrer, keine Mädchen, keine Sozialarbeiter. Aus diesem Verlierer einen postmodernen Huckleberry Finn zu fertigen, kann nur der anonymen Netzgemeinde gelingen. "Er ist kein gewöhnlicher Krimineller", schwärmt Zack Sestak, Leiter des Colton-Harris-Moore-Fanclubs, "er ist ein außergewöhnlicher Verbrecher. Der richtige zur richtigen Zeit."

Wirklich? 20th Century Fox glaubt fest daran. Im April erwarb das Filmstudio die Rechte an dem Drehbuch "Taking Flight: The Hunt for a young Outlaw" (Fliegend auf der Flucht: die Jagd nach einen jungen Outlaw) für 1,3 Millionen Dollar. Das Geld darf nicht dem Kriminellen selbst zugute kommen, so sieht es das Gesetz vor. Colton Harris-Moore hat bei zwei Gerichtsauftritten - zuerst auf den Bahamas, wo er wegen "ungesetzlichen Eindringens" mit einer Geldstrafe davonkam - demütig bekundet, das Honorar für die Filmrechte werde nur zur Wiedergutmachung für die Opfer seiner Raubzüge dienen. Er bereue seine Taten und hoffe, dass sie niemanden zur Nachahmung inspirierten. Es sei nichts Heldenhaftes an seinem Leben. Wie kalkuliert die Bußhaltung auch gewesen mag, der Junge hat Recht.

Mitleid allein hätte er verdient, hätte er die Peinigungen seiner Kindheit nur erlitten, ohne seine Flucht mit einem Rache- und Beutezug an Unbeteiligten zu finanzieren. Er wuchs in dem Trailer seiner Mutter auf Camano Island auf; Nachbarn riefen mehrfach die Jugendschutzbehörden, weil sie sicher waren, dass der Junge missbraucht und vernachlässigt wurde. Sein Vater, Gordon Moore, war drogenabhängig und verbrachte die Jahre von Coltons früher Kindheit im Gefängnis. Er verließ die Familie, nachdem er bei einem Streit Colton gewürgt hatte. In der Schule war der Junge verhaltensauffällig, zu Hause zerstörte er in Wutanfällen mutwillig, was ihm in die Finger kam. Bei einer psychiatrischen Begutachtung gab er an, seine Mutter habe schwer getrunken und habe seine Sachen zerstört.

Schnellboot auf Grund gesetzt

Der Junge, inzwischen ein Teenager von 1,98 Metern Größe, lernte im Wald zu leben, mit 12 Jahren wurde er zum ersten Mal wegen Diebstahls verurteilt. Mit 13 hatte er drei Verurteilungen mehr. Man diagnostizierte Depressionen und Aufmerksamkeits-Schwäche. Die Spirale der Kleinkriminalität trieb ihn nach unten, bis er 2005 zu drei Jahren Jugendhaft verurteilt wurde. Im April 2008 kehrte er von einem Freigang nie mehr zurück. Es begann die Flucht, die im Juli 2010 in einem Yachthafen auf den Bahamas endete. Colton war erkannt worden und wurde verfolgt. Die Kaperung eines Schnellboots misslang, als er es auf Grund setzte und die Polizei seinen Außenbordmotor durch Schüsse zerstörte. Colton warf seinen Laptop, sein Handy und eine gestohlene Pistole über Bord. Das Spiel war aus.

Coltons Anwalt beschreibt seinen Klienten als "liebenswertes, unreifes Kind"; die Absicht, mildernde Umstände für Kindsköpfigkeit herauszuschlagen, ist offenkundig. Die Staatsanwaltschaft hält Colton für einen Gewohnheitsverbrecher, der sein Werk sofort wieder begänne, käme er in Freiheit. Für seine Taten, die Bundesgesetze der USA verletzten, haben Coltons Anwälte sechseinhalb Jahre Haft ausgehandelt, die übrigen Einbrüche und Diebstähle im Staat Washington, in Kanada und in einem halben Dutzend weiterer Staaten müssten ihm mindestens noch einmal dieselbe Strafzeit einbringen. Die Dinge stehen nicht gut für den "Barefoot Bandit", der zu seinem Namen kam, weil er einige Straftaten ohne Schuhe und eine sogar unbekleidet beging. Seine Mutter will er in Untersuchungshaft nicht sehen. Das hat sie nicht gehindert, Prominentenanwälte anzuheuern, die ihre Geschäftsinteressen wahrnehmen. Dass Colton sich selbst das Fliegen beigebracht habe, durch Simulationsspiele und Handbücher, beeindrucke sie am meisten, sagt sie. Schon als Kind habe er nur fliegen wollen.

In Seattle tauchten T-Shirts mit Coltons Konterfei und dem Spruch "Momma Tried" (Mama hat alles versucht) auf; nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. Colton war das Opfer seiner Eltern, bevor er andere zu Opfern machte. Man muss ihm zugute halten, dass er nie einen Menschen verletzte oder bedrohte. Wer mag, kann ihn bewundern für die Kühnheit, ohne Flugausbildung Cessnas durch Gebirge zu steuern und am Ende in einem über fünfstündigen Flug auf die Bahamas. Ein Teufelskerl, der so dreist war, sich einmal mit der Kreditkarte eines Opfers und auf dessen Computer ein Nachtsicht-Gerät für über 5000 Dollar zu bestellen. Oder Pizza an den Rand des Waldes zu ordern, wo er sich versteckte. Wer ihn bewundert, verkennt, wie einsam ein Leben auf der Flucht ist, in ständiger Angst vor Entdeckung. So romantisch wie der reine Stress.

"Er ist außergewöhnlich. Der richtige Verbrecher zur richtigen Zeit"

Zack Sestak, Leiter des Fanclubs von Colton Harris-Moore