Das Blutbad von Lüttich

Vor dem Amoklauf überwies er seiner Freundin sein Geld

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Torsten Thissen

Der Himmel ist dunkel, es stürmt und regnet heftig. Kalt ist es eigentlich nicht, aber niemand käme auf die Idee, bei diesem Wetter länger rauszugehen. So gesehen ist das Wetter der letzten Tage in Lüttich ein Glücksfall.

Man kann nur spekulieren, was an einem sonnigen Dezembertag am Place Saint-Lambert in der Innenstadt von Lüttich passiert wäre, auf einem gut besuchten Weihnachtsmarkt, an einem voll besetzten Kinderkarussell. Nordine Amrani hätte wohl noch mehr Menschen getötet, verletzt. Dabei ist so schon alles schlimm genug an diesem Tag nach seinem Amoklauf.

Belgien trauert. Doch in die Trauer mischt sich auch Wut auf die Behörden. Die Justiz sei zu lasch, sagen viele. Und wie kann es sein, dass Amrani schon einmal mit Waffen erwischt wurde und sich kurz nach seiner Entlassung wieder damit eindeckte?

Viele Bürger legten an der Bushaltestelle, wo die Menschen am Dienstag von Kugeln und Granatsplittern getroffen worden waren, Rosen nieder, manche weinten. "Lasst uns Lüttich als Stadt des Friedens leben", steht auf einem Zettel. Und auch wenn die Stadt, die tags zuvor wie leer gefegt wirkte, wieder bevölkert war, Kinder zur Schule gingen, Erwachsene zur Arbeit, auf Busse wartend: Viele Lütticher sagen heute dennoch, sie fühlen sich nicht mehr sicher, was nicht weiter verwundert nach einer solchen Tat.

"Ich liebe Dich. Alles Gute"

Nordine Amrani tötete zwei Schüler im Alter von 15 und 17 Jahren sowie ein Kleinkind, das gerade 17 Monate alt war. Er verletzte 125 Menschen, wovon mindestens fünf sich gestern noch in Lebensgefahr befanden, darunter auch ein 23 Monate altes Kind und eine 75 Jahre alte Frau, bei der laut eines Radioberichts bereits der klinische Tod festgestellt wurde. Am Morgen nach dem Amoklauf fand die Polizei in einem Schuppen in der Nähe von Amranis Wohnung dann die Leiche einer 45-jährigen Frau.

Vieles ist noch unklar im Fall des Lütticher Amokläufers. Klar ist inzwischen, dass er am Dienstag bei der Polizei vorgeladen war. Amrani habe möglicherweise "Angst gehabt, wieder ins Gefängnis gebracht zu werden", sagte die belgische Innenministerin Joëlle Milquet. Amrani war im September 2008 wegen Drogen- und Waffenbesitzes sowie wegen Sittlichkeitsvergehen zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt worden. Bei ihm waren damals auch ein Waffenarsenal aus 9500 Teilen sowie ein Dutzend funktionsfähige Waffen entdeckt worden. Außerdem besaß er 2800 Marihuanapflanzen.

Auch bei der Vorladung von dieser Woche handelte es sich um eine Anzeige wegen eines Sittlichkeitsverbrechens. Details dazu wurden nicht genannt. Zu solchen Straftaten werden Sexualdelikte wie Missbrauch oder sexuelle Gewalt, aber auch die Verbreitung von Kinderpornografie gezählt. Im November seien erstmals seit seiner Freilassung aus dem Gefängnis im Oktober 2010 Vorwürfe gegen ihn bekannt geworden, sagte die Lütticher Staatsanwältin Danièle Reynders. Laut Reynders konnte Amrani nach Eingang der Klage aufgrund eines am Tatort gefundenen Nummernschilds identifiziert werden. Deshalb sei er am Dienstag bei der Polizei vorgeladen gewesen.

Amrani hatte seinen Amoklauf bereits zu Hause begonnen. Wohl als Vorbereitung und mit dem Wissen, den kommenden Tag nicht zu überleben, überwies er am Montagabend all sein Geld auf das Konto seiner Freundin. In die Betreffzeile schrieb er die Worte: "Ich liebe Dich, meine Liebe. Alles Gute!"

Am Dienstagmorgen schließlich lockte er die Putzfrau seiner Nachbarin unter dem Vorwand in seine Wohnung, er habe Arbeit für sie, und erschoss die arglose Frau. Die Polizei fand die Leiche der 45-Jährigen in einem Schuppen, nahe der Wohnung von Amrani. In dem Schuppen hatte der Amokläufer Cannabis angepflanzt. Später zog er auf den Weihnachtsmarkt, warf vier Granaten, schoss in die Menge und tötete sich mit einem Kopfschuss. "Die rechtsmedizinische Untersuchung hat ergeben, dass er sich in die Stirn geschossen hat", sagte Reynders. Einen Abschiedsbrief hinterließ der 33-Jährige nicht. In der Tasche des Amokläufers wurden aber weitere, nicht abgefeuerte Waffen gefunden.

Als erste Konsequenz aus dem Amoklauf kündigte die belgische Regierung an, verstärkt gegen illegale Waffen vorgehen zu wollen, zudem soll die Überwachung von potenziell rückfälligen Strafgefangenen verbessert werden. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass die Überwachung von Rückfalltätern, die nach ihrer Verurteilung wieder auf freien Fuß gesetzt würden, nicht ausreiche, sagte eine Sprecherin des belgischen Justizministeriums. Auch habe man beschlossen, in Zukunft härter gegen den Handel mit illegalen Waffen vorzugehen.

Die Frage nach dem Motiv des Amokläufers bleibt allerdings weiterhin ungeklärt, die Ermittlungen dauern an. "Er hatte ein sehr komplexes Leben", heißt es bei der zuständigen Staatsanwaltschaft.