Bankräuber und Entführer

"Durch und durch kriminell"

An vielen der 27 Prozesstage hat Thomas Wolf, bis zu seiner Festnahme im Mai 2009 Deutschlands meistgesuchter Verbrecher, heftig geschnauft und geächzt, nachdem er sich die paar Treppenstufen aus den Katakomben des Wiesbadener Landgerichts hochgequält hatte.

Der Mann, der neun Jahre lang dem Bundeskriminalamt (BKA) und einer großen, extra für ihn gegründeten Sonderkommission durch die Finger geschlüpft war, sah erschöpft und alt aus, wenn er sich im Gerichtssaal mit geschlossenen Augen in seinen Stuhl fallen ließ. Diese Auftritte wirkten wie eine stumme, gleichwohl tadelnde Botschaft an die Öffentlichkeit: Seht her, wie mich das Justizsystem zerstört hat. Thomas Wolf wirft den Gefängnisärzten vor, einen Zeckenbiss nicht richtig behandelt zu haben. Jetzt hat er angeblich Lyme-Borreliose, klagt über Kopfschmerz und Schwindel.

Doch am Tag seiner Verurteilung ist der Mann, dem unter anderem zweifacher Bankraub vorgeworfen wird, gut in Form. Der 58-Jährige kommt aufrecht und lächelnd in den Saal. Sein sonnengelber Pullover leuchtet im Blitzlichtgewitter. Ein paar Stunden später verurteilt die 6. Strafkammer des Wiesbadener Landgerichts Thomas Wolf zu 13 Jahren und sechs Monaten Haft und bleibt damit nur knapp unter der vom Gesetz vorgesehenen Höchststrafe von 15 Jahren. Dabei hatte sich Wolf in seinen abschließenden Worten "aus ehrlichem Herzen" bei allen Opfern entschuldigt und einen dringlichen Appell an die Richter abgesetzt: Er lebe seit zehn Jahren in einer festen Beziehung. Er bitte für sich und seine Partnerin um eine "zukunftsweisende Perspektive".

Über viele Jahre hinweg hatte Thomas Wolf immer wieder mit Straftaten für Schlagzeilen gesorgt. Die Fahnder charakterisierten ihn als gestörten Soziopathen, dem jegliche Empfindung fehle. "Aktenzeichen XY" wurde eingeschaltet, an Tankstellen hing sein Fahndungsplakat. Das BKA ließ die eigene Webseite überwachen, um zu sehen, ob irgendein Computernutzer auffällig oft auf das Fahndungbild von Thomas Wolf zugriff. Und als er schließlich Ende Mai 2009 auf der Reeperbahn gefasst wurde, fielen sich gestandene Polizisten in die Arme. Im Frankfurter Polizeipräsidium knallten Sektkorken, die Hamburger Fußpflegerin, die den entscheidenden Tipp gegeben hatte, bekam 40 000 Euro Belohnung und einen dicken Rosenstrauß von der Polizei.

Wolf, der in Düsseldorf aufwuchs, hatte mit 15 zu klauen begonnen, zuerst Fahrräder, Schallplatten oder Zigaretten. Später folgten Straßenraub, Betrug und Erpressung. Er hat Banken überfallen und Menschen mit Bombenattrappen in Panik versetzt. Ihm wurden Verabredung zur Geiselnahme und Gefängnismeuterei vorgeworfen, und Wolf nahm bei den beiden Banküberfällen, die jetzt zur Verhandlung standen, auch tatsächlich Geiseln, darunter sogar eine schwangere Frau. Schließlich entführte er im März 2009 die Gattin eines Wiesbadener Bankmanagers, um 1,8 Millionen Euro Lösegeld zu erpressen.

Sicher ging den Fahndern aber auch die Chuzpe an die Nieren, mit der Wolf sie bloßstellte. Wiederholt war er geflohen, 2000 vom Hafturlaub nicht zurückgekehrt. Ganz frech lebte Wolf, der perfekt Englisch und Holländisch sprechen soll, unter falschem Namen direkt vor der Nase der Ermittler im Frankfurter Nordend.

Wolfs Anwalt Joachim Bremer, der schon den "Kannibalen von Rotenburg" vertrat, hatte versucht, in der neun Monate währenden Verhandlung das früh geformte Bild vom grausamen Verbrecher zu wandeln. Schließlich habe Wolf seine Opfer stets freundlich behandelt, ihnen nie körperlich Gewalt zugefügt. Richter Jürgen Bonk folgte all dem nicht. Sein ganzes Leben lang habe Wolf Menschen in Todesangst versetzt, seine Taten akribisch geplant. Oder wie es die Staatsanwaltschaft im Plädoyer ausdrückte: Thomas Wolf ist "durch und durch kriminell".