Elli Radinger

Der Ruf der Wildnis

Früher musste man, um als richtiger Mann zu gelten, einen Bären erlegt oder wenigstens eine Gams gewildert haben. Der Bärenzahn war am Halskettchen auf behaarter Brust zu tragen. Der Gamsbart zierte den Hut. Heute sind solche Insignien der Männlichkeit wenig angesehen. Überhaupt ist der Weg des Knaben zum Manne ein unsicherer und sich wirr windender Pfad geworden.

Ganz anders bei den Frauen. Ihnen leuchtet auf dem Weg zur Selbstfindung klar und hell ein Stern. Es ist der Wolfskuss. Wenn eine Frau nichts mit sich anzufangen weiß, muss sie sich nur von einem Wolf küssen lassen. Dann fallen alle Zweifel von ihr ab, und sie beginnt vor Selbstsicherheit und Tatendrang zu strotzen.

Die Beschreibungen dieses magischen Momentes finden sich zahlreich in der Literatur. Das jüngste dieser weiblichen Wolfskuss-Zeugnisse stammt von Elli Radinger aus Wetzlar. Ihr Buch "Wolfsküsse. Mein Leben unter Wölfen" ist gerade im Aufbau Verlag erschienen. Bei ihr stellt es sich so dar: "Der Leitwolf sah mich mit gelbbraunen Augen an. Die Ohren aufmerksam nach vorn gerichtet, nahm er schnuppernd meine Witterung auf. Während ich starr stehen blieb, trabte das Raubtier mit leicht federndem Gang los. Sein Körper spannte sich zum Sprung. Er flog direkt auf mich zu. Die handtellergroßen Pfoten landeten auf meinen Schultern, seine weißen Reißzähne waren nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich hielt den Atem an - dann leckte er mir mit seiner rauen Zunge über das ganze Gesicht. Ich wurde von einem Wolf geküsst!"

Elli Radinger ist heute 60 Jahre alt. Von ihrem Häuschen in Wetzlar aus betreibt die einstige Stewardess ihre umfangreichen Wolfsaktivitäten, wenn sie nicht im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark wilden Wölfen auf der Spur ist. Jedes Jahr verbringt sie mehrere Monate dort als freiwillige Helferin beim Wolfs-Monitoring. Die Freilandforschung in der Wildnis, darüber berichtet sie in ihrem Buch, hat ein ganz neues Wolfsbild zutage gefördert. Anders als in Gehegen, wo die Tiere sich nicht ausweichen können, sind Wölfe in freier Wildbahn überhaupt nicht hierarchisch und autoritär organisiert. Sie pflegen ein zärtliches Familienleben und hätten, weiß Elli Radinger, auch Humor. Mit solchem nimmt sie es auch, dass unser Hund in ihrer Gegenwart sofort wölfisches Verhalten annimmt und das Bein am Küchenschrank hebt.

Bei einem Praktikum in einer Forschungsstation kam es vor etwa 20 Jahren zu jenem ebenso feuchten wie schicksalhaften Wolfskuss. Seitdem weiß Elli Radinger, dass Wölfe ihr Leben sind. Sie gibt das "Wolf Magazin", die einzige ausschließlich Wölfen gewidmete Fachzeitschrift in Deutschland, heraus, organisiert Wolfsreisen in den Yellowstone-Park, arbeitet dort als Freilandforscherin und schreibt Bücher über Wölfe und Hunde. Und nun also der Lebensbericht. Ursprünglich hatte sie nur ein weiteres Sachbuch vor. Aber die Lektorin des Aufbau Verlages hatte ein Näschen dafür, dass in Elli Radinger eine ganz andere Geschichte steckt, eine Frauengeschichte, eine Selbstfindungsgeschichte.