Mikronation

Der widerspenstige Staatschef

Die Autobahnausfahrt muss man noch selbst finden, dann weist ein Schild den Weg. Genau genommen steht dort nur "Eli Avivi", aber da Eli einer von genau zwei Einwohnern von Achsivland ist und außerdem Präsident und Regierungschef in Personalunion, gibt es da wenig Raum für Missverständnisse.

An der Hofeinfahrt - oder Staatsgrenze? - dann wieder ein Schild: "Anhalten, Privatbesitz!", steht dort und gleich zwei Mal: "Betreten nur gegen Bezahlung". Ein Ruderboot liegt auf dem Trockenen, Katzen haben schnurrend die Gartenmöbel besetzt, das halbe Dutzend Hunde ist Besucher so gewohnt, dass sie das mit dem Bellen gleich lassen. Im Garten steht ein Holzfass mit der Aufschrift: "Explosionsgefahr, deutsche Wehrmacht".

Und schon kommt die Außenministerin, die gleichzeitig auch Präsidentengattin und Zweite im Staat ist, und kassiert 25 Schekel Eintritt. Achsivland ist eine sogenannte Mikronation, ein Paradies, aber auch eine clevere Geschäftsidee. Irgendwie müsse er den Haushalt ja bestreiten, sagt der 81-jährige Präsident. Seit fast 60 Jahren lebt Eli Avivi auf diesem idyllischen Fleckchen Erde nahe der israelisch-libanesischen Grenze.

1930 im heutigen Iran geboren, wandert seine Familie kurz nach Elis erstem Geburtstag nach Palästina aus, das damals noch britisches Mandatsgebiet war. Schon im Alter von 16 Jahren verlässt er das Haus seiner Familie in Haifa und heuert bei der Untergrundmarine an, um jüdische Einwanderer an den Briten vorbei nach Palästina zu schmuggeln. Als er während des Krieges von 1948 zum ersten Mal am Strand seiner zukünftigen Heimat vorbeisegelt, wird er von den dort lebenden Arabern mit Steinen beworfen. Noch am selben Abend wird das arabische Dorf al-Zib von den jüdischen Truppen erobert, die meisten Einwohner seien in Panik vor den Artillerieangriffen geflohen, schreibt der Historiker Benny Morris. Der Kommandeur der Karmel-Brigade lässt die letzten Bewohner deportieren und das Dorf zerstören.

1970 kamen die Planierraupen

Der See bleibt Eli auch nach dem Unabhängigkeitskrieg treu. Auf Fischerbooten im Mittelmeer und in der Nordsee, schließlich auf großen Schiffen bis nach Island und Norwegen. Am Mittelmeer baut er 1952 schließlich auch sein Haus. Er angelt viel, verkauft Fisch und Obst an die Kibbuzim in der Umgebung und findet bei seinen Tauchgängen im Mittelmeer immer wieder archäologische Artefakte. Eli gründet ein kleines Museum, das aber eher den Eindruck einer archäologischen Rumpelkammer macht. Er trifft und heiratet Rina, die als Außenministerin unter anderem für die Einkäufe zuständig ist.

In den Sechzigerjahren wird Achsivland mit einer ganzen Menge Haschisch und noch mehr Sex zu einem "Ort der Liebe", zu einer Oase der Freiheit mitten in einem Land, dass von den Achtundsechzigern sonst nicht viel mitbekommt, weil es ein Jahr zuvor einen Krieg um sein Überleben führte. Junge Israelis strömen zu Eli und Rina. Doch im Jahr 1970 fällt der israelischen Regierung plötzlich auf, dass Eli gar kein Recht hat, in seinem Paradies zu leben. In seiner Nachbarschaft entstehen Hotels und Vergnügungsparks, ihm wird ein Räumungsbefehl präsentiert, den er ignoriert. Eines Tages kommen die Planierraupen und zerstören sein Haus. "Ich war so wütend, ich habe alle Medien angerufen und eine Pressekonferenz einberufen", erzählt er. "Ich habe allen erzählt, dass ich Israel liebe, dass ich für Israel gekämpft habe, aber dass ich nun in meinem Haus in Ruhe gelassen werden möchte."

Eli ist so wütend, dass er Anfang der 70er-Jahre kurzerhand den unabhängigen Staat Achsivland gründet und sich selbst zum Präsidenten erklärt. Mit dem Gewehr über der Schulter verkündet er, er werde jede Grenzverletzung mit Waffengewalt verhindern. Natürlich klagt die israelische Regierung gegen die Unabhängigkeit. Weil der Präsident von Achsivland aber inzwischen im ganzen Land bekannt ist wie ein bunter Hund, lässt sich die Regierung auf einen Kuhhandel ein und verpachtet ihm das Land für 99 Jahre.

Heute hat der Staat längst eingesehen, dass Elis seltsamer Freistaat eine der größeren Touristenattraktionen der Region ist. Man kann hier auf harten Matratzen in Steinhütten zum Meeresrauschen übernachten oder zelten - gegen Bezahlung natürlich. Sophia Loren war bei ihm zwei Wochen lang zu Gast und Paul Newman. Verheiratete arabische Paare lassen sich in Achsivland gern in voller Heiratsmontur ablichten. Ein Visum braucht man nicht zur Einreise, aber einen Stempel kann man bekommen. Eli vollzieht auch Eheschließungen, allerdings ist vollkommen unklar, welche Länder die Ehen überhaupt anerkennen.

An das Ende denkt Eli nicht, trotz seiner 81 Lebensjahre. Achsivland habe schon so viele Herrscher gesehen, seit es vor 3500 Jahren erstmals kartografisch erwähnt wurde, sagt er. Ägypter, Perser, Phönizier, Römer, Mazedonier und Griechen, Assyrer, Mamelukken, Ottomanen und Kreuzritter. Araber, Briten, Israelis. "Da wird sich schon jemand finden."