Stolzenau

Ein ganz gewöhnlicher "Ehrenmord"

Mit einem Brief wird sie in den Tod gelockt: "Guten Tag unsere liebe Tochter Souzan, es ist sehr lange her, dass wir miteinander gesprochen haben; ob wir es wollen oder nicht, wir sind eben deine Eltern, und du bist unsere Tochter; deshalb sollen wir miteinander reden und die Dinge klären. Wir und deine Brüder vermissen dich sehr ..."

Sechs Monate zuvor ist die 13-jährige Souzan aus ihrem Elternhaus in Nienburg an der Weser geflohen und lebt seitdem in einer vom Jugendamt betreuten Einrichtung. Sie gibt an, vom Vater geschlagen worden zu sein. Aus Angst vor Ali Barakat wird sie aus ihrer Schule genommen, das Jugendamt leitet ein Verfahren ein, um den Eltern das Sorgerecht zu entziehen.

Vorher kommt es jedoch aufgrund des Briefs zu einem Mediationsgespräch. Nach dem Treffen zieht der Vater eine Pistole und erschießt seine Tochter auf offener Straße. Seitdem ist er auf der Flucht. Auch gegen Souzans Mutter ermittelt die Staatsanwaltschaft in Verden.

"Wir sind deine Eltern und möchten gerne von dir wissen, wie es dir nach sechs Monaten geht." So steht es in dem Brief, den die Eltern vermutlich mit einem Flüchtlingshelfer des Diakonischen Werks verfassten; sie selber sprechen nur gebrochen Deutsch. Da hatte Ali Barakat aber schon den Entschluss gefasst, seine Tochter zu töten, um die "Familienehre" zu retten. Sie schien ihm schon dadurch verletzt, dass Souzan, statt jeden Tag im Haushalt zu helfen und auf ihre drei Brüder aufzupassen, als Deutsche unter Deutschen leben wollte.

Freiheit, die zur Bedrohung wurde

Die aufgeweckte Realschülerin war Mitglied im Judo-Verein und bei der Feuerwehr, traf sich gern nach der Schule mit einer Clique - was man halt in einer Kleinstadt so macht. Eine erfolgreiche Integrationsgeschichte. Aber für ihren Vater, der als Flüchtling aus dem Irak hierherkam, gelegentlich bei "Erkan's Imbiss" aushalf und ansonsten gefangen blieb in den patriarchalischen Vorstellungen seiner kurdischen Heimat, bedeutete Integration Ehrverlust. "Souzan starb, weil sie mehr Freiheit wollte", sagen Mädchen, die sie kannten. Die Tragödie besteht darin, dass auch Ali Barakat nach Deutschland kam, weil er hier die Freiheit suchte. Als Angehöriger der unterdrückten Minderheit der Kurden und als Mitglied der verfolgten Religionsgemeinschaft der Jesiden wollte er ohne Angst mit seiner Familie leben können. Doch die Freiheit, die seine Tochter meinte, erschien ihm wie eine tödliche Bedrohung seiner Identität als Kurde, als Jeside und als Mann.

Die Jesiden sind strikte Monotheisten, die nicht an die Existenz eines Teufels glauben, weil das die Allmacht Gottes einschränken würde. Sie verfolgen ihre Wurzeln zurück vor die Entstehung des Christentums, zur zoroastrischen Religion Altpersiens und zum Mithras-Kult der Römer; aber auch Judentum, Christentum und Islam haben ihre Spuren hinterlassen. Die Jesiden weisen stolz darauf hin, dass sie - anders als die Christen und Muslime - nie versucht haben, andere zu bekehren. So sehen sie das Jesidentum, in das man hineingeboren wird, als Religion des Friedens. Was sie aber nicht vor Verfolgung in allen islamischen Ländern geschützt hat. Selbst in Deutschland leben sie nicht nur sicher: 1996 wurde in Hameln ein junger Kurde von einem fanatischen deutschen Muslim ermordet, bloß weil er sich als Jeside zu erkennen gab.

Doch gerade die Selbstgenügsamkeit der Jesiden führt in der offenen Gesellschaft zu Konflikten. Nach jesidischer Überzeugung bedeutet eine Heirat außerhalb der Religionsgemeinschaft so viel wie eine Austrittserklärung, die den Ausschluss aus der Familie und der Gemeinschaft zur Folge hat. Obwohl "Zwangsehen verpönt" sein sollen, wie der Zentralrat der Jesiden erklärt, spüren viele jesidische Mädchen einen starken Druck, den Mann zu heiraten, der für sie ausgewählt wird - oft ist es ein Cousin.

In der Studie des Bundesfamilienministeriums, "Zwangsverheiratungen in Deutschland" heißt es, dass sich unter den 3443 Frauen, die Beratung suchten, 83 Prozent Muslime, aber 9,5 Prozent Jesiden gewesen seien. Dabei bilden die bis zu 40 000 Jesiden weniger als ein Prozent der deutschen Population mit Migrationshintergrund. Das bedeutet, dass entweder die Zwangsheirat unter Jesiden stark verbreitet ist oder dass jesidische Frauen selbstbewusst sind und daher im Verhältnis zu muslimischen Frauen öfter eine der 830 Beratungsstellen aufsuchen. Oder beides.

In Celle jedenfalls, wo sich mit etwa 5000 Mitgliedern die größte jesidische Gemeinde außerhalb des mittleren Ostens befindet, berichtet die Polizei, dass sie jedes Jahr fünf bis zehn Jesidinnen in Schutzprogrammen unterbringt. Zum Teil erhalten die jungen Frauen neue Identitäten. So wie Sükrüya, die mit ihrer Geschichte 2003 an die Öffentlichkeit ging.

Als sie 16 ist, verliebt sie sich in einen pakistanischen Muslim. "Einer meiner Brüder hat geschworen, mich umzubringen", sagt sie. Daraufhin tauchen die Liebenden unter. Seitdem führen sie ein Leben in Angst. Denn nach Auskunft von Staatsschützern bietet die kurdische Terrororganisation PKK gern ihre Dienste an, um geflohene Mädchen aufzuspüren.

Auch junge Männer werden unter Druck gesetzt - sei es, eine bestimmte Frau zu heiraten, sei es, die Finger von anderen zu lassen: "Sie haben gesagt, heiratest du diese Frau, erschießen wir dich", erzählte ein junger Jeside dem Magazin "Frontal 21". Die PKK-Connection könnte auch im Fall Souzan interessant sein, denn bisher kann niemand erklären, wie der unauffällige Döner-Verkäufer Ali Barakat, der wenig Kontakt zur jesidischen Gemeinde in Nienburg hielt, sich eine Waffe besorgen und offensichtlich von langer Hand seine Flucht planen konnte.

Man kann nicht oft genug betonen, dass die Mehrheit der Jesiden friedliebend ist und Gewalt ablehnen. Oft werden sie Opfer falscher Anschuldigungen. "Seit bekannt wurde, dass die 3000 Kurden in Celle bereits 500 Häuser besitzen, keimt unter den rund 70 000 Deutschen der Verdacht, in ihrer Stadt würden Drogengelder gewaschen", schrieb der "Focus" 1998 und zitierte den Oberstadtdirektor Martin Biermann: "Das Ganze stinkt zum Himmel." Leben Migranten von Sozialhilfe, heißt es, sie seien Schmarotzer; sparen sie, um ein Eigenheim zu kaufen, heißt es, sie seien Kriminelle. Tatsächlich ergaben Vorermittlungen keine Verdachtsmomente. Bei den Kurden hat sich trotzdem niemand entschuldigt.

Im Brief an Souzan schrieben ihre Eltern: "Du sollst uns helfen, in dem Du uns sagst, wie, wo und was geändert werden muss." Am Mittwoch soll Souzan auf dem Friedhof der Jesiden in Hannover beigesetzt werden. Wenn ihr Tod irgendeinen Sinn ergeben soll, dann, dass etwas geändert werden muss.

"Sie haben gesagt, heiratest du diese Frau, erschießen wir dich"

Junger Jeside zu dem TV-Magazin "Frontal 21"