ARD-Talkshow

Eine halbe Stunde Wohlfühlen mit Thomas Gottschalk

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Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit fand am Freitagmittag in Berlin die erste Folge "Gottschalk live" statt. Eigentlich soll es erst am 23. Januar losgehen. Im Ersten, Montag bis Donnerstag von 19.20 Uhr bis zur "Tagesschau", will Thomas Gottschalk in seiner Show "unterschiedlichste Themen aus Kultur, Entertainment, Wirtschaft, Politik und Zeitgeschehen aufgreifen" und darüber "mit Experten und Betroffenen" diskutieren.

Und eigentlich war für Freitag die Pressekonferenz anberaumt, am künftigen Sendeplatz, dem Humboldt Carré am Gendarmenmarkt. Der Gründerzeitbau war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Bankensitz, heute ist es ein Veranstaltungsort für jene Events, von denen man einerseits behaupten möchte, dass sie "mitten aus Berlin" kommen, die andererseits aber das gesetzte Publikum nicht verschrecken sollen - der Erbauung dienen kultivierte Bogenfenster und solide Sandsteinsäulen.

Dort also stand Thomas Gottschalk vor den Experten, sprich: Pressevertretern, und führte durch seine Sendung. Normalerweise sitzt bei solchen Anlässen der Hauptdarsteller an einem Tisch auf dem Podium, flankiert von dem Produzenten und dem verantwortlichen Programmleiter und dem Cousin des verantwortlichen Programmleiters. Jeder hat ein Schild vor sich und darf auch mal was sagen. Nicht so bei Gottschalk. Da ist das Erste schlau genug, seinem neuen Anchorman die Bühne frei zu machen. In einem Outfit, das er so oder so ähnlich auch in seiner Sendung tragen werde - brauner Tweedanzug, rosa Hemd und lila Krawatte ("wie der Vater von Indiana Jones") -, legte er eine One-Man-Show hin, die so oder so ähnlich auch gesendet werden könnte.

Er will kein heiterer Hannes sein

Sämtliche angekündigten Themen kamen vor: Die Kultur, schon weil Gottschalk nach wie vor nicht davon lassen kann, sich über die angebliche Geringschätzung seiner Person durch seriöse Zeitungen zu mokieren und dafür am Elfenbeinturm auf eine Weise zu kratzen, bei der man nie weiß, ob er stören will oder um Einlass begehrt. Es ging um Entertainment ("es wird nach hinten gezogenes Frühstücksfernsehen und vorgezogener Late-Night-Talk"), um Wirtschaft ("Ich bin bei der ARD kostenneutral, ich koste nix und bring nix"), Politik ("Ich bin die Wohlfühlhalbestunde zwischen dem Muff des Arbeitstages und dem Elend der Welt in der Tagesschau") und um Zeitgeschehen.

Er sei "kein heiterer Hannes, der seine Augen vor der Wirklichkeit verschließt", sagte Gottschalk. "Es wird Tage geben, wo es nichts zu lachen gibt. Dann werde ich mit der gleichen Verstörtheit im Studio sitzen wie mein Publikum."

Der ",Wetten, dass..?'-Deckel" sei für ihn "zu", so Gottschalk in einem verhältnismäßig ernsten Moment. Nach der Folge, in der Wettkandidat Samuel Koch seinen schweren Unfall hatte, habe die Show für ihn ihre Unschuld und er seinen Spaß daran verloren. Ganz aufzuhören sei keine Option gewesen: "Ich habe mich umgesehen: Gibt es jemanden, der das, was ich mache, besser macht, jünger ist und besser aussieht? Nein."

Wo er recht hat, hat er recht. Man kann gegen Gottschalks Selbstherrlichkeit, sein Unvorbereitetsein, die Altherrenwitze seiner Moderationen einwenden, was man will - einen besseren, universeller einsetzbaren Entertainer hat Deutschland derzeit nicht. Er begegnet Weltstars auf Augenhöhe, weil er um den Spaß am Star-Sein weiß, er wird geliebt vom Volk, schon weil es die einzige Instanz ist, deren Kritik er sich zu Herzen nähme (wenn es denn eine gäbe). Er hat das Prinzip Entertainment verinnerlicht und begriffen wie kaum ein anderer, dass es nämlich weder um die Analyse des Gestern noch um eine Prognose für morgen geht, sondern einzig darum, den Moment so unterhaltsam wie möglich miteinander zu verbringen. Was soll schon schiefgehen, wenn Gottschalk live auf Sendung geht? Nun: Auch er hatte Flops. Den Late-Night-Talk zum Beispiel. Positiv ausgedrückt: Der Mann ist ein Ereignis, er muss ein Ereignis moderieren, keine tägliche Routine.

Show ohne Publikum

Ein paar Veränderungen gegenüber früheren Shows sind ihm klar. Wegen der 20-Uhr-Tagesschau kann Gottschalk nicht mehr überziehen. "Wir werden pünktlich anfangen und pünktlich aufhören" - und wenn er mal mitten im Satz abbrechen müsse, so habe das schließlich auch seinen Reiz. Und noch eins: "Ich werde zur Überraschung aller auch vorbereitet sein", rief er. Bislang gab es deswegen gerne Spott.

Ein Studiopublikum wird es in seiner neuen Show nicht geben, nur prominente Gäste und besagte "Experten" zu aktuellen Themen. Zuschauer können sich über das Internet beteiligen. Hier kann man sich einmal darauf verlassen, dass das nicht das anbiedernde Feigenblatt eines Old-School-Mediums an die Generation Facebook ist. "Ich werde mich nicht zum coolen Internet-User stilisieren, sondern mit der Tapsigkeit meines Alters darangehen", kündigte der 61-Jährige an. Ausgerechnet diese Bescheidenheit nun hat er gar nicht nötig: Gottschalks Karriere begann als Radiomoderator. Es ist völlig unwichtig, ob sein Gegenüber vom Wählscheibentelefon aus anruft oder twittert. Wichtig ist, was Gottschalk daraus macht.