Ehrenmord

Souzan wollte ein anderes Leben

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Alan Posener

Drei Mädchen hocken im Regen am Straßenrand und zünden eine Kerze an. "Souzan hat es verdient, dass wir das für sie tun", sagen sie. "Sie wollte mehr Freiheit. Dafür ist sie gestorben." Sie haben das Mädchen, um das sie trauern, nie gekannt, aber sie ist zu einer Teenager-Märtyrerin geworden: Souzan Barakat.

Das Mädchen wurde von ihrem Vater auf offener Straße niedergestreckt. Im Namen der "Ehre". Sie war dreizehn.

Unweit der Kerzen, Blumen, Teddybären und Abschiedsbriefe - "Warum?" "Du bleibst in unseren Herzen: Klasse 5b" - "Hoffentlich kriegt der Mörder die verdiente Strafe: lebenslänglich!" - steht eine Frau mittleren Alters mit Kopftuch. Ihre Familie wohnt in einer Wohnung oberhalb der psychologischen Gemeinschaftspraxis "Schattensprung", wo sich Souzan am Montag zu einem Mediationsgespräch mit ihren Eltern traf. "Mein Mann und meine Kinder haben alles gesehen", sagt sie. "Meine Kinder können nicht einschlafen."

Das Gespräch, sagt das Jugendamt, sei auf Wunsch der Eltern zustande gekommen. Seit Monaten wohnte Souzan im Heim. Sie wollte weg von zuhause, habe die Enge und Strenge nicht mehr ausgehalten. Nach dem Gespräch hätten die Eltern das Haus zuerst verlassen, erzählt die Frau mit dem Kopftuch. Etwas später sei Souzan mit einem Mitarbeiter des Jugendamts zu einem Minivan gegangen. Ali Barakat sagt zu seiner Frau: "Ich muss mich noch von der Dolmetscherin verabschieden", läuft zurück, zieht eine Pistole und schießt seiner Tochter zweimal in den Kopf und einmal in den Hals. "Bei den Jesiden kommt so etwas immer wieder vor", sagt die Frau, eine türkische Muslima. "Die Jungen dürfen alles machen. Aber die Mädchen? Nichts. Deshalb trifft das Jugendamt auch eine Schuld. Sie hätten das Mädchen besser schützen sollen."

"Sie war ein fleißiges Mädchen"

Sükrü Kaska ist im Vorstand des Gemeindevereins der Jesiden in Nienburg an der Weser, etwa 20 Kilometer von Stolzenau entfernt, wo die Familie Barakat seit 2008 lebte. Im Gemeinschaftszentrum gab er Souzan Religions- und Integrationsunterricht. "Sie war ein fleißiges, ruhiges Mädchen. Und gut in der Schule. Realschule immerhin. Über ihre Familie hat sie sich nie beschwert. Und die Familie hat uns nicht kontaktiert. Wenn es Probleme gibt, versuchen wir zu vermitteln. Aber wir haben nichts geahnt."

Das Gemeinschaftszentrum befindet sich an einer Ausfallstraße, wo Burger King, Billigmöbelhäuser und Autowerkstätten gedeihen, auf einem Hinterhof. In einem kahlen, vom Neonlicht erleuchteten Raum sitzen Männer in ihren Mänteln, trinken süßen Tee, rauchen, reden und spielen Karten. Sie sind Kurden aus der Türkei, Syrien, dem Iran und dem Irak. In ihrer Heimat bilden die Kurden eine verfolgte Minderheit, und unter den Kurden sind die Jesiden ihrerseits eine Minderheit, die von den Muslimen scheel angesehen und von manchen als "Teufelsanbeter" beschimpft werden. Die Jesiden sind Nachfolger der uralten zoroastrischen Religion, die vor der muslimischen Eroberung im Persischen Reich Staatsreligion war. Da sie die Sonne als Gott verehren und ihre Gebete mündlich überliefern, genießen sie nicht den Schutz, den Muslime den "Völkern des Buchs" - Juden und Christen - laut Mohammed schulden. Wie viele Jesiden in Deutschland Asyl gefunden haben, weiß man nicht; die offizielle Zahl ist 80.000.

Ali Barakat floh aus seiner irakischen Heimat hierher. Nun hat ihn die Polizei als Mörder zur Fahndung ausgeschrieben. Am Mittwoch wurde in Minden das Fluchtauto entdeckt. Daraufhin wurde ein von Jesiden bewohntes Haus von Spezialeinheiten umstellt. Doch Ali Barakat war nicht da. "Er sollte sich lieber bei Glaubensbrüdern nicht zeigen lassen", sagt ein Mann im Gemeinschaftszentrum. "Wenn ihn der Clan seiner Ehefrau erwischt, ist er ein toter Mann." Solche Sprüche verdeutlichen den Abgrund, der zwischen der Gesellschaft klafft, in der diese Menschen leben, und ihrer Gefühlswelt. Es ist weniger ein religiöser als ein kultureller Abgrund. Die Jesiden gelten als tolerant. Sie wollen niemanden bekehren. Der Heilige Krieg ist ihnen unbekannt. Aber wenn ein Mädchen versucht, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten, wird das nicht nur als Beschmutzung der Familienehre empfunden, sondern auch als Bruch mit der Religion und der Gemeinschaft. In der Praxis ist familiärer Druck die Regel, sind Ehen zwischen Cousin und Cousine häufig. "Ich habe Ali gefragt, wo lebst du denn? , sagt der Besitzer von "Erkan's Imbiss", schräg gegenüber dem Gemeindezentrum, wo Ali Barakat arbeitete. Als Kurde hat Erkan seinem Landsmann geholfen; als aufgeklärter Muslime hat er oft mit ihm gestritten "Wenn die Jesiden sagen, sie dürfen nicht außerhalb ihrer Gemeinschaft heiraten, sage ich: "Wir leben im Jahr 2011 in Europa." Ali Barakat habe oft mit ihm über seine Sorge wegen Souzan geredet. Er habe aber nie von Gewalt gesprochen.

"Wir sind keine Richter"

Am 1. Dezember haben Souzans Eltern ihrer Tochter einen Brief geschrieben: "Guten Tag unsere liebe Tochter Souzan, es ist sehr lange her, dass wir miteinander gesprochen haben; ...Nun haben wir verstanden, dass wir einige Fehler dir gegenüber gemacht haben, .... Es kann auch sein, dass wir sehr viel von dir verlangt haben, ohne dich zu fragen, wie es dir dabei geht. Wir sind keine Richter und keine Polizei; wir sind deine Eltern..." Ob der Vater zu dem Zeitpunkt schon den Vorsatz gefasst hatte, selbst Richter und Henker seiner Tochter zu sein, weiß man nicht. Souzans Mutter, sagt Kaska, sei verzweifelt. Ihre Söhne sind in der Obhut des Jugendamts; sie selbst muss zwischen Verhören die Bestattung ihrer einzigen Tochter organisieren. "Sie betet und betet." Aber das Beten bringt niemanden zurück.

"Souzan wollte mehr Freiheit. Dafür ist sie gestorben."

Ein Mädchen in Stolzenau

( Mitarbeit: Simone Meyer )