Prozess

"Maskenmann" soll weiteren Jungen missbraucht haben

Martin N. sitzt regungslos da, den Blick hält er gesenkt, als lese er etwas, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Die Momente, in denen der Mann, der sich wegen dreifachen Mordes und sexuellen Missbrauchs in 20 Fällen vor dem Landgericht Stade verantworten muss, aufschaut, sind selten. In einer Situation kämpft er geradezu damit, nicht aufzublicken, doch es gelingt ihm nicht.

Der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp bittet kurz einen Zeugen herein, der bis zum Tag der Verhandlung der Öffentlichkeit unbekannt war.

Ein zierlicher Junge betritt den Saal. Nervös knetet er die eine Hand in der anderen, sein Vater steht schützend an seiner Seite. Der Richter sagt, er werde nun heute doch nicht befragt, auch weil die Verteidigung bat, aufgrund der neuen Sachlage nochmals mit dem Angeklagten sprechen zu wollen. Man werde ihn am Mittwoch befragen, in aller Ruhe. Der Junge nickt kurz und sagt leise: "Ja, ist gut." Als der schmächtige junge Mann im Saal steht, wird der Blick von Martin N. nervös. Seine Augen wandern unentschlossen umher, und dann schaut er einmal kurz hin. Guckt den Jungen an, der Angst hat vor genau diesem Blick.

Der junge Mann hatte sich erst am vergangenen Donnerstag bei der Polizei gemeldet. Einen Tag zuvor hatte sein Stiefbruder, ein Opfer des Maskenmanns, vor dem Gericht ausgesagt. Der 21-Jährige hatte sich erst im Juli, also nachdem Anklage erhoben worden war, gegenüber Ermittlern zu den Vorfällen geäußert. Er gab an, dass es zwischen 2002 und 2004 in einer betreuten Wohngruppe für Kinder und Jugendliche und während eines Urlaubs in Dänemark zu den sexuellen Übergriffen gekommen sei. Er war etwa zwölf Jahre alt, als ihn Martin N., einer seiner Betreuer in der Evangelischen Jugendhilfe, sexuell missbraucht habe.

Aussage am Mittwoch erwartet

Der Mann sei abends in sein Zimmer gekommen und habe ihn gekrault, erzählt er. An einem Abend habe er dann einfach "mehr" gemacht. Er habe nur nicht geschrien, weil sein Bruder neben ihm lag, so gab das Opfer in der TV-Sendung "Kerner" an. Dieser wird nun am Mittwoch aussagen. Die Angaben der beiden Jungen sind deshalb so entscheidend, da sie ausschlaggebend für die mögliche anschließende Sicherungsverwahrung des Maskenmanns sein könnten. Diese ist an die Bedingung geknüpft, dass sich ein pädophiler Hang und sexuelle Übergriffe auch nach dem Mord im Jahr 2001 nachweisen lassen. Das jüngste Opfer gibt an, im Jahre 2007 von dem Angeklagten sexuell missbraucht worden zu sein.

Nachts drang er in Kinderzimmer ein und verging sich an den im Bett schlafenden Jungen, aus Schullandheimen, Internaten und Zeltlagern verschwanden Kinder. Betroffene Kinder sprechen vom großen "schwarzen Mann", in den Medien wird er als "Maskenmann" bekannt - knapp 20 Jahre lang suchte die Polizei vergeblich nach dem unheimlichen Mörder und Kinderschänder. Im April wurde er schließlich in Hamburg gefasst, wo der Bremer seit 2000 wohnte. Der 40-jährige Pädagoge, der in die deutsche Kriminalgeschichte eingehen wird, hat den Großteil der Taten gestanden.

Ein Blick in die Psyche des Mannes gewähren die Aussagen des Fallanalytikers Alexander Horn, der am Montag als Zeuge geladen und im Zuge der Ermittlungen gegen Martin N. von der Sonderkommission "Dennis" herangezogen worden war. Die Kollegen der Soko hatten dem 40-Jährigen am Morgen des 13. April vor seinem Wohnhaus in Hamburg aufgelauert und ihn gegen 7.40 Uhr festgenommen. Martin N. habe keinen Widerstand geleistet.

Während der Autofahrt nach Verden habe man drei Mal anhalten müssen, da Martin N. sich übergeben musste. Im Präsidium weigerte er sich zunächst, eine Aussage zu machen. In dem elfstündigen Verhör habe Martin N. einen gleichgültigen, wenn auch leicht nervösen Eindruck gemacht. "Es stellte sich heraus, dass der Angeklagte eine Vertrauensbasis zu mir aufgebaut hatte. Ich fragte ihn, ob er diesen Eindruck mit mir teile, und er bejahte das", gab Profiler Horn zu Protokoll. Doch zu den Anschuldigungen äußerte sich Martin N. nicht. Wenn, dann fragte er nach, welche Beweise die Ermittler gegen ihn in der Hand hätten.

Als Horn das Verhör gegen 11.30 Uhr am Tag nach der Festnahme fortführte, entschied er sich für eine ungewöhnliche Geste. "Der entscheidende Moment war, glaube ich, als ich ihm meine Hand entgegenstreckte und ihn fragte, ob er vielleicht doch eine Aussage machen wolle", erinnert sich der Fallanalytiker. Der Serienmörder sagte Ja und lehnte sich an seine Schulter. "Ich fragte ihn, ob er der ,schwarze Mann' sei, und er gestand." Als sein Kollege in den Verhörraum kam, sah dieser, wie der Verdächtige an der Schulter seines Kollegen lehnte und weinte. Der 40-Jährige habe erleichtert gewirkt, die Taten habe er unter Tränen gestanden. "Er sagte immer: ,Ich lieb halt auch die Jungs'", gab der Profiler an, der den Mann offenbar an einem wunden Punkt erwischt hatte.

Die Polizei ermittelt noch, hinter welchen ungeklärten Vermisstenfällen Martin N. noch stecken könnte. Wo hat er sich wann aufgehalten? Der nächste Verhandlungstag ist für Mittwoch angesetzt. Ein Urteil wird im nächsten Jahr erwartet.