Bombenfund

Aufatmen in Koblenz

Eine Stadt atmet erleichtert auf. Drei Tage war Koblenz im Bann dreier gefährlicher Bomben aus dem zweiten Weltkrieg, die am vergangenen Freitag bei Niedrigwasser im Rhein gefunden worden war.

Vor allem eine noch immer gefährliche 1,8 Tonnen schwere Luftmine musste entschärft werden - ein einmaliger Aufwand war hierfür erforderlich. Nun ist es geschafft. Die drei Monstren sind ungefährlich gemacht worden. Und niemand kam zu Schaden.

Sonntag in Koblenz: Die Straßen waren verlassen wie in einem Western bevor der Bösewicht auftaucht, der Wind pfiff um die Häuserecken. 45 000 Einwohner waren aus dem Sperrgebiet mit einem Radius von 1800 Metern evakuiert worden. Denn bei einer Detonation wäre Umkreis von 50 Metern jedes Haus eingestürzt.

Stadt im Ausnahmezustand

Drei Tage herrschte in Koblenz Ausnahmezustand: 2500 überwiegend ehrenamtliche Helfer aus ganz Rheinland-Pfalz waren angerückt, um knapp die Hälfte der 104 000 Einwohner aus dem Stadtzentrum zu evakuieren. Am Sonntag um neun Uhr hatten alle Menschen das Sperrgebiet verlassen, waren bei Verwandten oder in einer der sieben Notunterkünfte außerhalb der Sperrgrenze untergekommen. Am Bahnhof Koblenz hielt kein Zug mehr, die Hauptzufahrtsstraßen waren verwaist, der Schiffverkehr stand still. Koblenz glich einer Geisterstadt. Es war der stillste zweite Advent, den es hier je gab.

Dann kam der Abschlussrundgang: Rund 1000 Helfer von Feuerwehr, Polizei und Ordnungsamt klingelten an jeder Haustür, um sicherzugehen, dass alle ihre Wohnungen verlassen hatten. Vier mal rückte der Schlüsseldienst an, um Türen aufzubrechen. Doch die Bewohner hatten lediglich das Licht angelassen.

180 Patienten aus zwei Krankenhäusern und 200 Häftlinge waren schon vor Tagen verlegt worden. Die 350 Bewohner von Seniorenheimen wurden erst Stunden vor der Entschärfung aus ihren Zimmern geholt. Bei vielen Senioren weckte die Räumung Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg, den sie erlebt haben. Georg Berg ist in seiner Kindheit oft geflohen, um sich vor Bombenangriffen zu schützen. "Ich war mehr in Luftschutzkellern als in der Schule", sagt der 77Jährige. Seit halb acht sitzt der Rentner in der Auffangstation der Clemens-Brentano-Realschule am Rande des Sperrgebiets.

12 000 Plätze hatten die Helfer geschaffen, nur etwa 500 davon wurden in Anspruch genommen. Georg Berg ist in Kassel aufgewachsen. Eine Bombe hat 1942 das Haus seiner Eltern ausgebrannt. Vielleicht war es eine HC 4000 (High Capacity 4000 Pfund), wie die gut zwei Meter lange Mine, die gestern im Stadtteil Pfaffendorf unschädlich gemacht wurde. Sie war eine der größten Bomben, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden. Ihre Druckwelle hinterließ weiträumige Zerstörung.

Weil es in den letzten Wochen wenig geregnet hatte, war der Pegel des Rheins niedrig, das Wasser klar. Anwohner hatten die Luftmine vor zwei Wochen von ihrem Balkon aus entdeckt und den Fund gemeldet. Die Kampfmittelräumer entschärften auch eine 180 Kilogramm schwere US-Bombe und sprengten ein Tarnnebelfass. Die kleinere Mine zu entschärfen, war für die Experten wesentlich kniffliger, da sie deformiert und einer großen Belastung ausgesetzt gewesen sei.

Auch eine 90 Jahre alte Dame suchte Zuflucht in der Notfallunterkunft. Von ihrer Wohnung nahe dem Rheinufer war sie durch die Dunkelheit zur Schule gelaufen. Der Wind hatte in ihrer Frisur zerzaust. Sie wurde während des Krieges von Schwerin nach Fehmarn evakuiert. An diesem Tag wieder alles zurücklassen zu müssen, rufe Erinnerungen hervor, die sie eigentlich endlich abschließen wollte. "Ich ärgere mich darüber, dass immer wieder diese alten Bomben gefunden werden", sagte sie gestern, "kann man nicht einmal systematisch den Rhein absuchen und alle Blindgänger unschädlich machen?" Nein, erklärte Jürgen Wagner vom Kampfmittelräumdienst Rheinland-Pfalz. Der Rhein sei überladen mit Eisenschrott, wie Autos und Fahrrädern. Das mache eine Absuche unmöglich. Kein Mensch wisse, wie viele Blindgänger seit über 60 Jahren auf dem Grund des Rheins schlummern. Schiffe fahren über die Minen hinweg, Angler werfen ihre Ruten aus. Kein geringes Risiko für Koblenz, das während des Krieges heftig unter Beschuss geriet.

Die Anspannung war groß

Die Entschärfungsarbeit war knifflig, denn die Zündung der Bombe musste trockengelegt und dafür ein wasserdichter Wall um sie errichtet werden. Als erstes entschärften die Kampfmittelräumer die kleinere US-Fliegerbombe. Die Männer arbeiteten konzentriert, die Anspannung war groß. Der britischen Luftmine näherten sie sich nur auf 150 Meter Entfernung. Hinter einem Haus suchten die Experten Deckung. Von dort aus schraubten sie mit einer Seilscheibe den Zünder heraus. Als letztes sprengten sie das Tarnnebelfass. Der Knall beendete den Großeinsatz. Nach zwei Stunden war alles erledigt. Koblenz konnte zum Alltag zurückkehren.